Nach Abnehmspritzen
Ein gewaltiger Boom bei Haarwuchsmitteln steht in den Startlöchern
Seit Jahrzehnten gibt es kaum neue Mittel gegen erblichen Haarausfall. Jetzt stehen mehrere Wirkstoffe vor dem Durchbruch – und Anleger entdecken einen gewaltigen Selbstzahlermarkt.
- Neue Haarausfallmittel rücken näher an den Markt
- Der Selbstzahlermarkt verspricht Milliardenumsätze
- Cosmo und Veradermics sind am weitesten voran
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Nach dem gewaltigen Börsenboom rund um Abnehmspritzen suchen Anleger nach dem nächsten großen Pharmatrend. Fündig geworden sein könnten sie ausgerechnet auf den Köpfen von Millionen Männern und Frauen. Neue Medikamente gegen erblich bedingten Haarausfall rücken näher an den Markt – und die ersten der dahinterstehenden Aktien springen bereits an.
Die Parallelen zum Boom der Medikamente für Gewichtsverlust sind zumindest aus Investorensicht verlockend: ein riesiger potenzieller Kundenkreis, hoher Leidensdruck und die Bereitschaft vieler Betroffener, eine Behandlung aus eigener Tasche zu bezahlen. Die Aktie des erst im Februar an die Börse gegangenen Haarausfall-Spezialisten Veradermics hat sich Bloomberg zufolge zeitweise fast versechsfacht. Absci konnte sich 2026 mehr als verdoppeln.
Noch steht allerdings nicht fest, ob aus der Börsenfantasie tatsächlich ein neuer Pharma-Boom wird. Die meisten Medikamente befinden sich noch in der Entwicklung, was die Branche für Anleger gleichzeitig interessant und hochriskant macht.
Die sogenannte "Androgenetische Alopezie" ist die mit Abstand häufigste Form des Haarausfalls. Bei Männern reagieren genetisch empfindliche Haarfollikel besonders stark auf Dihydrotestosteron, kurz DHT. Die Wachstumsphasen der Haare werden kürzer, die Follikel schrumpfen und produzieren schließlich immer dünnere Haare. Bis zu 80 Prozent der Männer können im Laufe ihres Lebens betroffen sein. Auch bei Frauen ist erblich bedingter Haarverlust weit verbreitet.

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Erstaunlich ist deshalb, wie wenig sich bei der Behandlung bislang getan hat. In den USA sind dafür im Wesentlichen nur Minoxidil und (nur bei Männern) Finasterid zugelassen. Beide Wirkstoffe sind seit Jahrzehnten bekannt. Finasterid reduziert die Bildung von DHT, kann aber unter anderem sexuelle Nebenwirkungen verursachen. Minoxidil fördert das Haarwachstum, muss jedoch dauerhaft angewendet werden.
Genau diese Lücke wollen die neuen Entwickler schließen. Einige versuchen, Androgene nur direkt am Haarfollikel zu blockieren, andere setzen auf RNA-Technologie, Antikörper oder die Reaktivierung ruhender Stammzellen. Das Ziel ist nicht nur mehr Haar, sondern eine einfachere Behandlung mit möglichst wenig Nebenwirkungen.
Allein in den USA gelten rund 50 Millionen Männer und 30 Millionen Frauen als stärker betroffen. Der weltweite Markt für Behandlungen der androgenetischen Alopezie hat aktuell ein Volumen von etwa 3,4 Milliarden US-Dollar, schätzt Grand View Research. Bis 2030 sollen daraus knapp 4,8 Milliarden US-Dollar werden. Für Deutschland werden für 2030 rund 250 Millionen Euro prognostiziert.
Das könnte jedoch nur der bestehende Markt sein. Eine wirksamere und komfortablere Therapie könnte Menschen erreichen, die bisher gar keine Medikamente einsetzen. Anders als bei Adipositas dürften Krankenkassen die Kosten häufig nicht übernehmen. Das ist ein riesiger Nachteil für die Betroffenen, macht den Markt für Pharmafirmen aber umso attraktiver: Preise sind weniger von Versicherern abhängig, während Konsumenten bereits heute Tausende Euro für Haartransplantationen ausgeben.
Wie groß die Erwartungen sind, zeigt Cosmo. Das Unternehmen beziffert das potenzielle Marktvolumen für seinen Kandidaten allein in den USA aufgrund eigener Marktforschung auf mehr als 20 Milliarden US-Dollar. Jefferies hält laut Bloomberg langfristig 3 Milliarden US-Dollar weltweiten Umsatz allein mit Cosmos Mittel für möglich. Solche Schätzungen sind noch keine Umsätze, zeigen aber, welche Dimensionen die Branche inzwischen einkalkuliert.
