Einnahmen sprudeln
Russland profitiert massiv: Der heimliche Gewinner des Nahost-Krieges
Während der Nahe Osten brennt und Washington im strategischen Sumpf versinkt, erlebt Moskau einen beispiellosen Milliardenregen – der den Rubel massiv nach oben treibt.
- Nahostkrieg erhöht Ölpreise und stärkt Rubel
- Höhere Exporterlöse füllen Staatskassen massiv
- Ausnahmeregeln und China stützen Russland
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Der Nahost-Krieg ist für die Weltwirtschaft ein Schock. Für Russland aber wird er zunehmend zur geopolitischen und finanziellen Segen. Während Energieimporteure wie Deutschland unter höheren Öl- und Gaspreisen leiden, füllen sich in Moskau die Kassen. Der Rubel hat gegenüber dem US-Dollar und dem Euro seit dem 19. März um rund 22 Prozent aufgewertet.
Was wie ein Widerspruch zur angespannten Kriegslage Russlands wirkt, folgt einer klaren Marktlogik: Russland verkauft knappe Energie in einem teureren Markt, während die Nachfrage nach Fremdwährungen im Inland gedämpft bleibt. Russlands Öl- und Gaseinnahmen dürften laut Reuters im Mai gegenüber dem Vorjahr um 39 Prozent auf rund 700 Milliarden Rubel steigen. Der Hauptgrund ist der Preissprung am Ölmarkt infolge des Iran-Krieges. Für den russischen Staatshaushalt ist das entscheidend, denn Öl und Gas machen rund ein Fünftel der gesamten Budgeteinnahmen aus.
Damit bestätigt sich ein Szenario, vor dem Ökonomen schon früh gewarnt haben: Der Krieg im Nahen Osten verschiebt die Kräfteverhältnisse zugunsten der rohstoffexportierenden Staaten. In den vorliegenden Analysen wird Russland ausdrücklich als einer der großen Gewinner genannt. Höhere Energiepreise, steigende Exporterlöse und geringere Abschläge auf russisches Rohöl wirken zusammen wie ein Konjunkturprogramm für Moskau. Nach Schätzungen des KSE Institute könnte Russland je nach Dauer des Konflikts 2026 zusätzliche Budgeteinnahmen in Höhe von bis zu 151 Milliarden US-Dollar erzielen.
Hinzu kommt ein politisch heikler Punkt: Ausgerechnet der Versuch der USA, die Lage am Energiemarkt zu stabilisieren, lockert den Druck auf Russland. Wegen der Energieengpässe hat Washington temporäre Ausnahmen bei Sanktionen zugelassen, damit russisches Öl weiter zu Kunden fließen kann. Für Moskau ist das doppelt wertvoll: Die Exportmengen können sich erholen, während zugleich der Preisabschlag auf russisches Öl schrumpft. Damit steigen die Deviseneinnahmen, ohne dass Russland politisch nachgeben muss.
Der Rubel profitiert von dieser Entwicklung direkt. Russische Exporteure erlösen mehr Devisen und tauschen einen Teil davon in Rubel. Gleichzeitig bleibt die Importnachfrage schwach, auch weil die russische Geldpolitik trotz Zinssenkungen restriktiv bleibt. Die Notenbank hat den Leitzins im April zwar auf 14,5 Prozent gesenkt, doch das Zinsniveau ist weiter hoch und dämpft Konsum, Kreditvergabe und Nachfrage nach US-Dollar.
Ein weiterer Stützpfeiler ist China. Der Handel zwischen Moskau und Peking hat sich seit Beginn des Ukraine-Krieges deutlich verschoben. Russland verkauft immer mehr Energie nach China, während beide Länder den US-Dollar schrittweise aus dem bilateralen Handel verdrängen. Zugleich gewinnt der Yuan als Abrechnungswährung an Bedeutung.
Für Moskau ist das strategisch ideal. Der Westen verliert über Sanktionen an Durchschlagskraft, China wird als Abnehmer und Finanzpartner wichtiger, und der US-Dollar verliert im russischen Außenhandel weiter an Gewicht. Was früher über westliche Banken, Dollar-Zahlungen und europäische Märkte lief, verschiebt sich zunehmend in Richtung Yuan, Rubel und alternative Zahlungssysteme.
Allerdings ist die Rubel-Stärke kein Beleg für eine gesunde russische Wirtschaft. Der Kurs ist durch Kapitalverkehrskontrollen, eingeschränkten Devisenhandel und politische Eingriffe verzerrt. Und so willkommen ist die Entwicklung auch gar nicht. Ein zu starker Rubel hilft zwar gegen importierte Inflation, schmälert aber die in Rubel umgerechneten Staatseinnahmen aus Öl- und Gasexporten. Für einen Haushalt, der stark von Energieerlösen und Kriegsausgaben geprägt ist, kann das zum Problem werden.
Trotzdem ist die Richtung klar: Der Nahost-Krieg hat Russland kurzfristig aus einer schwierigen Lage befreit. Vor der Eskalation standen die Energieeinnahmen unter Druck, der Haushalt war angespannt, und die Sanktionspolitik schnitt Moskau weiter vom Westen ab. Nun treiben höhere Ölpreise die Einnahmen, Ausnahmeregeln schwächen die Sanktionsfront, China kauft mehr und der Rubel wertet auf.
Für die USA und Europa ist das eine bittere Ironie. Ein Krieg, der eigentlich die geopolitische Ordnung im Nahen Osten neu sortieren sollte, verschafft ausgerechnet Russland neuen finanziellen Spielraum. Der Kreml bekommt höhere Einnahmen, eine stärkere Währung und zusätzliche Zeit.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


