Mehr EZB-Erhöhungen
Der Markt wettet auf viel härtere EZB-Schritte
Die EZB erhöht sehr wahrscheinlich am Donnerstag die Zinsen. Doch während Volkswirte kaum weitere Schritte erwarten, wetten die Märkte auf eine deutlich aggressivere Geldpolitik.
- EZB dürfte Zinsen anheben, Ökonomen erwarten Pause
- Märkte preisen drei weitere Zinserhöhungen ein
- Nahostkonflikt entscheidet über weitere Zinsschritte
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Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer schwierigen Gratwanderung. Nach den jüngsten Äußerungen ihrer Mitglieder ist eigentlich klar, dass sie die Zinsen am Donnerstag erhöhen wird, die Frage ist jedoch, was danach passiert. Während die meisten Volkswirte mit einem einzigen kleinen Zinsschritt rechnen, haben die Finanzmärkte deutlich mehr eingepreist.
Die EZB-Entscheidungsträger sind bereit, die Zinsen anzuheben, um die Nebenwirkungen des Iran-Kriegs einzudämmen, haben jedoch wenig Interesse daran, weitere Straffungsmaßnahmen für die Zeit danach anzukündigen, berichtete Reuters vor ein paar Tagen und berief sich dabei auf informierte Kreise. Ähnlich fiel auch das Ergebnis einer aktuellen Bloomberg-Umfrage aus, bei der fast alle befragten Ökonomen eine Erhöhung um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent erwarteten. Danach soll der Leitzins bis mindestens 2027 auf diesem Niveau bleiben.
Die Märkte sehen die Entwicklung deutlich anders. Händler rechnen aktuell mit rund drei weiteren Zinserhöhungen bis Mitte kommenden Jahres. Damit würde der Einlagenzins bis auf die Marke von 3,0 Prozent steigen und Wirtschaft, Konsum und in der Folge auch die Inflation deutlich stärker bremsen. Die ungewöhnlich große Lücke zwischen den Erwartungen von Ökonomen und Investoren zeigt das zentrale Problem der EZB: Sie muss entscheiden, ob die aktuellen Inflationsrisiken nur vorübergehend sind, oder ob eine neue Preisdynamik entsteht.
Der wichtigste Unsicherheitsfaktor liegt weiterhin im Nahen Osten. Die erneuten Kämpfe zwischen den USA und Iran haben die Sorge vor einer neuen Energiekrise verstärkt. Der Ölpreis bewegt sich wieder in Richtung 100 US-Dollar je Barrel, während die Erdgaspreise auf den höchsten Stand seit 2023 gestiegen sind. Für die EZB ist das ein schwieriges Szenario. Energiepreise wirken direkt auf die Inflation und treiben über höhere Produktions- und Transportkosten auch viele andere Preise nach oben.

wallstreetONLINE RedaktionFalken setzen sich durch
EZB vor Zinserhöhung – doch das könnten erst der Anfang sein
Noch sehen die meisten Volkswirte allerdings keine Anzeichen für eine gefährliche Zweitrunden-Inflation. Unternehmen und Verbraucher erwarten bislang nicht, dass die Preise dauerhaft deutlich stärker steigen. Auch bei den Löhnen gibt es nach Einschätzung der meisten Experten keine Hinweise auf eine neue Beschleunigung.
Bei der Erklärung zum Zinsentscheid wird vor allem wichtig sein, wie sich EZB-Chefin Christine Lagarde bezüglich künftiger Zinsschritte äußert. Wird sie in Ihrer Rede die hohe Inflation stärker gewichten oder die Gefahren für die Wirtschaft?
Innerhalb der Notenbank gibt es dazu unterschiedliche Einschätzungen. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel warnte zuletzt davor, Zweitrundeneffekte bei der Inflation zu spät zu bekämpfen, während der litauische Notenbankchef Gediminas Simkus erklärte, eine Zinserhöhung im September werde möglicherweise nicht ausreichen. Der bulgarische Zentralbankchef Dimitar Radev bezeichnete sowohl September als auch Dezember als mögliche Termine für weitere Anpassungen. Andere Vertreter der EZB sehen dagegen weniger Handlungsbedarf. Ratsmitglieder wie der italienische Notenbankchef Fabio Panetta, der griechische Notenbankchef Yannis Stournaras oder der portugiesische Notenbankchef Mário Centeno warnen regelmäßig vor den Risiken einer zu straffen Geldpolitik.
Die unterschiedliche Einschätzung von Markt und Ökonomen birgt Risiken. Sollte die EZB nach der erwarteten Zinserhöhung tatsächlich eine Pause einlegen, könnten einige Anleger auf dem falschen Fuß erwischt werden. Steigende Zinserwartungen treiben vor allem die Anleiherenditen und die Zinsen an, wovon Banken profitieren könnten. Auch der Euro dürfte reagieren: Eine aggressivere EZB könnte ihn stützen, eine zurückhaltendere Geldpolitik dagegen belasten. Belastet wird aber die Wirtschaft und alle wachstumsstarken Unternehmen, die stark von Krediten abhängig sind. Eine zurückhaltende EZB würde hingegen den Aktienkursen zugutekommen und für niedrigere Zinserwartungen sorgen.
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Ob die EZB tatsächlich weiter erhöhen muss, hängt maßgeblich von der Entwicklung im Nahen Osten ab. Der Konflikt um die Straße von Hormus ist dabei der größte Unsicherheitsfaktor. Einen vorübergehenden Energieschock kann die EZB ignorieren, einen dauerhaften Anstieg der Energiepreise dagegen nicht.
Die Ausgangslage vor der EZB-Sitzung ist damit ungewöhnlich: Die Inflation ist zwar noch erhöht, die Wirtschaft zeigt sich aber robuster als erwartet. Die Notenbank muss deshalb entscheiden, ob sie eine mögliche neue Inflationswelle früh bekämpfen muss, oder ob Gefahr, die Konjunktur mit zu hohen Zinsen unnötig auszubremsen, größer ist.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

