Boeing denkt wieder groß
Produktions-Hammer bei Boeing: 70 Jets im Monat?
Boeing prüft den nächsten Produktionssprung bei der 737. Für Anleger steckt darin neue Fantasie, aber auch erhebliches Risiko.
- Boeing prüft 737-Produktion auf rund 70 Jets
- Marktchance und Risiko wegen Qualitätsproblemen
- Zielraten 47 dann 52 als kurzfristiger Prüfpunkt
- Report: Achtung, Korrektur!
Boeing prüft Pläne, die Produktion seines 737-Jets über den öffentlich genannten Höchststand von 63 Flugzeugen pro Monat hinaus zu steigern, berichtete der Nachrichtendienst The Air Current am Donnerstag. In dem Bericht heißt es, der Flugzeughersteller prüfe, ob die Zulieferer eine Produktion von etwa 70 Jets pro Monat stemmen könnten. Weiter heißt es, die Studie befinde sich noch in einem frühen Stadium, und Boeing habe noch nicht entschieden, ob man mit der höheren Produktionsrate fortfahren werde.
Eine Steigerung der Produktion auf 70 Flugzeuge pro Monat würde Boeing den Produktionszielen des Konkurrenten Airbus für seine A320neo-Familie näherbringen – Ziele, die der europäische Hersteller aufgrund von Lieferkettenproblemen immer wieder verschoben hat, heißt es in dem Bericht. Noch ist das aber keine beschlossene Produktionsplanung, sondern eine frühe Machbarkeitsstudie: Boeing soll vor allem testen, ob die Zulieferer diese Rate überhaupt zuverlässig mitgehen könnten.
Der aktuelle Stand ist deutlich niedriger. Boeing hatte erst Ende Mai erklärt, die 737-Produktion von 42 auf 47 Maschinen pro Monat anheben zu wollen. Konzernchef Kelly Ortberg sagte, Boeing sei nun auf dem Weg zur Rate von 47 pro Monat und solle diese in den nächsten Monaten erreichen. Boeing selbst bestätigte auf seiner Webseite, dass die Produktion nach einer FAA-Prüfung auf Rate 47 stabilisiert werden soll.
Der nächste offizielle Schritt wäre offenbar 52 Maschinen pro Monat Anfang 2027. Möglich werden soll das auch durch eine vierte 737-Produktionslinie in Everett im US-Bundesstaat Washington. Ortberg machte aber klar, dass der Markt und die Aufsicht genau darauf schauen, ob Boeing die Stufen 47 und 52 sauber erreicht.
Der strategische Hintergrund ist der Wettlauf mit Airbus. Airbus will bei der A320-Familie bis Ende 2027 eine monatliche Rate von 70 bis 75 Flugzeugen erreichen und danach bei 75 stabilisieren. Allerdings ist auch Airbus durch Engpässe belastet, vor allem bei Pratt-&-Whitney-Triebwerken. Im 1. Quartal 2026 lieferte Airbus 114 Verkehrsflugzeuge aus, darunter 81 aus der A320-Familie; der Auftragsbestand lag Ende März bei 9.037 Verkehrsflugzeugen.
Für Boeing wäre eine 70er-Rate ein starkes Signal: Der Konzern würde im wichtigsten Marktsegment, den Mittelstreckenjets, wieder aggressiv zu Airbus aufschließen. Gleichzeitig wäre das riskant. Boeing kommt aus Jahren massiver Qualitäts- und Produktionsprobleme, nach dem 737-MAX-Krisenkomplex, dem Alaska-Airlines-Zwischenfall von 2024 und der FAA-Produktionsdeckelung. Reuters zufolge war die 737-Produktion nach dem Zwischenfall auf 38 Maschinen pro Monat begrenzt worden; inzwischen darf Boeing wieder schrittweise erhöhen.
Die 70er-Rate ist noch Zukunftsmusik. Kurzfristig zählt, ob Boeing die Rate 47 stabil erreicht, dann 52 schafft und dabei keine neuen Qualitätsprobleme auslöst. Für Anleger ist die Meldung trotzdem relevant, weil sie zeigt: Boeing denkt wieder offensiv über Wachstum, Marktanteile und Cashflow nach. Genau dort liegt die Fantasie — aber auch das Risiko.
Die Aktie von Boeing ist am Freitag (13:00 Uhr, MESZ) auf Tradegate leicht im Plus. Ein Anteilsschein kostet 187,40 Euro.
Autor: Paul Späthling, wallstreetONLINE Redaktion

