Quote sechsmal so hoch
US-Arbeitsmarkt deutlich schwächer als offiziell angegeben
Die USA melden nahezu Vollbeschäftigung. Doch viele Teile der Erwerbsbevölkerung tauchen in den Zahlen gar nicht erst auf. Der Vergleich mit Deutschland ist interessant.
- US-Quote verschweigt prekäre Beschäftigung
- USA: Funktionale Arbeitslosigkeit bei 24,9 Prozent
- Deutschland kommt auf etwa 14 bis 16 Prozent
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Die Arbeitslosenquote in den USA wirkt auf den ersten Blick beruhigend. Im Juli lag sie bei nur 4,1 Prozent, einem Niveau, das normalerweise für einen weitgehend ausgelasteten Arbeitsmarkt spricht. Doch sobald man sich die Zahlen etwas genauer ansieht, zeigt sich ein nicht ganz so freundliches Bild. So ging die Zahl der Beschäftigten im Juli zurück, die Erwerbsbeteiligung sank auf 61,4 Prozent. Und Millionen Amerikaner gelten statistisch als beschäftigt, obwohl sie von ihrem Job eigentlich gar nicht leben können.
Wenn wir nicht nur Menschen ohne Job zählen, sondern auch Beschäftigte, die gerne mindestens 35 Stunden pro Woche arbeiten würden, aber keine entsprechende Stelle finden, sowie Arbeitnehmer mit weniger als 26.000 US-Dollar Jahresverdienst vor Steuern, schnellt die Quote auf 24,9 Prozent hoch – mehr als sechsmal so hoch wie die offizielle Arbeitslosenquote. Das geht aus Berechnungen des Ludwig Institute for Shared Economic Prosperity, kurz LISEP, hervor, das sich darum bemüht hat herauszufinden, wie viele Menschen in den USA "funktional arbeitslos" sind und dies die "wahre Arbeitslosenquote" nennt. (Bei den 26.000 US-Dollar Jahreseinkommen hat sich das LISEP an den "Armutslohn"-Richtlinien des US-Gesundheitsministeriums orientiert.)
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder vierte Amerikaner tatsächlich arbeitslos ist. LISEP beantwortet stattdessen die Frage, wie viele Menschen keinen Job haben, nicht genügend Arbeit oder eine Beschäftigung, die keinen existenzsichernden Lohn abwirft. Die offizielle Statistik misst Arbeitslosigkeit bewusst enger. Wer nur wenige Stunden arbeitet, gilt grundsätzlich als beschäftigt. Wer Vollzeit arbeitet, davon aber kaum leben kann, taucht ebenfalls nicht in der Arbeitslosenquote auf.
Auch für Deutschland lässt sich eine vergleichbare Rechnung zumindest näherungsweise aufstellen. Dabei muss zunächst die amerikanische Einkommensgrenze angepasst werden, da 26.000 US-Dollar in den USA eine andere Kaufkraft besitzen als wenn wir die Summe einfach in Euro umrechnen würden. Kaufkraftbereinigt entspricht dieser "US-Armutslohn" in Deutschland nämlich nur 18.700 Euro Jahreseinkommen oder 1.560 Euro monatlich.

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Auf dieser Basis lässt sich aus den verfügbaren deutschen Arbeitsmarktdaten eine LISEP-ähnliche Größenordnung ableiten. Neben den Erwerbslosen müssen dabei insbesondere Menschen berücksichtigt werden, die unfreiwillig Teilzeit arbeiten, sowie Beschäftigte mit sehr niedrigen Jahreseinkommen. 2025 arbeiteten beispielsweise gut 13 Millionen Menschen in Teilzeit; knapp fünf Prozent von ihnen taten dies unfreiwillig. Hinzu kamen mehr als vier Millionen ausschließlich geringfügig Beschäftigte.
