Trotz Nahost-Krise
LNG-Schwemme voraus – wann sinken die Gaspreise?
Die Erdgas-Preise sind seit Beginn der Nahost-Krise explodiert, doch im Hintergrund braut sich derzeit ein Überangebot zusammen. Die Folge ist, dass Flüssiggas bald drastisch billiger werden könnte.
- Ab 2027/28 droht ein historisches LNG-Überangebot
- Europa füllt Speicher teuer und leidet kurzfristig
- Deutsche Industrie erleidet Übergangsphase bis 2027
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Am globalen Erdgasmarkt findet derzeit eine sehr interessante Entwicklung statt, die großen Einfluss auf die künftigen Gaspreise haben dürfte. Während die Eskalation der Krise im Nahen Osten, Beschädigungen an der katarischen Infrastruktur und die Blockade der Straße von Hormus die LNG-Preise auf den Spotmärkten kurzfristig in die Höhe getrieben haben, formiert sich im Hintergrund bereits das exakte Gegenteil: Eine historisch beispiellose Angebotsschwemme, die den Markt spätestens ab den Jahren 2027 und 2028 fundamental verändern dürfte.
Für Importländer wie Deutschland und den Rest Europas bedeutet dies eine harte Durststrecke in der nahen Zukunft, gefolgt von einer absehbaren, tiefgreifenden Entlastung. Die Entwicklung folgt dem Marktgesetz, dass hohe Preise die Saat für tiefere Preise säen.
Die aktuelle geopolitische Krise hat den globalen LNG-Markt an einem empfindlichen Nerv getroffen. Da rund ein Fünftel des weltweiten Flüssiggases durch die Straße von Hormus transportiert wird, reagierten die Handelsplätze mit drastischen Risikoaufschlägen. Der asiatische Benchmark-Preis (JKM) kletterte in der Spitze um bis zu 84 Prozent gestiegen und der europäische TTF-Future schnellte rund 67 Prozent nach oben.
Doch genau diese Schockwellen lösen nun zwei massive Gegenreaktionen aus. Um die Abhängigkeit von Staaten wie Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten zu verringern, fließt derzeit massiv Kapital in alternative Projekte. Projekte in den USA, Westafrika und Lateinamerika, die noch vor wenigen Monaten als finanzierungsschwach oder unrentabel galten, erhalten durch langfristige Abnahmeverträge (insbesondere aus Asien) das nötige Kapital. Insgesamt befinden sich neue Projekte mit einem Volumen von über 700 Milliarden Kubikmetern in der Planung oder Genehmigung, wie aus Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) hervorgeht. Zum Vergleich: Die weltweite Produktion lag zuletzt bei knapp 600 Milliarden Kubikmetern. Sobald diese Infrastruktur steht – und Katar seine beschädigten Anlagen in einigen Jahren repariert hat –, wird der Markt mit Erdgas geflutet.
Dieses höhere Angebot trifft auf eine sinkende Nachfrage. LNG hat innerhalb von vier Jahren zwei massive Reputationsschocks erlitten: Erst der Ausfall russischen Pipelinegases 2022, nun die Krise im Nahen Osten 2026. Für preissensible Schwellenländer in Asien (wie Indien, Pakistan oder Bangladesch) ist die Volatilität des Spotmarktes dauerhaft nicht tragbar. Die Folge ist eine beschleunigte Abkehr vom Energieträger Gas. Unterstützt durch günstige Photovoltaik-Importe investieren vor allem Länder in Asien massiv in den Ausbau von Solar- und Batteriespeichern. Aus Gründen der nationalen Energiesicherheit wird in einigen Regionen zudem temporär wieder vermehrt auf heimische Kohle gesetzt.
Die langfristige globale Nachfrage nach LNG dürfte daher mittelfristig deutlich schwächer ausfallen, als die Industrie noch vor der Krise prognostiziert hatte.
Was bedeutet das für Europa und Deutschland?
Für die europäische und insbesondere die deutsche Wirtschaft bringt diese Entwicklung eine zweigeteilte Dynamik mit sich. Das Befüllen der Erdgasspeicher für die kommenden Winter dürfte teuer werden, da Europa auf dem angespannten Spotmarkt mit Asien um verfügbare Mengen konkurriert. Erschwert wird die Lage dadurch, dass die Speicherstände zuletzt deutlich gefallen sind und zeitweise nur noch bei rund 23 Prozent lagen. Von der Bundesregierung und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wurde wiederholt darauf verwiesen, dass kein akuter Angebotsengpass bestehe. Dennoch musste später zu deutlich höheren Preisen Gas nachgekauft werden: Während die Preise im Dezember 2025 noch unter 30 Euro lagen, kostete Gas ab März zeitweise etwa doppelt so viel und auch jetzt noch sind die Großhandelspreise bei etwa 49 Ero je Kilowattstunde. Bis zum 1. November müssen die Speicher wieder zu 80 Prozent gefüllt sein. Der aktuelle Stand von knapp 32 Prozent zeigt, dass der Weg dorthin in diesem Sommer noch anspruchsvoll werden dürfte – sowohl organisatorisch als auch finanziell.
Ab 2027/2028 beginnt dann wohl endlich der "Käufermarkt". Dank dem Markteintritt neuer LNG-Terminals weltweit trifft ein Rekordangebot auf sinkende Nachfrage. Die Gaspreise an den Handelsplätzen dürften drastisch sinken. Dank der neu gebauten deutschen LNG-Importinfrastruktur kommt das billige Gas dann direkt bei uns im Land an.
Besonders die energieintensive deutsche Industrie (Chemie, Stahl, Düngemittel) steht vor einer harten Übergangsphase. Wer die kommenden 12 bis 18 Monate wirtschaftlich übersteht, kann jedoch ab Ende 2027 mit einer spürbaren und dauerhaften Entspannung bei den Beschaffungskosten für Erdgas rechnen. Die strukturell sinkende Gasnachfrage in Europa (durch den parallelen Ausbau von Wärmepumpen und erneuerbaren Energien) wird diesen Abwärtstrend beim Preis zusätzlich verstärken.
Verbraucher, die an Gas gebunden sind, müssen etwas die Zähne zusammenbeißen. Wer einen langlaufenden Vertrag mit festgesetzten Preisen hat, kann die aktuelle Preis-Explosion unter Umständen umschiffen. Wenn dann die große LNG-Schwemme ab 2027 rollt, werden die Neukundentarife auf den Vergleichsportalen als Erste einbrechen.
Wer dann noch in der teuren Grundversorgung feststeckt oder alte Verträge ohne Preisgarantie einfach weiterlaufen lässt, zahlt die Zeche für die Trägheit des Marktes. Der effektivste Weg, den globalen Preissturz auf das eigene Konto zu holen, kann daher der regelmäßige, aktive Wechsel des Anbieters sein, sobald die ersten Anzeichen der Schwemme auf den Portalen sichtbar werden.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


