Zu viele Abhängigkeiten
Lebensmittelpreise explodieren – das Nachsehen haben wir alle
Lieferengpässe, Politik, Wetterextreme und steigende Kosten treiben die Preise für Weizen, Zucker und anderen Lebensmitteln nach oben. Das Nachsehen haben wir alle.
- Kriege und Wetter treiben die Weizenpreise weltweit
- Wenige Exportländer sichern die globale Versorgung
- Höhere Agrarpreise verteuern Brot und Milchprodukte
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Die Welt hat bei Energie gelernt, wie gefährlich Abhängigkeiten von einzelnen Lieferregionen sein können. Die nächste geopolitische Schwachstelle könnte auf den Feldern liegen: Bei wichtigen Grundnahrungsmitteln hängt die globale Versorgung von wenigen Exportländern ab. Die Zollpolitik der USA, der Krieg am Schwarzen Meer, extreme Wetterereignisse und steigende Kosten für Energie und Dünger zeigen, wie schnell aus einer regionalen Krise ein weltweites Preisproblem werden kann.
Aktuell sorgt vor allem der Weizenmarkt für Unruhe. Der Agriculture Spot Index von Bloomberg, der die Entwicklung von zehn wichtigen Agrarrohstoffen abbildet, legte im August 2026 um mehr als 13 Prozent zu – der stärkste Monatsanstieg seit Juli 2012. Weizen gehörte zu den größten Preistreibern und erreichte zuletzt den höchsten Stand seit rund drei Jahren. Auch an der europäischen Terminbörse Euronext kletterte der Weizenpreis deutlich. Der Kontrakt mit Fälligkeit Dezember 2026 steht aktuell bei rund 248 Euro je Tonne und damit auf den höchsten Stand seit Mai 2024. In den USA erreichten Weizenpreise den höchsten Stand seit Juni 2023.
Das liegt vor allem daran, dass die Lieferströme von Russland und der Ukraine, die zu den wichtigsten Weizenexporteuren der Welt gehören und zusammen für mehr als ein Viertel der globalen Weizenexporte stehen, immer mehr gekappt werden. Besonders die Ukraine kämpft mit Problemen beim Export, während Russland seine Ausfuhren zuletzt ebenfalls deutlich reduzierte.
Das Problem für die Weltmärkte ist, dass es zwar eigentlich genügend Weizen gibt, aber nicht unbedingt dort, wo er gebraucht wird. Länder, die auf Importe angewiesen sind, müssen sich neue Lieferquellen suchen und meist höhere Preise in Kauf nehmen. Hinzu kommen Wetterrisiken. Hitzewellen haben die Ernteaussichten in Teilen der USA und Europas belastet. Gleichzeitig sorgen Wetterphänomene wie El Niño für zusätzliche Unsicherheit bei wichtigen Agrarrohstoffen. Zucker und Kakao verteuerten sich im August jeweils um rund 20 Prozent.

wallstreetONLINE RedaktionUS-Farmer am Limit
Kosten-Explosion wird zur Existenzfrage – Ausgerechnet zur Ernte
Der steigende Weizenpreis bedeutet allerdings nicht, dass Brot und Nudeln jetzt im gleichen Umfang teurer werden. Der Rohstoff ist nur ein Teil der Gesamtkosten. Energie, Personal, Transport, Verpackung und Handel spielen ebenfalls eine große Rolle. Trotzdem können steigende Agrarpreise über mehrere Kanäle bei den Verbrauchern ankommen. Am direktesten betroffen sind Backwaren und Teigprodukte. Höhere Weizenpreise erhöhen die Kosten für Mühlen und Bäckereien. Auch Nudeln reagieren auf steigende Getreidepreise.
Noch wichtiger ist aber der indirekte Effekt über die Tierhaltung. Getreide ist ein zentraler Bestandteil von Futtermitteln. Steigen die Preise für Mais, Weizen oder Gerste, erhöhen sich die Produktionskosten für Schweinehalter, Geflügelbetriebe und Milchviehhalter. Die Folge können höhere Preise für Fleisch, Eier und Milchprodukte sein. Zusätzlich verschärfen höhere Energiepreise die Situation. Landwirtschaft benötigt große Mengen Diesel, und auch die Herstellung von Dünger ist energieintensiv. Der Konflikt im Nahen Osten sorgt deshalb für zusätzliche Unsicherheit bei den Kosten entlang der gesamten Lebensmittelkette.
Steigende Getreidepreise bedeuten auch nicht für die Landwirte automatisch mehr Gewinne, denn auch ihre Kosten sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Besonders Dünger ist ein entscheidender Faktor. Stickstoffdünger benötigt große Mengen Erdgas bei der Herstellung, weshalb Energiepreise einen direkten Einfluss auf die Landwirtschaft haben. Hinzu kommen steigende Transportkosten, höhere Preise für Lagerung, gestiegenen Preise für Landmaschinen, Bauteile und Reparaturen und zu guter Letzt können höhere Agrarpreise schnell neue Probleme schaffen. Steigen die Erwartungen an die Einnahmen, bauen Landwirte weltweit ihre Produktion aus. Und das kann die Preise später wieder unter Druck setzen.
Die größten Gewinner eines längeren Hochpreisphase für Agrarprodukte sind deshalb nicht unbedingt die Bauern. Häufig profitieren Unternehmen, die die Infrastruktur rund um die Landwirtschaft kontrollieren, wie beispielsweise Düngemittelhersteller wie Nutrien und CF Industries. Sie liefern wichtige Rohstoffe, ohne die moderne Landwirtschaft kaum ihre heutigen Erträge erreichen würde. Auch Agrarhändler können von stärkeren Preisschwankungen profitieren. Unternehmen wie Archer Daniels Midland kaufen, lagern und verarbeiten große Mengen an Agrarrohstoffen und verdienen an globalen Handelsströmen. Langfristig könnten auch Anbieter von Agrartechnik profitieren. Deere & Company setzt beispielsweise auf Präzisionslandwirtschaft, bei der Daten und Automatisierung helfen sollen, Erträge zu steigern und Ressourcen effizienter einzusetzen.
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Die aktuelle Preisrallye zeigt vor allem, dass die globale Lebensmittelversorgung viel verletzlicher ist, als viele Politiker, Analysten und auch Verbraucher angenommen haben. Ähnlich wie bei Energie geht es nicht nur darum, wie viel produziert wird, sondern vor allem darum, wer die Lieferketten kontrolliert. Kriege, Klimaextreme und politische Eingriffe können jederzeit neue Spannungen erzeugen. Entscheidend ist, dass die Lebensmittel dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
Eine der wichtigsten geopolitischen Abhängigkeiten liegt aktuell nicht unter der Erde, sondern auf dem Acker.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