Unsere Modellrechnung kommt damit für Deutschland auf eine funktionale Arbeitslosen- beziehungsweise Unterbeschäftigungsquote von grob 14 bis 16 Prozent. Die Zahl ist keine amtliche Statistik und wegen Überschneidungen zwischen einzelnen Gruppen nicht mit der Genauigkeit der US-LISEP-Zahl zu vergleichen. Die Größenordnung zeigt aber, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland deutlich stabiler aussieht, nicht zuletzt wegen des Mindestlohns von aktuell 13,90 Euro (ab 1.1.2027 dann 14,60 Euro pro Stunde). Wer hierzulande bei Mindestlohn Vollzeit arbeitet, kann gar nicht in die US-Armutslohn-Kategorie fallen. Zudem gibt es noch einige dubiose Sonderregelungen in den Vereinigten Staaten.
Warum die LISEP-Quote so hoch ist, wird verständlicher, wenn man sich die Bedingungen am unteren Ende des Arbeitsmarktes anschaut. Besonders drastisch ist das System bei "Trinkgeldberufen". Nach US-Bundesrecht dürfen Arbeitgeber bestimmten Angestellten im Gastgewerbe und anderen Trinkgeldbeschäftigten ("Tipped Employees") lediglich 2,13 US-Dollar pro Stunde direkt bezahlen. Zusammen mit den Trinkgeldern muss zwar mindestens der bundesweite Mindestlohn von 7,25 US-Dollar erreicht werden. Reichen die Trinkgelder nicht, muss der Arbeitgeber die Differenz ausgleichen. Viele Bundesstaaten schreiben inzwischen deutlich höhere Löhne vor. Dennoch hängt das Einkommen vieler Servicekräfte unmittelbar davon ab, wie spendabel ihre Kunden sind.
Auch die soziale Absicherung unterscheidet sich erheblich von Deutschland. Auf Bundesebene haben Beschäftigte in den USA keinen gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Urlaub und grundsätzlich auch keinen allgemeinen Anspruch auf bezahlte Krankheitstage. Viele Unternehmen bieten solche Leistungen freiwillig an, aber längst nicht alle. 2025 hatten 80 Prozent der Beschäftigten in der Privatwirtschaft Zugang zu bezahltem Urlaub, zum Berufseinstieg etwa mit 10 bis 11 Tagen, und nach 20 Jahren Betriebszugehörigkeit kann die Zahl bis auf 20 Tage steigen. Bei Serviceberufen hatten nur 59 Prozent überhaupt Urlaubsanspruch. Besonders am unteren Ende der Lohnskala treffen damit niedrige Einkommen und geringe Absicherung häufig zusammen.
Die LISEP-Quote ist deshalb keine "wahre Arbeitslosenquote", welche die offiziellen Zahlen als falsch entlarvt. Sie misst die Arbeitslosen und die Zahl der Menschen, die keine Arbeit haben, von der sie zuverlässig leben können. Für die US-Notenbank ist das nicht entscheidend, sie interessiert nur, wie viele Arbeitskräfte tatsächlich verfügbar sind und wie groß der Lohndruck am Arbeitsmarkt ist. Ein Kellner, der 40 Stunden arbeitet und trotzdem zu wenig zum Leben verdient, fällt aus den offiziellen Zahlen heraus.
Wenn Fed-Chef Kevin Warsh davon spricht, dass es in den USA Vollbeschäftigung gibt, kann er das mit den offiziellen Zahlen belegen. Nicht erwähnt bleibt dabei, dass in dem Land mehr als 42 Millionen Menschen der Erwerbsbevölkerung entweder gar keinen Job haben oder einen, von dem sie nicht leben können.
P.S.: Kleine Randnotiz: Wenn Deutschland für die Errechnung der offiziellen Arbeitslosenquote (6,5 Prozent im August) ähnliche Grundlagen verwenden würde wie die USA, hätten wir hierzulande 4,0 Prozent Arbeitssuchende und würden auch hier besser abschneiden als die weltgrößte Volkswirtschaft.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

