Vermächtnis der Börsenlegende
Warum Charlie Munger den ETF-Boom gefährlich fand
Charlie Munger setzte auf wenige Aktien und warnte zugleich vor Indexfonds. Sein Problem waren nicht die niedrigen Gebühren oder eine zu hohe Diversifikation, sondern die "neuen Kaiser" der Wall Street. Die Hintergründe.
Charlie Munger hasste ETFs? So einfach ist es nicht. Der 2023 verstorbene Partner von Warren Buffett wetterte nicht gegen breite Streuung an sich. Seine Warnung zielte auf etwas Größeres: die enorme Macht der Finanzkonzerne hinter Indexfonds.
"Wir haben neue Kaiser. Das sind die Personen, die über die Aktien der Indexfonds abstimmen", sagte Munger 2022 auf der Hauptversammlung der Daily Journal Corp. Besonders BlackRock nahm er ins Visier. Über Gründer Larry Fink sagte er: "Ich halte viel von Fink. Aber ich bin nicht sicher, ob ich ihn als meinen Kaiser möchte."
Der Grund: Passive Fonds bündeln Billionen – und damit Stimmrechte in Tausenden Unternehmen. BlackRock, Vanguard und State Street hielten 2019 zusammen rund 20 Prozent aller börsennotierten US-Großunternehmen. Bis 2030 könnte der Anteil auf 33 Prozent steigen. Für Munger entsteht damit ein Machtzentrum, das Unternehmensentscheidungen beeinflussen kann, obwohl Millionen ETF-Sparer ihr Geld lediglich günstig und breit streuen wollen.
Der scheinbare Widerspruch: Munger selbst soll nur drei Positionen im Depot gehalten haben. Das ist das Gegenteil eines Welt-ETF. Doch Konzentration funktioniert nur, wenn Anleger Unternehmen außergewöhnlich gut kennen und tatsächlich einen Informationsvorsprung besitzen. Genau den haben Privatanleger – und selbst viele Fondsmanager – meist nicht.
Deshalb bleibt Diversifikation für die breite Masse sinnvoll. Mungers Angriff galt weniger dem Produkt ETF, als dessen Drahtziehern. Sein Punkt war brisant: Wer passiv investiert, gibt womöglich nicht nur die Aktienauswahl ab, sondern auch Macht. Der ETF ist bequem – doch wer stimmt am Ende mit dem Geld der Anleger ab?
Autor: Ferdinand Hammer, wallstreetONLINE Redaktion

