Ölpreise am seidenen Faden
Ölpreis-Prognose für den Sommer: Droht Brent-Öl jetzt tatsächlich der Abverkauf?
Das erwartete Preisbeben ist da. Brent-Öl und WTI-Öl verzeichneten zuletzt kräftige Preisrückgänge. Ist der gewaltige Abverkauf gestartet oder ist das Abwärtspotenzial der Ölpreise doch eher begrenzt?
- Brent unter 80 US-Dollar als deutliches Warnsignal
- OPEC+ Fördererhöhung, VAE-Austritt drücken Preise
- Stark gesunkene US-Lager stützen Brentpreis
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Aktuelle Ölpreisentwicklung – Brent-Öl unter 80 US-Dollar ist ein Warnzeichen
In den letzten Tagen hat der Ölmarkt die diplomatischen Entwicklungen rund um den Iran-Krieg eingepreist. Bislang waren Brent-Öl und WTI-Öl mit Risikoprämien und Aufschlägen versehen. Diese schmelzen nun angesichts der sich abzeichnenden vollständigen Öffnung der Straße von Hormus ab. Ein weiteres Zeichen der (temporären) Entspannung: Die Spreads zwischen Brent und WTI liegen mittlerweile wieder im Normalbereich von 3 US-Dollar. Aufgrund der Risikoaufschläge bei Brent lagen diese Preisabstände in den letzten Wochen zeitweise im zweistelligen Dollar-Bereich.
Brent-Öl ist unter die eminent wichtige Marke von 80 US-Dollar gerutscht. Das ist aus charttechnischer Sicht ein Warnzeichen und ein Hinweis darauf, dass es noch schlimmer für den Ölpreis kommen könnte.
Sommer könnte dank OPEC+ zum Belastungstest für den Ölpreis (Brent) werden
Das Kriegsgeschehen im Nahen Osten überlagerte einige spannende Entwicklungen. So beschloss die OPEC+ auf ihrem jüngsten Ministertreffen am 7. Juni, die Ölförderung ab Juli um weitere 188.000 Barrel pro Tag zu erhöhen. Da es sich dabei bereits um die vierte Anhebung im Jahr 2026 handelt, könnte dieser anhaltende Angebotsschub nun voll zum Tragen kommen. Sollte sich die Lage im Nahen Osten tatsächlich so entspannen, wie es derzeit zu erwarten ist, könnte jede Menge Öl den Markt fluten und so auf die Preise drücken.
Einen weiteren Punkt gilt es zu beachten: Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hatten die OPEC zum 1. Mai verlassen. Mit dem Austritt reagierte das langjährige Mitglied auf die aus seiner Sicht starre Fördermengendoktrin. Innerhalb des Kartells gilt Saudi-Arabien als federführend. Salopp könnte man kommentieren: Die VAE wollen fortan ihr eigenes Süppchen kochen. Das Land weist eine überaus prosperierende Ölförderindustrie sowie enorme Ölreserven auf und könnte daher als eigenständiger Akteur den globalen Ölmarkt aufmischen.
US-Rohöllagerbestände sinken dramatisch
Die US-Rohöllagerbestände sinken dramatisch. Die frischen Daten für die Woche zum 12. Juni belegen das eindrucksvoll. In der Berichtswoche sanken die Bestände um 8,3 Mio. Barrel auf nunmehr 418,2 Mio. Barrel. Damit liegen die Ölvorräte mittlerweile 6 Prozent unter dem saisonalen 5-Jahres-Durchschnitt. Zum Vergleich: Zum Zeitpunkt unserer letzten Kommentierung zum Ölmarkt lagen die US-Rohöllagerbestände bei 433,7 Mio. Barrel und somit „nur“ 3 Prozent unter dem saisonalen 5-Jahres-Durchschnitt.
Wie wirken sich die niedrigen US-Ölbestände auf Brent aus?
Kurze Antwort: Sie stabilisieren zumindest den Weltmarkt. Die sinkenden Lagerbestände treiben direkt die Notierungen der US-Sorte WTI an, stützen damit aber auch indirekt Brent. Man kann es zugespitzt vielleicht so formulieren: Brent-Öl hängt am seidenen Faden. Die niedrigen US-Bestände sind das Rettungsseil, das Brent derzeit noch vor dem Abverkauf schützt.
Fazit - Droht Brent-Öl jetzt tatsächlich der Abverkauf?
Die fundamentale Lage ist keineswegs so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick scheinen mag. Dass die OPEC+ ihr Angebot zuletzt kontinuierlich ausweitete, belastet. Doch noch gibt die Entwicklung der US-Rohöllagerbestände den Ölpreisen Halt. Aus charttechnischer Sicht könnte sich der Preisrückgang bei Brent noch auf den Bereich von 72 US-Dollar / 70 US-Dollar ausdehnen. Dieses Niveau hatte Brent-Öl vor Beginn des Iran-Kriegs inne. Gleichzeitig könnte jede erneute Verschärfung der Lage im Nahen Osten Brent wieder in Richtung 90 US-Dollar treiben. Das ganze „Friedenskonstrukt“ wirkt noch reichlich fragil.
Autor: Marcel Torney, freier Redakteur, Rohstoffexperte
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