188-Milliarden-Dollar-Puffer
Türkei baut Reserven massiv aus – Goldschatz nahe Rekord
Die Lira hat ihren Abwärtstrend gestoppt. Gleichzeitig sind die türkischen Reserven seit dem März-Schock um rund 33 Milliarden US-Dollar gestiegen. Donnerstag wird es ernst.
- Türkische Reserven steigen um 33 Milliarden
- Goldreserven legen binnen zwei Monaten deutlich zu
- Leitzins bleibt bei 37 Prozent, Ausblick entscheidend
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Seit Jahren verliert die türkische Lira gegenüber Euro und US-Dollar kontinuierlich an Wert. Seit Anfang dieses Monats ist aber eine erstaunliche Ruhe am Markt eingekehrt und die Währung hält sich stabil. Dahinter steckt nicht zuletzt der kräftige Ausbau der finanziellen Puffer, durch den die türkische Zentralbank mehr Spielraum erlangt hat. Besonders auffällig ist dabei die Entwicklung der Goldreserven.
Für eine Währung, die seit Jahresbeginn mehr als 11 Prozent gegenüber dem US-Dollar verloren hat und mehr als 10 Prozent zum Euro, ist die aktuelle Seitwärtsbewegung bemerkenswert. Noch vor wenigen Monaten schien sich die Abwärtsdynamik der Lira eher zu verstärken. Als der Krieg gegen den Nachbarn Iran Ende Februar eskalierte, gerieten Lira und türkische Finanzmärkte massiv unter Druck. Die Zentralbank stemmte sich mit Devisenverkäufen, Goldgeschäften, Terminmarktinterventionen und einer faktischen Verschärfung der Geldpolitik gegen die Verwerfungen.
Das hinterließ tiefe Spuren in ihrer Bilanz. Die gesamten Bruttoreserven fielen bis zum 27. März auf nur noch 155,3 Milliarden US-Dollar. Allein in dieser Woche gingen mehr als 22 Milliarden US-Dollar verloren. Die Goldreserven sanken auf rund 100 Milliarden US-Dollar, die klassischen Brutto-Devisenreserven auf nur noch 55,3 Milliarden. Seitdem hat sich das Bild deutlich verbessert. Zum 28. August verfügte die Notenbank wieder über 188,2 Milliarden US-Dollar an Gesamtreserven – knapp 33 Milliarden mehr als Ende März. Damit ist die Türkei zwar noch nicht wieder beim Rekordniveau von mehr als 218 Milliarden US-Dollar von Ende Januar angekommen. Doch die Zentralbank besitzt heute wieder wesentlich mehr Munition, um bei heftigen Kapitalabflüssen oder einer abrupten Lira-Abwertung einzugreifen.
Besonders spektakulär sieht die Erholung beim Gold aus. Ende Juni beliefen sich die Goldreserven nur noch auf 94,95 Milliarden US-Dollar, Ende August waren es bereits 117,09 Milliarden US-Dollar. Innerhalb von gut zwei Monaten stieg ihr Wert damit um mehr als 22 Milliarden US-Dollar beziehungsweise rund 23 Prozent. Allein in der letzten Augustwoche legte der ausgewiesene Goldbestand um 2,9 Milliarden US-Dollar zu.

wallstreetONLINE RedaktionRallye vor dem Ende?
Der Türkei drohen Milliardenverluste
Der stark gestiegene Dollarwert der Goldreserven erklärt sich vor allem durch Bewertungsgewinne. Hinzu kommt ein weiterer Sonderfaktor: Während der Krise im März setzte die Zentralbank zusätzlich rund 80 Tonnen Gold über Swapgeschäfte zur Beschaffung von Devisen und Liquidität ein. Notenbankchef Fatih Karahan hatte darauf hingewiesen, dass Gold aus solchen Geschäften nach deren Fälligkeit wieder in die Reserven zurückkehren kann. Ende Juni waren noch rund 60 Tonnen solcher Gold-Swaps ausstehend. Es ist deshalb durchaus möglich, dass der Goldbestand in den kommenden Monaten auch ohne große Käufe am freien Markt weiter zunimmt.
Der zweite Schutzwall der Lira bleibt die extrem straffe Geldpolitik. Seit Januar liegt der offizielle Leitzins bei 37 Prozent. Nach Ausbruch des Iran-Krieges ging die Zentralbank sogar noch weiter: Sie stoppte ihre regulären einwöchigen Repo-Geschäfte und versorgte den Markt zeitweise über den Übernachtzins von 40 Prozent mit Geld – faktisch eine versteckte Zinserhöhung. Erst Ende August kehrte sie zur Finanzierung über den regulären Satz von 37 Prozent zurück. Karahan betonte, dies sei eine Normalisierung der Liquiditätsbedingungen und kein Signal für eine geldpolitische Lockerung.
Dafür spricht auch die weiterhin hohe Inflation. Im August sank die Teuerungsrate zwar auf 31,5 Prozent, doch der Kampf gegen den Preisdruck ist längst nicht gewonnen. Die Regierung hat inzwischen ihre Wachstumsprognose für 2026 von 3,8 auf 3,3 Prozent gesenkt. Gleichzeitig erschweren die durch den Iran-Krieg gestiegenen Energiepreise die geplante Disinflation.
Damit richtet sich der Blick nun auf Donnerstag, den 10. September, an dem die türkische Zentralbank über die Leitzinsen entscheidet. Der Markt erwartet mit großer Mehrheit, dass die 37 Prozent zunächst stehen bleiben. In einer jüngsten Bloomberg-Umfrage rechneten alle 19 befragten Finanzinstitute mit unveränderten Zinsen.
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Für die Lira dürfte allerdings weniger die Entscheidung selbst als der Ausblick entscheidend sein. Signalisiert die Zentralbank, dass die Inflation weiterhin Vorrang hat und Zinssenkungen nur sehr vorsichtig erfolgen, könnte die jüngste Stabilisierung anhalten. Deutet sie hingegen Lockerungen im Oktober an, könnte der seit Jahren bekannte schleichende Abwertungsdruck schnell zurückkehren.
Die Ausgangslage ist jedenfalls eine andere als noch im Frühjahr: Die Türkei hat ihre Reservepolster wieder gefüllt, der Goldschatz gewinnt kräftig an Wert und die Zentralbank kann einer neuen Lira-Attacke heute deutlich mehr entgegensetzen als noch vor wenigen Monaten.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

