Eigenes Bezahlsystem

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    Brasilien wächst auch ohne die USA, ignoriert Zölle

    Die USA wollen Brasilien mit neuen Zöllen unter Druck setzen. Doch statt Präsident Lula zu schwächen, stärken sie seinen Wahlkampf – und bringen Herausforderer Bolsonaro in Bedrängnis.

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    Eigenes Bezahlsystem - Brasilien wächst auch ohne die USA, ignoriert Zölle

    Eigentlich sollten die neuen US-Zölle Brasilien empfindlich treffen. Doch wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen im Oktober entwickelt sich die Strategie von Donald Trump zunehmend zu einem politischen Bumerang. Statt Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva zu schwächen, liefert Washington dem linken Präsidenten neue Argumente für seinen Wahlkampf – und bringt seinen wichtigsten Herausforderer Flávio Bolsonaro in Erklärungsnot. Dabei profitiert Lula sowieso schon von enorm beliebten Programmen wie der Senkung der Treibstoffpreise.

    Auslöser für die neuen Unstimmigkeiten zwischen Brasilien und den USA ist die Ankündigung Washingtons, zusätzliche Zölle von 25 Prozent auf zahlreiche brasilianische Produkte zu prüfen. Zwar wären nach Angaben der brasilianischen Regierung nur etwa 21 Prozent der Exporte in die USA betroffen, zudem gelten Ausnahmen für wichtige Güter wie Kaffee, Rindfleisch, Energieprodukte oder Flugzeugteile. Dennoch sorgt die Maßnahme für erhebliche politische Aufmerksamkeit.

    Lula reagierte sofort. Seine Kampagne prägte den Begriff "TariFlávio" – eine Wortschöpfung aus "Tariff" (Zoll) und dem Namen seines Gegners Flávio Bolsonaro, berichtet Bloomberg unter Berufung auf informierte Kreise. Hintergrund: Bolsonaro hatte kurz zuvor Washington besucht und sich dort mit Trump getroffen. Für Lula ist das die perfekte Vorlage, um seinen Rivalen als Politiker darzustellen, der ausländische Einmischung in brasilianische Angelegenheiten begünstigt.

    Flávio Bolsonaro versucht zwar, sich von den Zöllen zu distanzieren und betont, er habe in Washington sogar gegen neue Handelsbeschränkungen argumentiert. Doch politisch fällt ihm diese Verteidigung schwer. Zum einen wird seine Nähe zur Trump-Regierung von Lula konsequent ausgeschlachtet. Zum anderen trifft die US-Kritik ausgerechnet ein Symbol des modernen Brasiliens: das Bezahlsystem Pix.

    Das von der brasilianischen Zentralbank entwickelte System wird von rund 170 Millionen Menschen genutzt und hat den Zahlungsverkehr im Land revolutioniert. Für viele Brasilianer ist Pix längst Teil des Alltags – vom Supermarkt, über die Stromrechnung bis zum Strandverkäufer. Umgangen werden dabei die großen US-Kreditkartenfirmen und Tech-Konzerne. Dass die USA das System nun im Rahmen ihrer Handelsuntersuchung kritisieren, eröffnet Lula die Möglichkeit, sich als Verteidiger nationaler Interessen gegen ausländischen Druck zu inszenieren.

    Hinzu kommt, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Lula derzeit in die Hände spielen. Die brasilianische Wirtschaft wuchs im ersten Quartal 2026 um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal und damit stärker als erwartet. Vor allem die Landwirtschaft, die Rohstoffindustrie und der private Konsum sorgten für Rückenwind. Der Leitindex Bovespa hat seit Jahresbeginn 8,5 Prozent zugelegt und die Landeswährung Real ist zu Euro und US-Dollar jeweils mehr als 10 Prozent gestiegen. Die Arbeitslosigkeit liegt auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau und der Konsum wird zusätzlich durch staatliche Hilfsprogramme gestützt.

    Lula hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht: Schuldenerleichterungen für Verbraucher, Hilfen für einkommensschwache Haushalte und zuletzt auch eine Senkung der Dieselpreise über ein staatliches Subventionsprogramm. Die staatlich kontrollierte Petrobras reduzierte ihre Dieselpreise zum 1. Juni um fast 10 Prozent auf 3,30 Reais. Das entspricht 0,57 Euro je Liter Diesel. Für viele Wähler zählt genau das: sinkende Treibstoffkosten, verfügbare Arbeitsplätze und eine weiterhin wachsende Wirtschaft.

    Trotzdem ist die Lage keineswegs unproblematisch. Brasiliens Leitzins liegt weiterhin bei fast 15 Prozent. Kredite bleiben teuer, die Inflation ist insbesondere bei Lebensmitteln und Energie spürbar. Viele Familien kämpfen mit hohen Finanzierungskosten und steigenden Lebenshaltungsausgaben. Gleichzeitig wächst die Sorge um die Staatsfinanzen. Die Staatsverschuldung ist mittlerweile auf mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Ökonomen warnen, dass die umfangreichen Konjunkturprogramme langfristig die Inflation anheizen und künftige Zinssenkungen erschweren könnten.

     

    Doch im Wahljahr überwiegt bislang offenbar der kurzfristige Effekt: Die Wirtschaft wächst, der Staat verteilt Entlastungen und die Opposition muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, zu eng mit Washington verbunden zu sein. Und wenn weniger Waren in die USA fließen, kann unter Umständen ja die EU dank dem neuen Mercosur-Handelsabkommen etwas profitieren.

    Die US-Zölle sollten Druck auf Brasilien ausüben. Bislang scheint jedoch das Gegenteil einzutreten. Dank zahlreicher Ausnahmen bleiben die wirtschaftlichen Folgen überschaubar, während Lula die Maßnahme politisch geschickt nutzt. Er präsentiert sich als Verteidiger brasilianischer Interessen gegen ausländische Einflussnahme und profitiert gleichzeitig von einer überraschend robusten Wirtschaft. Für Flávio Bolsonaro droht der US-Zollstreit damit vom außenpolitischen Thema zum innenpolitischen Problem zu werden – und genau das könnte im Oktober entscheidend sein.

    Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


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    Verfasst vonRedakteurIngo Kolf
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