Gaspreis sackt ab
Erdgas wird rasant billiger – das erwarten Experten für den Rest des Jahres
Nach monatelanger Rallye sacken die europäischen Gaspreise rasant ab. Wie die weiteren Aussichten sind und wann der Preissturz endlich auf Ihrer Abrechnung ankommt.
- Europäische Gaspreise fallen binnen weniger Tage
- Einigung zwischen USA und Iran öffnet Hormus
- Neukunden merken Rückgang, Bestandskunden später
- Report: Achtung, Korrektur!
Die Erleichterung an den Energiemärkten ist messbar: In weniger als einer Woche sind die europäischen Erdgaspreise am virtuellen Handelsplatz TTF (Niederlande) um mehr als 18 Prozent eingebrochen. Lag der Preis vor wenigen Tagen noch bei rund 51 Euro pro Megawattstunde (MWh), sackte er nach den jüngsten Entwicklungen im Großhandel auf ca. 41,5 Euro/MWh ab. Das ist der tiefste Stand seit April. Zum Stand vor Beginn der Nahost-Krise bei etwa 32 Euro ist allerdings noch Platz nach unten.
Hauptgrund für den plötzlichen Preissturz ist die Einigung zwischen den USA und dem Iran auf die Wiedereröffnung der Straße von Hormus ab Ende der Woche. Da über diese strategisch wichtige Meerenge rund ein Fünftel des weltweiten Flüssigerdgases (LNG) transportiert wird, fällt die Angst vor einer dauerhaften Energiekrise im kommenden Winter schlagartig weg. Führende Exporteure wie Katar haben bereits angekündigt, ihre Produktion in Rekordzeit wieder hochzufahren.
Analysten und Großbanken rechnen mit einer Fortsetzung des Abwärtstrends, sobald die Verträge am Freitag trocken sind und die ersten Tanker die Meerenge sicher passieren. Für die zweite Jahreshälfte 2026 liegen die Prognosen vieler Marktexperten bei ca. 37 Euro/MWh. Mittelfristig sorgt zudem die weltweite Inbetriebnahme neuer LNG-Exportkapazitäten in Nordamerika für eine strukturelle Entlastung des Marktes.
Ein kompletter Absturz des Preises auf das Vorkrisenniveau (unter 30 Euro/MWh) ist kurzfristig jedoch unwahrscheinlich. Aufgrund der dreimonatigen Blockade hinken die europäischen Speicherstände dem saisonalen Schnitt hinterher. Deutschland muss nun unter Hochdruck Gas einkaufen, da es das Energieministerium in einer Fehleinschätzung der Lage im vergangenen Herbst und über Winter trotz niedriger Preise verpasst hat, die Bestände aufzustocken. In Italien sind die Pegel ebenfalls gefährlich niedrig.
Die Straße von Hormus muss zudem vor dem regulären Schiffsverkehr teilweise erst aufwendig von Seeminen befreit werden. Schäden an der Exportinfrastruktur müssen behoben werden und für Europa werden Hitzewellen vorhergesagt, die den Stromverbrauch für Klimaanlagen nach oben treiben, wodurch mehr Gas in Kraftwerken verstromt wird.
Wann kommt der Preissturz beim Endkunden an?
Die gute Nachricht vorweg: Der Preissturz wird ankommen, allerdings sehr unterschiedlich je nach Vertragsart.
- Neukunden (sehr schnell): Wer jetzt einen neuen Vertrag abschließt oder wechselt, spürt den Effekt schnell. Die Preise für Neukunden sind bereits von der Spitze (ca. 11 Cent/kWh) auf 9,3 bis 9,7 Cent/kWh gesunken und dürften bei einer stabilen Marktöffnung weiter in Richtung 8 Cent/kWh fallen.
- Bestandskunden mit Preisgarantie (Verzögert): Wer feste Laufzeiten von 12 bis 24 Monaten hat, merkt aktuell nichts von den Schwankungen und profitiert erst, wenn der Vertrag ausläuft und zu günstigeren Konditionen verlängert oder gewechselt werden kann.
- Kunden in der Grundversorgung (Monate Verzögerung): Lokale Stadtwerke kaufen Gas langfristig in Tranchen. Sie geben fallende Preise meist erst mit einer Verzögerung von mehreren Monaten (oft erst zum Jahreswechsel) weiter.
Tipp für Verbraucher: Da die Preise im Großhandel nun deutlich nachgeben, lohnt sich in den kommenden Wochen ein genauer Blick auf Vergleichsportale, um teure Altverträge rechtzeitig zu kündigen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

