Griff ins Klo
Zollstreit zeigt US-Abhängigkeit von kanadischem Klopapier
Washington betont, "nichts" aus Kanada zu brauchen. Doch ausgerechnet beim Klopapier zeigt sich, wie tief beide Volkswirtschaften miteinander verflochten sind.
- Kanada liefert fast zwei Drittel des US-Klopapiers
- Zölle verteuern Papier, Rohstoffe und Lieferketten
- Abhängigkeiten reichen von Dünger bis zur Energie
- Report: KI braucht Strom
US-Präsident Donald Trump hat seine Haltung gegenüber Kanada mehrfach auf eine einfache Formel gebracht: Die Vereinigten Staaten bräuchten nichts, was ihr nördlicher Nachbar zu bieten habe. Kanada dagegen sei auf den Zugang zum riesigen US-Markt angewiesen. Der eskalierende Zollstreit soll diese vermeintliche Überlegenheit in politische Zugeständnisse verwandeln.
Ausgerechnet ein alltägliches Produkt zeigt nun, warum diese Rechnung so einfach nicht funktioniert: Toilettenpapier. Rund 328 Millionen US-Dollar an Klopapier importierten die Vereinigten Staaten 2024 aus Kanada. Gemessen am Wert kamen damit fast zwei Drittel der gesamten amerikanischen Klopapierimporte aus dem Nachbarland. Kanada ist mit weitem Abstand der wichtigste ausländische Lieferant.
Der Markt ist riesig. Auf die USA entfallen mehr als 20 Prozent des weltweiten Tissue-Verbrauchs (Toiletten-, Küchen- und Taschentücher), obwohl dort nur 4 Prozent der Weltbevölkerung leben. Der durchschnittliche Amerikaner verbraucht 141 Rollen Toilettenpapier pro Jahr und liegt damit weltweit auf Platz 1, knapp vor den Deutschen, die im Durchschnitt jeweils 134 Rollen pro Jahr verbrauchen, zeigen Statista-Daten.
Hinzu kommt, dass selbst Toilettenpapier, das in den USA hergestellt wird, nicht zwangsläufig eine rein amerikanische Lieferkette besitzt. Für Papier und Zellstoff ist die US-Industrie eng mit dem rohstoffreichen Kanada verflochten. Kanadisches Holz und Zellstoff fließen seit Jahrzehnten in die nordamerikanische Papierproduktion. Unternehmen können diese Lieferketten nicht über Nacht durch heimische Anbieter ersetzen.

wallstreetONLINE RedaktionUS-Farmer am Limit
Kosten-Explosion wird zur Existenzfrage – Ausgerechnet zur Ernte
Doch diese Zusammenarbeit gerät nun unter Druck. Nach dem Scheitern der jüngsten Handelsgespräche hat Washington die Zölle auf zahlreiche kanadische Produkte drastisch erhöht. Ottawa will seinerseits ab dem 8. September mit Gegenzöllen reagieren. Papierprodukte gehören zu den besonders betroffenen Waren.
Eine unmittelbare Klopapierknappheit wie zu Beginn der Corona-Pandemie bedeutet das noch nicht. Die USA besitzen selbst eine große Papierindustrie. Doch höhere Kosten bei importierten Fertigwaren, Vorprodukten und Rohstoffen stellen Hersteller und Händler vor die Wahl, ob sie entweder geringere Margen akzeptieren oder die höheren Kosten an ihre Kunden weitergeben. US-Einzelhändler wie Costco beziehen einen Großteil ihrer Papierprodukte aus dem Nachbarland. Procter & Gamble, der Anbieter der beliebtesten US-Toilettenpapiermarke Charmin, hatte bereits 2025 angekündigt, wegen zusätzlicher Zollkosten die Preise bei etwa einem Viertel seiner Produkte anheben zu müssen und bezifferte die damalige Belastung auf rund eine Milliarde US-Dollar pro Jahr.
Die USA sind wirtschaftlich mächtiger und Kanada ist wesentlich stärker vom US-Markt abhängig. Doch weniger abhängig zu sein bedeutet nicht, völlig unabhängig zu sein. Das zeigt sich weit über die Papierindustrie hinaus. Amerikanische Landwirte beziehen fast 80 Prozent des von ihnen benötigten Kali-Düngers aus Kanada. Kali ist für wichtige Nutzpflanzen wie Mais, Soja und Weizen unverzichtbar. Außerdem beziehen mehrere US-Bundesstaaten entlang der kanadischen Grenze Elektrizität aus kanadischer Wasserkraft. Im Mittleren Westen wiederum sind zahlreiche Raffinerien technisch auf schweres kanadisches Rohöl ausgerichtet. Einen solchen Rohstoffstrom kann man nicht einfach durch irgendein anderes Öl ersetzen, ohne zusätzliche Kosten und Anpassungen in Kauf zu nehmen.
Auch bei Autos und Autoteilen, Aluminium, Holz und zahlreichen Papierprodukten verlaufen Lieferketten mehrfach über die Grenze. Komponenten können während des Produktionsprozesses zwischen beiden Ländern hin- und hertransportiert werden, bevor das fertige Produkt beim Verbraucher landet. Über Jahrzehnte haben die USA und Kanada ihre Volkswirtschaften immer enger miteinander verflochten. Unternehmen investierten unter der Annahme, dass Waren, Rohstoffe und Komponenten weitgehend ungehindert über die Grenze gelangen können.
Zölle treffen deshalb nicht ausschließlich den ausländischen Hersteller. Amerikanische Importeure müssen die zusätzlichen Abgaben zunächst bezahlen. Finden sie keinen vergleichbaren Anbieter im eigenen Land, bleibt ihnen häufig nur, weiter zu importieren und die Kosten selbst zu tragen. Beim Toilettenpapier könnte sich das schon bald im Supermarktregal zeigen.
Die USA können ohne Kanada existieren. Doch zu welchem Preis? Bislang haben die Engpässe und höheren Preise als Folge der Zollpolitik eher einzelne Branchen oder Personengruppen getroffen: Die Farmer, deren Düngemittelpreise steigen, die Grenzregionen, die nur noch teureren Strom erhalten oder die auf Schweröl spezialisierten Raffinerien. Bei Toilettenpapier aber geht es um ein Produkt, das alle US-Bürger benötigen und bei dem höhere Preise in jedem Haushalt ankommen. Die Konsequenzen der amerikanischen Zollpolitik lassen sich nicht einfach wegwischen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

