Geld fließt aus US-Treasuries
Japan wird ernsthafte Konkurrenz zu den USA
Höhere BoJ-Zinsen stützen den Yen. Doch Japans Staatsanleihen werden zugleich attraktiver – und könnten Kapital aus US-Treasuries zurück nach Tokio ziehen.
- Höhere BoJ-Zinsen stärken Yen und Japans Anleihen
- Japanische Anleger verlagern Kapital nach Tokio
- Weniger Treasury-Nachfrage könnte Renditen erhöhen
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Washington bekommt von Japan gerade genau das, was es eigentlich wollte: einen stärkeren Yen. US-Finanzminister Scott Bessent drängt die Bank of Japan seit Monaten zu einer strafferen Geldpolitik. Höhere japanische Zinsen sollen den Yen stabilisieren und weitere milliardenschwere Deviseninterventionen weniger wahrscheinlich machen. Doch genau diese Strategie hat eine Nebenwirkung: Japanische Staatsanleihen werden zu einer ernsthaften Alternative zu US-Treasuries.
Tatsächlich ist die Attraktivität der Bonds zuletzt deutlich gestiegen. Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen ist erstmals seit 1996 über die Marke von drei Prozent gestiegen. Für ein Land, in dem Anleger jahrelang kaum oder sogar negative Renditen akzeptieren mussten, ist das ein immenser Wandel. Zuletzt hat auch der Yen kräftig zugelegt und erreichte am Montag mit rund 154,4 Yen je US-Dollar den höchsten Stand seit sieben Monaten. Am Markt wächst die Erwartung, dass japanische Investoren Kapital aus dem Ausland zurückholen könnten.
Wichtige Hinweise darauf dürften es am 17. und 18. September, wenn die Bank of Japan über die Leitzinsen entscheidet. Nach dem letzten Zinsschritt im Juni gilt nun eine weitere Erhöhung um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent als Basisszenario. Doch selbst ein ungewöhnlich großer Schritt um 50 Basispunkte wird mittlerweile diskutiert. Auslöser waren unter anderem Äußerungen des als Falken geltenden BoJ-Direktors Hajime Takata, der größere Schritte oder schnellere Zinserhöhungen ins Spiel brachte. Eine Erhöhung um 50 Basispunkte schon im September gilt Reuters zufolge allerdings als eher unwahrscheinlich.
Allein die Diskussion zeigt jedoch, wie grundlegend sich die Lage verändert hat. Jahrzehntelang war Japan eine der wichtigsten Quellen billigen Kapitals weltweit. Niedrige heimische Renditen trieben Banken, Versicherer und Pensionsfonds in ausländische Anleihen. Gleichzeitig diente der Yen als billige Finanzierungswährung für sogenannte Carry Trades. Das ändert sich nun. Steigen die Zinsen in Japan, schrumpft der Renditevorteil ausländischer Anlagen. Für japanische Investoren kommt hinzu, dass die Absicherung von Dollar-Anlagen gegen Wechselkursschwankungen teuer ist. Und wer nicht absichert, muss bei einem stärkeren Yen Kursverluste seiner Dollar-Anlagen in Yen gerechnet fürchten. Drei Prozent auf eine zehnjährige japanische Staatsanleihe sind deshalb attraktiver, als der reine Vergleich mit der höheren Treasury-Rendite vermuten lässt.

wallstreetONLINE RedaktionWarnsignal schrillt
Japans Schuldenhöhe wird zum Problem
Erste Kapitalbewegungen sind zu erkennen. Bis zum 22. August verkauften japanische Anleger netto rund 3 Billionen Yen beziehungsweise 18,7 Milliarden US-Dollar an ausländischen Anleihen. Es war der stärkste Abbau zu diesem Zeitpunkt seit 2022. Institutionelle Investoren erhöhen gleichzeitig ihre Engagements in heimischen Bonds. Noch handelt es sich nicht um eine Massenflucht aus ausländischen Anleihen, die Entwicklung geht eher schleichend voran.
Für Washington ist das vor allem deswegen besonders relevant, weil Japan noch immer der größte ausländische Gläubiger der USA am Treasury-Markt ist. Japanische Anleger hielten Ende Juni US-Staatsanleihen im Wert von rund 1,12 Billionen US-Dollar. Alle ausländischen Investoren zusammen besaßen Treasuries für rund 9,3 Billionen US-Dollar, wie aus den jüngsten Daten des US-Finanzministeriums hervorgeht.
Allein Japans staatlicher Pensionsfonds GPIF verwaltet Vermögen von rund 1,8 Billionen US-Dollar. Etwa 931 Milliarden Dollar davon stecken in ausländischen Anlagen, darunter rund 232 Milliarden US-Dollar in Treasuries. Der Fonds verteilt sein Vermögen derzeit ungefähr zu gleichen Teilen auf japanische Anleihen, ausländische Anleihen, japanische Aktien und ausländische Aktien.
Zusätzliche Brisanz erhält die Geschichte dadurch, dass Japans Regierung bereits eine stärkere Ausrichtung des GPIF auf heimische Anlagen ins Gespräch gebracht hat. Beschlossen ist bislang nichts, und die Regierung betont, dass die Interessen der Versicherten Vorrang haben. Bei einem Fonds dieser Größe könnten aber bereits wenige Prozentpunkte Verschiebung Kapitalströme in zweistelliger Milliardenhöhe auslösen.
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Für die USA verheißt das nichts Gutes. Eine straffere BoJ dürfte den Yen stärken und könnte weitere Deviseninterventionen unnötiger machen. Gleichzeitig macht sie japanische Anleihen attraktiver und könnte die Anleger nach Hause locken, deren Geld seit Jahrzehnten einen großen Teil der amerikanischen Staatsverschuldung finanziert. Für Washington kommt das alles zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. Die Rendite zehnjähriger Treasuries stieg zuletzt wieder in Richtung 4,8 Prozent. Wenn der größte ausländische Halter seine Nachfrage reduziert oder sogar Bestände abbaut, kann das zur Folge haben, dass die Renditen noch höher steigen.
Sollte die BoJ doch mit einem 50-Basispunkte-Schritt überraschen, könnte sie damit klar signalisieren, dass sie es mit der Normalisierung ihrer Geldpolitik ernst meint. Das würde den Yen weiter stützen, Carry Trades unter Druck setzen und die Attraktivität heimischer Bonds erhöhen. Ein schlagartiger Ausstieg japanischer Investoren aus US-Treasuries ist nicht zu erwarten. Sie sind hochliquide und bieten nominal weiterhin höhere Renditen. Aber die jahrzehntelange Selbstverständlichkeit, dass japanische Ersparnisse mangels Alternativen ins Ausland fließen, beginnt zu bröckeln.
Die Ironie könnte kaum größer sein: Washington wollte höhere japanische Zinsen, um den Yen zu stabilisieren. Gelingt das aber zu gut, könnte ein Teil des Kapitals, das die US-Kredite in der Vergangenheit finanziert hat, den Weg zurück nach Japan antreten und dadurch die Finanzierung des immer weiter wachsenden Schuldenberg Amerikas erheblich erschweren.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

