Kurs 20 % zu niedrig
Chinas Yuan ist massiv unterbewertet
Der chinesische Yuan müsste um ein Fünftel zulegen, sagen Experten. Während der Markt die Währung unaufhaltsam nach oben treibt, vollführt Peking einen riskanten geldpolitischen Drahtseilakt.
- Yuan rund 20 Prozent unterbewertet, Aufwertung
- Exportüberschuss und Techdominanz treiben Dollar
- Peking bremst Yuanaufwertung, schützt Exportjobs
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Es ist ein Paradoxon, das die globalen Devisenmärkte in Atem hält: Auf der einen Seite kämpft die chinesische Wirtschaft mit einer hartnäckigen Immobilienkrise und verhaltenem Konsum im Inland. Auf der anderen Seite zeigt sich der chinesische Yuan (CNY) gegenüber dem US-Dollar so robust wie seit Jahren nicht mehr. Glaubt man den Analysten der führenden globalen Investmenthäuser, steht die eigentliche Aufwertungswelle erst noch bevor. Der Yuan, so das fast einhellige Urteil von Goldman Sachs bis zur Deutschen Bank, ist fundamental massiv unterbewertet.
Wie passt die heimische Konjunkturschwäche zu einer starken Währung? Die Antwort liegt in der auf Hochtouren arbeitender Exportmaschine der Volksrepublik. Chinas Außenhandelsüberschuss bricht alle Rekorde: Gemessen an der gesamten Weltwirtschaft hat er laut Goldman Sachs ein historisches Ausmaß erreicht.
Modelle der US-Großbank zeigen, dass der Yuan gemessen an dieser fundamentalen Wirtschaftskraft eigentlich um mehr als 20 Prozent unterbewertet ist. Damit läge er bei etwa 5,67 Yuan je US-Dollar, statt der aktuell fälligen 6,80 Yuan. Chinas Dominanz bei den Schlüsseltechnologien der Zukunft – von Solaranlagen über Batterien bis hin zur Elektromobilität – sorgt für einen konstanten Strom an US-Dollar, die von chinesischen Exporteuren zunehmend aggressiv in heimische Yuan umgetauscht werden. Dieser natürliche Kaufdruck stützt die Währung massiv.
Zudem profitiert der Yuan von seiner neuen Rolle als krisensicherer Hafen. Während die Staatsanleihen der USA und Japans unter Inflationssorgen und hoher Staatsverschuldung leiden, fließen globale Gelder vermehrt in den chinesischen Rentenmarkt. Um diesen Trend zu unterstützen und verstärkt Investoren in den zweitgrößten Bondmarkt der Welt zu locken, hat China 2023 ein "Swap Connect"-System eingeführt, das es ausländischen Großinvestoren erstmals ermöglicht, Zinsrisiken im großen Stil professionell abzusichern – ein struktureller Meilenstein auf dem Weg, die Vormachtstellung des US-Dollars zu brechen.
Das alles gibt dem Yuan fast schon zu viel Rückenwind. Für die Führung in Peking und die chinesische Zentralbank (PBOC) wird der Aufwärtsdruck zu einer geldpolitischen Gratwanderung. Einerseits wollen sie den Yuan als globale Reservewährung etablieren und den US-Dollar langfristig zurückdrängen. Ein starker, stabiler Yuan lockt ausländische Notenbanken und Großinvestoren an. Zudem verbilligt er die dringend benötigten Rohstoffimporte des Landes, was die Wirtschaft in Zeiten globaler Unsicherheiten (wie den anhaltenden Spannungen im Nahen Osten) schützt.
Auf der anderen Seite darf der Yuan auf keinen Fall zu schnell steigen. Da der Binnenkonsum in China schwächelt, ist das Land existenziell auf billige Exporte angewiesen. Wertet der Yuan zu rasant auf, werden chinesische Produkte auf dem Weltmarkt schlagartig teurer – was Millionen von Arbeitsplätzen in der heimischen Industrie gefährden könnte.
Die Konsequenz aus diesem Dilemma sind kontrollierte Eingriffe am Devisenmarkt. Über tägliche Referenzkurse (Fixings) und gezielte Marktinterventionen steuert die Zentralbank gegen eine zu dynamische Aufwertung an.
Der Trend ist allerdings klar. Große Investmenthäuser haben ihre Yuan-Prognosen für die kommenden Monate unlängst deutlich nach oben geschraubt:
- Goldman Sachs sieht den Yuan auf Sicht von 12 Monaten bei 6,50 pro US-Dollar (zuvor 6,70).
- Die Deutsche Bank sieht den Kurs bis Ende des Jahres bei 6,55 (zuvor 6,70), bis Ende 2027 sogar bei 6,30.
- HSBC rechnet mit einem moderaten, aber stetigen Anstieg auf 6,65.
Die Marktteilnehmer müssen sich darauf einstellen, dass die ganz große Explosion beim Yuan ausbleiben wird – nicht, weil die Kraft fehlt, sondern weil Peking die Zügel fest in der Hand hält.
Die Reise des Yuan wird aller Voraussicht nach kein wilder Sprint, sondern ein kontrollierter Marathon. Getragen von der enormen fundamentalen Exportstärke und den neuen Finanzmarktreformen dürfte sich die von der Zentralbank tolerierte, "moderate" Aufwertung in den kommenden Monaten schrittweise, aber solide fortsetzen. Für den globalen Handel bedeutet das: Der Yuan wird teurer, aber er bleibt berechenbar.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


