"Trockener Kanal"
Mexiko baut Alternative zu verstopftem Panamakanal
Der Panamakanal kämpft mit Engpässen und Wasserproblemen. Mexiko baut eine neue Atlantik-Pazifik-Verbindung und könnte damit einen Teil des Welthandels neu ordnen.
- Mexiko baut eine Alternative zum Panamakanal auf
- Dürre und Wartezeiten belasten den Panamakanal
- Der Korridor soll Handel und Industrie verbinden
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Die globale Schifffahrt sucht nach neuen Wegen. Der Panamakanal, eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt, stößt zunehmend an seine Grenzen. Niedrige Wasserstände, lange Wartezeiten und geopolitische Risiken haben Unternehmen gezeigt, wie anfällig globale Lieferketten sein können. Nun will Mexiko mit einer neuen Eisenbahnverbindung zwischen Atlantik und Pazifik zu einer wichtigen Alternative für den Welthandel werden.
Der sogenannte Interozeanische Korridor des Isthmus von Tehuantepec (CIIT) verbindet an der schmalsten Landbrücke des Landes den Hafen Coatzacoalcos am Golf von Mexiko mit Salina Cruz am Pazifik. Die 308 Kilometer lange Strecke quer durch den Süden Mexikos soll Container innerhalb weniger Stunden zwischen den beiden Ozeanen transportieren – eine Art "trockener Kanal" als Ergänzung zum Panamakanal.
Mexiko hat seit 2019 bereits mindestens 70 Milliarden Pesos (rund 4 Milliarden US-Dollar) in das Projekt investiert. Mehr als 500 Meilen Bahnstrecke wurden modernisiert, Häfen ausgebaut, Infrastruktur erneuert und Flächen für Industrieansiedlungen vorbereitet. Der Zeitpunkt für Mexikos Offensive ist günstig. Der Panamakanal hat in den vergangenen Jahren deutlich gemacht, dass eine zentrale Handelsroute auch ein globales Risiko sein kann.
Vor allem die Wasserknappheit sorgt für Probleme. Der Kanal benötigt große Mengen Süßwasser aus dem Gatún-See, um seine Schleusen zu betreiben. Während der aktuellen schweren Dürre mussten die Betreiber die Zahl der täglichen Durchfahrten deutlich reduzieren. Die Konsequenz ist, dass Schiffe nicht mehr nur wenige Tage, sondern teilweise bis zu drei Wochen auf eine Passage warten müssen.

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Das nächste Nadelöhr: 5 Millionen US-Dollar für die Fahrt durch den Panama Kanal
Für Reedereien bedeutet jede Verzögerung höhere Kosten. Unternehmen beginnen deshalb, ihre Lieferketten widerstandsfähiger zu machen und suchen nach Alternativen zu einzelnen strategischen Nadelöhren. Neben Panama stehen auch andere wichtige Handelswege wie die Straße von Hormus oder das Rote Meer wegen geopolitischer Risiken unter Druck.
Die größte Stärke des mexikanischen Projekts ist seine Lage. Die Pazifikseite des Korridors liegt näher an wichtigen asiatischen Handelsrouten, während die Atlantikseite direkten Zugang zu den USA und Europa bietet. Nach Angaben der mexikanischen Regierung könnte der komplette Transport über den Korridor in rund 24 Stunden erfolgen. Die reine Zugfahrt über die Landbrücke soll etwa 7 Stunden dauern. Zwar ist eine Passage durch den Panamakanal selbst schneller, doch die Warteschlangen vor den Schleusen können den entscheidenden Unterschied machen.
Auch bei bestimmten Entfernungen kann Mexiko punkten: Der Hafen Salina Cruz liegt weniger als vier Tage von Los Angeles entfernt und rund 15 Tage von Shanghai. Coatzacoalcos wiederum ist etwa vier Tage von New York entfernt und 15 Tage von Hamburg.
Der Plan Mexikos ist dabei nicht, den Panamakanal komplett zu verdrängen, dafür sind die Kapazitäten noch viel zu gering. Während durch Panama jährlich fast 20 Millionen Container transportiert werden, rechnet Mexiko selbst bis 2035 mit lediglich rund 1,4 Millionen Containern pro Jahr. Aber schon ein kleiner Anteil des weltweiten Handels könnte für Mexiko wirtschaftlich enorm wertvoll sein. Entlang des Korridors sollen neue Industriezentren aufgebaut werden, um damit vom Trend zu profitieren, die Produktion oder Teile der Lieferkette näher an den wichtigsten Kunden anzusiedeln (Nearshoring).
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Seit Unternehmen nach den Erfahrungen der Corona-Pandemie ihre Lieferketten hin zu den Absatzmärkten verlagern, gewinnt Mexiko als Produktionsstandort an Bedeutung. Das Land hat China 2023 als größten Warenexporteur in die USA überholt. Der USMCA-Handelspakt bietet Unternehmen zudem weiterhin einen wichtigen Zugang zum nordamerikanischen Markt. Die Vision der Regierung ist, dass Unternehmen nicht nur Container durch Mexiko transportieren, sondern direkt entlang der Route Fabriken errichten sollen. Dadurch würde aus einer Transitstrecke eine komplette industrielle Wertschöpfungskette entstehen.
Erste Schritte gibt es bereits. Hyundai transportierte Fahrzeuge über die Strecke und nutzte den Korridor für Lieferungen aus Asien in Richtung US-Ostküste. Noch sind die Mengen klein, aber Mexiko will daraus einen dauerhaften Handelsstrom entwickeln. Der Erfolg des Projekts hängt davon ab, ob Mexiko die Infrastruktur schnell genug ausbauen kann. Der Süden des Landes verfügt bislang nicht über dieselbe industrielle Basis wie die nördlichen Grenzregionen. Fehlende Energieversorgung, schwache Straßenverbindungen und begrenzte Industrieflächen bleiben Herausforderungen.
Auch die Integration von Bahn, Häfen und Industrieparks ist komplex. Doch die Regierung arbeitet daran, die Route für Investoren attraktiver zu machen und neue Entwicklungszentren entlang der Strecke aufzubauen. Langfristig jedoch könnte sich der mexikanische Korridor zu einer Alternative zu geopolitisch gefährdeten Handelswegen entwickeln und zu einem Umbau globaler Lieferketten, Nearshoring und Infrastrukturinvestitionen in Mexiko führen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

