Kalkül statt Freundschaft
China lässt Iran fallen
Chinas Partnerschaften kennen keine Geopolitik-Romantik. Am Beispiel des einbrechenden Iran-Ölhandels zeigt sich: Peking kauft gerne billig, schwenkt aber auf Alternativen um, sobald es pragmatischer ist.
- China sichert sich Öl günstig über Schattenflotte
- Peking stoppte Iranimporte bei Sanktionengefahr
- China kauft verstärkt russisches Öl statt Hilfe
- Report: Achtung, Korrektur!
Die Achse Peking–Teheran wird oft als feste geopolitische Allianz gegen den Westen dargestellt. Doch wer die Handelsströme und Pekings strategische Entscheidungen analysiert, erkennt schnell: Für die Volksrepublik gibt es keine festen "Verbündeten" im traditionellen Sinne, sondern eher Interessengemeinschaften. China betreibt Außenhandel mit der Präzision eines Großkonzerns.
Der Iran diente dabei jahrelang als hochwillkommene, weil sanktionsbedingt extrem billige Tankstelle. Doch nun, da die Öllieferungen durch die Straße von Hormus praktisch abgeriegelt sind und die USA den physischen und wirtschaftlichen Druck massiv erhöhen, zeigt Peking seine pragmatische Kälte.
In der Vergangenheit hat China Schlupflöcher in den Sanktionen gegen iranisches Öl ausgenutzt und ein System aufgebaut, dass es dem Land ermöglichte, das Erdöl sogar noch günstiger als zuvor zu importieren. Während große, staatliche chinesische Energiekonzerne (wie Sinopec) den Handel mit sanktioniertem Öl meiden, um ihre globalen Geschäfte und den Zugang zum US-Dollar-System nicht zu gefährden, schaltete Peking kleine, unabhängige Privat-Raffinerien, die sogenannten "Teapots", vor. Diese kauften über undurchsichtige Mittelsmänner und eine "Schattenflotte" fast 90 Prozent des iranischen Rohöls – mit massiven Rabatten von oft 8 bis 10 US-Dollar unter dem Weltmarktpreis. Mit anderen Worten: China hat von den US-Sanktionen gegen den Iran sogar noch profitiert.
Für den Iran war dies die wirtschaftliche Lebensader; für China die Chance, gigantische strategische Ölreserven (schätzungsweise über 1,2 Milliarden Barrel) zu Spottpreisen aufzubauen und gleichzeitig die eigene Wirtschaft zu subventionieren. Dieses System funktionierte reibungslos, solange die US-Sanktionen nur auf dem Papier existierten und riesige Schlupflöcher boten. Das aktuelle Szenario hat die Spielregeln jedoch radikal verändert.
Die militärische Abriegelung der Transportwege durch die US-Marine im Zuge der jüngsten Eskalationen im Nahen Osten blockiert den Fluss iranischen Öls physisch. China riskiert keinen militärischen oder seerechtlichen Konflikt, um iranische Tanker zu eskortieren. Zudem hat die US-Regierung begonnen, auch große unabhängige Akteure in China (wie Hengli Petrochemical) direkt zu sanktionieren. Sobald Chinas eigene Industrie ernsthaft bedroht ist, zieht Peking die Reißleine. Während Anfang des Jahres noch täglich etwa 1,8 Millionen Barrel an iranischem Öl importiert wurden, waren es im Mai nur noch 160.000 Barrel, zeigen Bloomberg-Daten.
China befindet sich in einer Position der Stärke. Die strategischen Ölreserven sind prall gefüllt. Und die rasant fortschreitende Elektrifizierung des heimischen Verkehrsmarktes (E-Mobilität) und der massive Ausbau regenerativer Energien drosseln den langfristigen Durst nach Rohöl. Dass China keine Träne für Teheran vergießt, zeigt auch der Blick auf den globalen Markt. Die chinesische Nachfrage bricht nicht ein, weil das Land kein Öl mehr braucht, sondern weil es flexibel umschwenken kann. Wenn der Iran nicht mehr liefern kann oder das Risiko zu hoch wird, kauft Peking eben verstärkt in Moskau ein. Und russisches Öl ist derzeit sehr günstig.
China hat den Iran wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Es gab keine diplomatische Rettungsaktion, keine Militär-Konvois für iranische Öltanker oder wirtschaftlichen Garantien aus Peking. Vielmehr ist der aktuelle Einbruch des iranischen Ölgeschäfts das perfekte Lehrstück für Chinas globale Handelsstrategie: Peking nutzt die Notlage sanktionierter Staaten gerne aus, um sich billige Rohstoffe zu sichern und gleichzeitig im Hintergrund an der eigenen Unabhängigkeit (durch den massiven Ausbau erneuerbarer Energien und E-Mobilität) zu arbeiten.
Gerät der Partner jedoch so stark unter Druck, dass China selbst ökonomische oder geopolitische Blessuren davontragen könnte, wird die Partnerschaft ohne Zögern eingefroren. Für den Iran ist das schmerzhaft – für China ist es schlicht rationaler Pragmatismus.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


