Zentralbanken kaufen ein
Gold-Rallye nimmt wieder Fahrt auf
Der Goldpreis könnte seine Siegesserie der vergangenen Jahre wieder aufnehmen, dank kräftig steigender Käufe der Notenbanken. Dahinter steht ein globaler Reserven-Umbau – weg vom US-Dollar, hin zum Edelmetall.
- Zentralbanken steigern Goldkäufe statt Dollar
- Große Banken sehen Gold deutlich teurer bis Ende 2026
- Geopolitik und Schuldenrisiken treiben Goldreserven hoch
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Der Goldpreis hat nach seiner spektakulären Rallye seit Ende 2022 zuletzt an Schwung verloren. Seit dem Beginn des Iran-Kriegs am 28. Februar 2026 setzte das Edelmetall deutlich zurück, weil höhere Ölpreise, steigende Inflationssorgen und höhere Anleiherenditen den US-Dollar stützten und Gold als zinsloses Asset belasteten. Das ist jedoch nur eine kurze Verschnaufpause, sagen Experten.
Die weltweiten Zentralbanken werden ihre Goldkäufe 2026 noch einmal spürbar ausbauen, erwartet Goldman Sachs und hat die Prognose für die durchschnittlichen Käufe auf 60 Tonnen pro Monat im laufenden Jahr. Nach einer überarbeiteten Berechnungsmethode lag der gleitende 12-Monats-Durchschnitt der Käufe im März bereits bei 50 Tonnen – davor waren es lediglich 29 Tonnen. Seit Jahresbeginn haben sich die Erwartungen an die Notenbank-Käufe also mehr als verdoppelt. Goldman hält deshalb an seinem Ziel fest, dass Gold bis Ende 2026 auf 5.400 US-Dollar je Feinunze steigen kann. Das wäre ein Plus von mehr als 20 Prozent.
Die Zukäufe der Zentralbanken, die ihre Reserven breiter aufstellen wollen, verstärken sich seit Jahren. Gold spielt dabei eine immer wichtigere Rolle, weil es keine Forderung gegenüber einem anderen Staat darstellt, in Krisenzeiten als Wertspeicher gilt und unabhängig vom internationalen Zahlungsverkehrssystem gehalten werden kann.
Der World Gold Council (WGC) meldete für das 1. Quartal 2026 weltweite Netto-Käufe der Zentralbanken von 244 Tonnen. Das waren 17 Prozent mehr als im Vorquartal und zugleich ein Plus gegenüber dem Vorjahr. Besonders aktiv waren Polen, Usbekistan und China. Der WGC wertet die Käufe ausdrücklich als strategische Reservepolitik und nicht bloß als kurzfristige Marktreaktion.
Noch deutlicher wird die Verschiebung in der jüngsten Zentralbank-Umfrage des World Gold Council. 95 Prozent der befragten Notenbanken erwarten, dass die globalen Goldreserven in den kommenden 12 Monaten steigen. 43 Prozent rechnen mit höheren Goldbeständen in den eigenen Reserven. Gleichzeitig gehen 73 Prozent davon aus, dass der Anteil des US-Dollars an den weltweiten Währungsreserven in den nächsten 5 Jahren sinken wird.
Von einer abrupten Entdollarisierung kann zwar keine Rede sein. Der US-Dollar bleibt mit Abstand die wichtigste Reservewährung der Welt. Doch seine Dominanz bröckelt langsam. Nach Daten des Internationalen Währungsfonds betrug der Dollar-Anteil an den globalen Devisenreserven Ende 2025 noch etwa 57 Prozent, nach rund 72 Prozent im Jahr 2001.
Genau diese schleichende Diversifizierung ist entscheidend. Je stärker geopolitische Spannungen, Sanktionsrisiken, hohe Staatsschulden und Zweifel an der Berechenbarkeit der Weltpolitik die Reserveverwaltung prägen, desto attraktiver wird Gold als Gegenpol zum US-Dollar. Das gilt besonders für Schwellenländer und rohstoffreiche Staaten, die ihre Abhängigkeit von westlichen Finanzstrukturen verringern wollen. Diese Entwicklung wird auch von anderen großen Häusern als zentraler Treiber der Goldhausse genannt.
China, Polen, Ghana: Der Goldhunger ist global
Dass der Trend nicht nur auf dem Papier existiert, zeigen einzelne Notenbanken besonders deutlich. Die chinesische Zentralbank kaufte im April 2026 nach Angaben des World Gold Council rund 8 Tonnen Gold und verlängerte ihre Kaufserie damit auf 18 Monate. Es war der stärkste Monatszukauf seit Dezember 2024.
Auch andere Länder bauen Gold als strategischen Reservepuffer aus. Polen arbeitet an einem deutlich größeren Bestand, Usbekistan zählt seit Jahren zu den aktiven Käufern, und Ghana will künftig einen erheblich größeren Teil der heimischen Goldproduktion direkt für die Zentralbank sichern, um die nationalen Reserven zu stärken.
Die Prognosen der großen Häuser sind optimistisch
Goldman ist mit seiner positiven Einschätzung keineswegs allein. Trotz der jüngsten Schwächephase bleiben viele große Banken für Gold konstruktiv:
- Goldman Sachs: 5.400 US-Dollar je Feinunze bis Ende 2026.
- ANZ: 5.600 US-Dollar zum Jahresende 2026.
- JPMorgan: durchschnittlich 5.243 US-Dollar im Jahr 2026, zugleich Potenzial für knapp 6.000 US-Dollar bis Jahresende.
- UBS: 5.900 US-Dollar bis Ende 2026, nachdem zwischenzeitlich 6.200 US-Dollar für mehrere Termine im Jahresverlauf genannt wurden.
- Deutsche Bank: rund 6.000 US-Dollar im Jahr 2026.
- Société Générale: ebenfalls 6.000 US-Dollar bis Jahresende.
Sie alle gehen davon aus, dass Gold kurzfristig etwas verletzlich bleibt, doch strukturell rechnen viele Häuser weiter mit steigenden Preisen. Im Kern geht es um eine größere Verschiebung im globalen Finanzsystem. Zentralbanken kaufen Gold, weil sie ihre Reserven robuster, politisch unabhängiger und weniger US-Dollar-lastig machen wollen.
Dieser Prozess läuft nicht abrupt, sondern schrittweise. Doch er ist stark genug, um Gold auch nach einer heftigen Rallye weiter zu stützen. Solange geopolitische Risiken hoch bleiben, Staatsfinanzen unter Druck stehen und immer mehr Notenbanken ihre Reserven diversifizieren, dürfte Gold ein strategischer Gewinner dieses neuen Umfelds bleiben.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

