Danke, S&P 500
Die Börse macht Babyboomer reich genug, um den Job hinzuschmeißen
Rekordgewinne an der Wall Street treffen auf einen zähen Arbeitsmarkt. Für ältere Amerikaner wird der Abschied vom Job damit offenbar immer attraktiver.
- Börsenboom erleichtert älteren US-Bürgern den Ruhestand
- Erwerbsquote der über 55-Jährigen sinkt deutlich
- Alterung und Jobmangel verstärken den Rückzug
- Report: KI braucht Strom
Der Aktienmarkt läuft in den USA so gut, dass immer mehr ältere Amerikaner offenbar früher aus dem Berufsleben aussteigen können. Bank of America sieht einen wichtigen Zusammenhang mit dem enormen Vermögenszuwachs an der Börse. Der S&P 500 ist in den vergangenen zwei Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen und hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt. Für viele Babyboomer und ältere Arbeitnehmer wird damit aus der Frage "Kann ich mir den Ruhestand leisten?" offenbar immer häufiger ein "Ich muss nicht mehr arbeiten."
Die Arbeitsmarktdaten passen dazu. Der Anteil der über 55-Jährigen, die arbeiten oder aktiv nach einem Job suchen, fiel von 40,3 Prozent im Februar 2020 auf 36,9 Prozent im Juli 2026. Allein seit
Dezember sank die Quote um einen weiteren Prozentpunkt. Gleichzeitig fiel die gesamte Erwerbsquote im Juli auf 61,4 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2021.
Bank-of-America-Ökonom Aditya Bhave erklärte gegenüber Yahoo Finance: "Wir glauben, dass dies mit dem Anstieg des S&P 500 [...] in den letzten zwei Jahren zusammenhängt."
Wie stark der Vermögenseffekt inzwischen ist, zeigen auch die US-Altersvorsorgekonten. Der durchschnittliche Stand der sogenannten 401(k)-Pläne, also steuerbegünstigter kapitalmarktbasierter Altersvorsorgekonten, stieg im zweiten Quartal auf 124.250 US-Dollar. Das waren 15 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Rund zwei Drittel der Beschäftigten glauben inzwischen, finanziell auf Kurs für den gewünschten Ruhestand zu sein.
Hinzu kommt ein schwierigerer Arbeitsmarkt. Die Einstellungsquote liegt unter 4 Prozent. Adam Shapiro von der Federal Reserve Bank of San Francisco schrieb auf LinkedIn, ältere Arbeitnehmer könnten deshalb eher direkt in Rente gehen, statt sich auf eine teure und langwierige Jobsuche einzulassen.
Ganz allein erklärt die Börsenrallye den Rückzug allerdings nicht. Wie Fortune unter Berufung auf RSM-Chefökonom Joseph Brusuelas berichtet, spielen auch die Alterung der Bevölkerung und strengere Einwanderungsregeln eine Rolle. Heute leben in den USA 27 Millionen mehr Menschen im Alter von mindestens 65 Jahren als noch 2005. Trotzdem spricht Brusuelas von einem "historischen Rückzug aus dem amerikanischen Arbeitsmarkt".
Für Anleger steckt darin eine ungewöhnliche Botschaft: Der Börsenboom schafft inzwischen nicht nur Vermögen, sondern verändert Lebensentscheidungen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr nur, wie lange die Rallye läuft, sondern was mit diesen Ruhestandsplänen passiert, wenn die Kurse irgendwann deutlich drehen.
Autorin: Gina Moesing, wallstreetONLINE Redaktion

