Nur ein Szenario hilft noch
Morgen entscheidet sich, ob der Tech-Abverkauf erst der Anfang war
JPMorgan sieht die Wall Street auf einem schmalen Grat. Sowohl zu starke als auch zu schwache Jobdaten könnten neue Turbulenzen auslösen.
- Wall Street steht auf einem schmalen Grat
- Goldilocks mit 80.000 Jobs könnte S&P stützen
- Extremwerte bei Jobs oder Renditen lösen Verluste
- Report: SpaceX-Hype zu teuer – Diese 5 Aktien bieten bessere Chancen
Der US-Arbeitsmarktbericht für Mai könnte am Freitag zum nächsten großen Belastungstest für die Wall Street werden. Nachdem der S&P 500 und mehrere große Tech-Aktien zuletzt bereits unter Druck geraten waren, richten sich die Blicke der Anleger nun gleichzeitig auf den Arbeitsmarkt, die Ölpreise, Inflationssorgen und die Spannungen im Nahen Osten.
Besonders aufmerksam verfolgt wird dabei die Einschätzung von JPMorgan Chase. Die Strategen der Bank gehen davon aus, dass sich der Markt derzeit in einer ungewöhnlich empfindlichen Phase befindet. Sowohl zu starke als auch zu schwache Arbeitsmarktdaten könnten neue Turbulenzen auslösen.
Ökonomen rechnen aktuell mit rund 80.000 neuen Stellen außerhalb der Landwirtschaft und einer stabilen Arbeitslosenquote von 4,3 Prozent. Damit würde sich der Arbeitsmarkt weiter abkühlen, ohne jedoch einzubrechen. Genau dieses sogenannte "Goldilocks"-Szenario gilt laut JPMorgan derzeit als bestmöglicher Ausgang für Aktienmärkte. In diesem Fall könnte der S&P 500 um 0,5 bis 1 Prozent steigen.
Die Nervosität bleibt dennoch hoch. Sollte die Zahl neuer Jobs deutlich über den Erwartungen liegen, könnten steigende Anleiherenditen und neue Inflationsängste die Märkte belasten. Besonders anfällig wären dann erneut hoch bewertete KI-, Halbleiter- und Momentum-Aktien, nachdem der jüngste Rücksetzer im Technologiesektor bereits gezeigt hatte, wie empfindlich Anleger inzwischen auf steigende Renditen und Bewertungsrisiken reagieren.
Noch kritischer wäre aus Sicht vieler Investoren jedoch ein deutlich schwächerer Arbeitsmarktbericht. Fällt der Stellenaufbau unter 70.000 oder im Extremfall sogar unter 40.000 neue Jobs, rechnet JPMorgan mit einem breiteren Risikoabbau an den Märkten. In diesem Szenario könnten Sorgen über eine harte Landung der US-Wirtschaft oder sogar Stagflation erneut aufflammen — also eine Kombination aus schwachem Wachstum und hoher Inflation. Laut JPMorgan könnte der S&P 500 bei einem extrem schwachen Bericht zwischen 1 und 1,5 Prozent verlieren.
Die aktuelle Lage macht die Interpretation der Daten besonders schwierig. Einerseits signalisieren Frühindikatoren wie die jüngsten ADP-Daten und die Zahl offener Stellen weiterhin Stabilität. Andererseits schwächen sich Konsum, Einstellungen und Teile des Arbeitsmarkts zunehmend ab. Gleichzeitig sorgen die Spannungen im Nahen Osten und steigende Ölpreise erneut für Inflationsdruck.
JPMorgan betont deshalb, dass die Marktreaktion diesmal weniger von der eigentlichen Zahl neuer Stellen abhängen dürfte als vom Gesamtbild aus Beschäftigungswachstum, Löhnen, Arbeitslosenquote und Anleiherenditen. Besonders entscheidend werde sein, ob die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen nach den Daten erneut anzieht.
Selbst ein überraschend starker Arbeitsmarktbericht wäre dabei keine Garantie für steigende Kurse. Sollte der Stellenaufbau deutlich über 130.000 liegen und gleichzeitig die Renditen stark steigen, könnten Anleger erneut Gewinne bei großen Tech- und KI-Aktien mitnehmen. Genau deshalb dürfte der Arbeitsmarktbericht am Freitag für die Wall Street wichtiger werden als viele klassische Konjunkturdaten zuvor.
Autorin: Gina Moesing, wallstreetONLINE Redaktion