Auch Deutschland spielt in dem Rennen eine Rolle. Der am weitesten entwickelte Kandidat mit deutschem Forschungsstandort kommt von Dermaliq Therapeutics. Das US-Unternehmen betreibt eine Tochtergesellschaft in Heidelberg und entstand 2021 als Ausgründung der Heidelberger Novaliq. Der Kandidat DLQ01 soll einen Prostaglandin-Wirkstoff gezielt in die Haarfollikel transportieren. Eine Phase-1b/2a-Studie bei Männern lieferte positive Ergebnisse; Dermaliq bereitet die weitere Phase-2b-Entwicklung vor. Das Unternehmen ist allerdings nicht börsennotiert.
In Erlangen arbeitet Mallia Therapeutics an MAL-856 auf Basis des immunmodulierenden Proteins sCD83. Die Technologie geht auf jahrelange Forschung am Universitätsklinikum Erlangen zurück. Die Entwicklung ist aber in einem noch früheren Stadium als bei Dermaliq. Ebenfalls in einer frühen Forschungsphase befindet sich die Grünwalder Bavarian Systems and Technologies mit AR-001, einer Gentherapie, die den Androgenrezeptor herunterregulieren soll.
Für deutsche Anleger heißt das bislang: Forschung findet hier statt, eine börsennotierte deutsche Pure-Play-Aktie auf den möglichen Haarausfall-Boom gibt es leider noch nicht.
Diese Aktien sind schon investierbar
Am nächsten an einer möglichen Zulassung befindet sich Cosmo Pharmaceuticals. Der Wirkstoff Clascoterone wird auf die Kopfhaut aufgetragen und blockiert dort den Androgenrezeptor. Zwei Phase-III-Studien mit insgesamt 1.465 Männern erreichten ihre primären Endpunkte. Auch die Zwölfmonatsdaten fielen positiv aus. Cosmo bereitet Zulassungsanträge in den USA und Europa vor; der US-Antrag ist für Anfang 2027 vorgesehen. Die Aktie wird unter anderem in der Schweiz und über Xetra gehandelt.
Nur wenig dahinter liegt Veradermics (NYSE: MANE). VDPHL01 ist allerdings kein völlig neuer Wirkstoff, sondern eine speziell entwickelte Retardtablette mit Minoxidil. Eine Phase-2/3-Studie bei Männern erreichte sämtliche primären und wichtigen sekundären Endpunkte. Eine zweite Phase-III-Studie ist vollständig rekrutiert; Ergebnisse werden noch 2026 erwartet. Parallel läuft ein zulassungsorientiertes Programm bei Frauen.
Ein weiterer fortgeschrittener Kandidat kommt aus China. Kintor Pharmaceutical (Hongkong: 9939) meldete im März einen erfolgreichen primären Endpunkt seiner chinesischen Phase-III-Studie mit KX-826. Der Wirkstoff wird ebenfalls äußerlich angewendet und blockiert den Androgenrezeptor. Kintor arbeitet inzwischen an einem Zulassungsantrag in China.
Spekulativer ist Absci (Nasdaq: ABSI). Sein mit künstlicher Intelligenz entwickelter Antikörper ABS-201 blockiert den Prolaktinrezeptor und soll Haarfollikel regenerieren. In der laufenden Phase-1/2a-Studie zeigte sich bislang ein günstiges vorläufiges Sicherheitsprofil. Erste Wirksamkeitsdaten bei Menschen sollen noch in der zweiten Jahreshälfte 2026 folgen. Bemerkenswert: Eli Lilly beteiligte sich im Juni mit 40 Millionen US-Dollar an einer 100-Millionen-Dollar-Finanzierungsrunde von Absci.
Noch weiter zurück die südkoreanische OliX Pharmaceuticals (KOSDAQ: 226950). OLX72021 nutzt RNA-Interferenz, um direkt in der Kopfhaut die Produktion des Androgenrezeptors zu reduzieren. Die Nachbeobachtung der Phase 1b wurde im August abgeschlossen; OliX will noch 2026 in Phase 2a wechseln und dort erstmals systematisch die Wirksamkeit am Menschen prüfen.
Damit entsteht erstmals seit Jahrzehnten ein echtes Rennen um die nächste Generation der Haarwuchsmittel. Für Anleger sind die Unterschiede gewaltig: Cosmo und Veradermics stehen bereits vor möglichen Zulassungen, Kintor ist in China weit fortgeschritten, während Absci und OliX auf technologisch neuartige, aber entsprechend riskantere Ansätze setzen.
Der Vergleich mit dem Abnehm-Boom ist deshalb noch verfrüht. Doch sollte nur eines dieser Medikamente deutlich besser, einfacher oder verträglicher funktionieren als die jahrzehntealten Standardtherapien, könnte aus einem bislang überschaubaren Markt tatsächlich eine neue Milliardenbranche entstehen. Und anders als beim Boom der Abnehmspritzen hat die Börse dieses Rennen gerade erst begonnen einzupreisen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

