Inflationsalarm im Euroraum
EZB vor dem Zins-Hammer: Jetzt wird es ernst
Die Inflation im Euroraum droht wieder breiter zu werden. Analysten rechnen mit einer Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank. Für Anleger könnte der Donnerstag zum Stresstest werden.
- EZB-Anhebung um 25 Basispunkte diese Woche
- Breiter werdender Inflationsdruck durch Energiekrise
- Märkte sehen EZB-Sitzung als Stresstest heute
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Die Europäische Zentralbank steht nach Einschätzung mehrerer Marktbeobachter vor einer weiteren Zinserhöhung. Analysten der DZ Bank rechnen damit, dass der Rat der Notenbank bei seiner Sitzung am Donnerstag den Einlagesatz um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent anheben wird. Der steigende Preisdruck im Euroraum, der anhaltende Konflikt im Mittleren Osten und die Sorge vor einer breiter werdenden Inflation dürften die Währungshüter zum Handeln zwingen.
Die DZ Bank erwartet zudem, dass die Europäische Zentralbank ihre Konjunktur- und Inflationsprojektionen nach oben anpasst. Jüngste Aussagen aus der Notenbank deuteten darauf hin, dass das bisherige Basisszenario für die Inflation zu optimistisch gewesen sein könnte. Die künftige Preisentwicklung dürfte sich stärker in Richtung des negativen Szenarios bewegen, das die Europäische Zentralbank bereits skizziert hatte.
Auch personell steht eine Veränderung an. Nach dem Ende der Amtszeit von Luis de Guindos als Vizepräsident der Europäischen Zentralbank übernimmt Boris Vujčić diese Funktion.
Jan Felix Glöckner, Senior Investment Specialist bei Insight Investment, sieht die Märkte bereits auf eine Zinserhöhung vorbereitet. Das Ausbleiben einer Einigung und das erneute Aufflammen der Kampfhandlungen machten ein Eingreifen der Notenbank aus seiner Sicht nahezu unvermeidlich. Die neuen Prognosen dürften eine etwas höhere Inflation und ein etwas schwächeres Wachstum zeigen.
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Glöckner rechnet zudem damit, dass der Energieschock länger anhält. Deshalb sieht er Spielraum für eine zweite Zinserhöhung im weiteren Jahresverlauf. Anleger dürften vor allem darauf achten, ob die Europäische Zentralbank Hinweise für ihren Kurs über Juni hinaus gibt. Nach Einschätzung von Insight Investment wird die Notenbank sich aber alle Optionen offenhalten. Sie dürfte weiter auf neue Daten und die Entwicklung des Konflikts reagieren.
Auch Arend Kapteyn von der UBS Investment Bank hält eine Anhebung um 25 Basispunkte am Donnerstag für weitgehend entschieden. Der Fokus liege nun auf den aktualisierten Projektionen und möglichen Anpassungen der Wirtschaftsszenarien. Aus seiner Sicht haben sich sowohl die Inflations- als auch die Wachstumsaussichten verschlechtert. Offen sei deshalb, ob die Europäische Zentralbank die Markterwartung von mehr als zwei weiteren Zinserhöhungen bestätigen werde.
David Zahn, Leiter des Bereichs europäische Anleihen bei Franklin Templeton, erwartet ebenfalls eine Zinserhöhung am Donnerstag. Er rechnet zudem mit einem weiteren Schritt im September. Die Inflation dürfte in Europa und Großbritannien hartnäckiger bleiben als bislang angenommen. Die Europäische Zentralbank müsse entschlossener handeln, um den ursprünglichen Preisdruck und die Folgeeffekte einzudämmen.
Zahn erwartet eine aggressivere Zinspolitik als im Jahr 2022 nach dem Ausbruch des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine. Damals habe die Notenbank vergleichsweise zurückhaltend reagiert. Diesmal dürfte sie stärker gegensteuern.
Zusätzliche Unsicherheit aus der Politik
Nach Einschätzung von Franklin Templeton stehen mit Frankreich, Italien und Spanien drei der vier größten Volkswirtschaften Europas im kommenden Jahr vor Wahlen. Besonders Frankreich rückt dabei in den Fokus. Vor den Wahlen sei mit einer deutlichen Lockerung der Fiskalpolitik in der Region zu rechnen.
Das könnte die Anleihemärkte belasten. Die Renditeaufschläge französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen haben sich zuletzt auf etwa 65 bis 70 Basispunkte verengt. Zahn hält das angesichts der schwachen Haushaltslage Frankreichs und des erhöhten politischen Risikos für zu niedrig. Ein fairer Wert liege aus seiner Sicht eher bei 100 Basispunkten.
Die Sitzung am Donnerstag gewinnt damit zusätzliche Bedeutung. Nach Einschätzung von Franklin Templeton dürfte die Europäische Zentralbank nicht nur die erwartete Zinserhöhung beschließen. Sie dürfte auch signalisieren, dass sie weiter entschlossen gegen die Inflation vorgehen will.
Europäische Aktien hielten sich zuletzt gut über Wasser. Dabei macht der Nahostkonflikt zunehmend nervöser. Der paneuropäische EURO STOXX 600 stieg in den vergangenen drei Monaten um etwa 6 Prozent.
Autor: Nicolas Ebert, wallstreetONLINE Redaktion
Der STOXX Europe 600 EUR (Price) wird zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Nachricht mit einem Plus von +0,02 % und einem Kurs von 620,0PKT auf Ariva Indikation (09. Juni 2026, 17:42 Uhr) gehandelt.
