Stahlharte Sanierung
Thyssenkrupp überrascht mit starken Zahlen – ausgerechnet bei Stahl!
Trotz schwächelnder Konjunktur und geopolitischem Gegenwind liefert der Essener Industrieriese überraschend starke Zahlen für das zweite Quartal. Ausgerechnet die kriselnde Stahlsparte wird zum Ergebnistreiber.
- Bereinigtes EBIT steigt auf 198 Mio Euro dank Stahl
- Marine Systems erzielt Auftragseingang 10,6 Mrd
- Konzern senkt Umsatzprognose und verzeichnet Verlust
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Der Umbau des einstigen Industriedickschiffs Thyssenkrupp zu einer agilen Finanzholding gleicht einer Operation am offenen Herzen. Doch die neuesten Zahlen zeigen: Der Patient ist stabiler als von vielen Analysten erwartet. Wie der DAX-Konzern am Dienstag mitteilte, kletterte das bereinigte operative Ergebnis (EBIT) im zweiten Quartal auf 198 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum standen hier lediglich magere 19 Millionen Euro zu Buche.
Stahlsparte überrascht als Gewinnbringer
Dass Thyssenkrupp die Markterwartungen von 167 Millionen Euro deutlich übertreffen konnte, verdankt der Konzern paradoxerweise seinem größten Sorgenkind: der Stahlsparte. Trotz sinkender Preise lieferte "Steel Europe" den größten Beitrag zum Ergebnissprung. Niedrigere Rohstoff- und Energiekosten sowie die ersten Erfolge des massiven Stellenabbaus federten den Umsatzrückgang ab.
Konzernchef Miguel Lopez zeigt sich optimistisch, dass das Effizienzprogramm Apex trotz eines anhaltend herausfordernden Marktumfelds Wirkung zeige. Dennoch bleibt die Lage unter dem Strich angespannt. Aufgrund hoher Restrukturierungskosten und fehlender Einmaleffekte aus Verkäufen verbuchte Thyssenkrupp einen Nettoverlust von 11 Millionen Euro (nach einem Gewinn von 167 Millionen Euro im Vorjahr).
Marine Systems als Auftragsmagnet
Ein echter Lichtblick ist das Geschäft mit U-Booten und Fregatten. Dank weltweit steigender Verteidigungsausgaben konnte die Sparte "Marine Systems" den Auftragseingang des Konzerns massiv nach oben schrauben. Insgesamt sammelte Thyssenkrupp Aufträge im Wert von 10,6 Milliarden Euro ein – ein Plus von 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Vorsicht beim Ausblick: Geopolitik drückt auf den Umsatz
Trotz der operativen Stärke zeigt sich Finanzvorstand Axel Hamann beim Blick in die Zukunft vorsichtiger. Der Konzern senkte seine Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr leicht ab. Statt eines möglichen Wachstums rechnet man nun bestenfalls mit einer Stagnation oder einem Rückgang von bis zu 3 Prozent. Grund seien die verschärften geopolitischen Unsicherheiten und die schwache Nachfrage der europäischen Automobilindustrie.
Strategischer Umbau: Stahl-Verkauf auf Eis
Strategisch bleibt der Weg klar, aber steinig. Die Verhandlungen mit der indischen Jindal Steel International über einen Einstieg in das Stahlgeschäft wurden vorerst gestoppt. Lopez will die Sparte nun zunächst aus eigener Kraft "fit für die Zukunft" machen, bevor eine Verselbstständigung erfolgt. Teil dieses Plans ist auch die Trennung von Anteilen an den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM), die an den Partner Salzgitter gehen sollen.
Für die Aktionäre bleibt die Botschaft des Quartals gemischt: Thyssenkrupp wird effizienter, doch die hohen Kosten für die soziale Abfederung des Stellenabbaus von bis zu 11.000 Jobs in der Stahlsparte werden die Bilanz noch lange belasten. Der Konzern rechnet für das Gesamtjahr weiterhin mit einem Nettoverlust zwischen 400 und 800 Millionen Euro.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

