Marktkontrolle scheitert
Öl- und Bondmarkt sind zu groß, USA verlieren die Kontrolle
Die USA haben die mächtigste Notenbank der Welt, die größte Volkswirtschaft und den US-Dollar. Doch manche Märkte sind so gigantisch, dass selbst Washington an seine Grenzen stößt.
- Selbst die USA können gigantische Märkte kaum lenken
- Anleiherenditen folgen Schulden und Risiken
- Öl- und Finanzmärkte widerstehen politischem Druck
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Die USA verfügen über eine finanzielle Macht, die kein anderes Land der Welt erreicht. Der US-Dollar ist die wichtigste Reservewährung, US-Staatsanleihen gelten als Rückgrat des globalen Finanzsystems und die Federal Reserve besitzt theoretisch unbegrenzte Möglichkeiten, Liquidität bereitzustellen. Trotzdem gibt es Märkte, die selbst die größte Wirtschaftsmacht der Welt nicht einfach in die gewünschte Richtung lenken kann.
Der aktuelle Streit zwischen US-Finanzminister Scott Bessent und den Finanzmärkten zeigt ziemlich genau die Grenzen dieser staatlichen Macht. Bessent hat Anleger mehrfach davor gewarnt, gegen die Regierung zu wetten. Er argumentiert, die Regierung verfüge über Informationen und politische Möglichkeiten, die der Markt unterschätze. Das Problem für Bessent ist, dass die Märkte solche Aussagen gerne testen und sie reagieren nicht auf Worte, sondern auf Fakten.
Besonders deutlich zeigt sich das am Anleihemarkt. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen sind zuletzt trotz der Bemühungen des Finanzministeriums immer weiter gestiegen. Trotz der Ankündigung verstärkter Anleihe-Rückkäufe stiegen die Renditen sogar auf neue Mehrjahreshochs. Denn der Bondmarkt bewertet langfristige Risiken und weniger markige Aussagen eines Politikers, selbst wenn es der US-Finanzminister ist. Entscheidend ist vielmehr, wie hoch die Staatsschulden sind, wie groß das Haushaltsdefizit bleibt, wie viele neue Anleihen müssen in den kommenden Jahren noch ausgegeben werden und kann die Notenbank die Inflation wirklich dauerhaft kontrollieren?
Der Markt für US-Staatsanleihen gehört mit einem Volumen von mehr als 30 Billionen US-Dollar zu den größten Finanzmärkten der Welt. Täglich werden dort gewaltige Summen gehandelt. Das US-Finanzministerium kann diesen Markt kurzfristig beeinflussen, aber nicht dauerhaft gegen die Erwartungen von Millionen Anlegern, Banken, Versicherungen, Pensionsfonds und internationalen Investoren arbeiten. Die Regierung kann Anleihen zurückkaufen, die Struktur der Schulden verändern oder politische Signale senden. Sie kann aber nicht einfach die grundlegenden Probleme verschwinden lassen.

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Vor allem die enorme Verschuldung der USA wird zunehmend zum entscheidenden Faktor. Ein steigendes Angebot an Staatsanleihen trifft auf Anleger, die für langfristige Risiken höhere Renditen verlangen. Der Markt akzeptiert keine politische Beruhigung, wenn die Fundamentaldaten dagegen sprechen. Das ist keine neue Erfahrung.
Eine der bekanntesten Niederlagen einer Regierung gegen die Finanzmärkte ereignete sich 1992 in Großbritannien. Damals versuchte die britische Regierung, das Pfund innerhalb des Europäischen Wechselkursmechanismus zu stabilisieren. Die Bank of England verteidigte die Währung mit Milliardenbeträgen und hob die Zinsen massiv an. Doch die Märkte glaubten nicht daran, dass diese Strategie dauerhaft funktionieren konnte.
Der Investor George Soros und andere Hedgefonds wetteten gegen das Pfund. Sie waren der Ansicht, dass die wirtschaftlichen Realitäten eine Verteidigung des Wechselkurses unmöglich machten. Am Ende musste Großbritannien aufgeben und das Pfund aus dem System nehmen. Der sogenannte „Schwarze Mittwoch“ wurde zu einem Symbol für eine zentrale Lektion der Finanzmärkte: Auch Regierungen mit mächtigen Institutionen können verlieren, wenn sie gegen eine Marktbewegung ankämpfen, die durch fundamentale Faktoren begründet ist.
Ein ähnliches Muster zeigt sich derzeit am Ölmarkt. Auch dort versucht die US-Regierung, Einfluss zu nehmen. Energiepreise sind politisch besonders sensibel, weil sie direkt die Verbraucher treffen und damit vor Wahlen eine große Rolle spielen. Bessent verwies auch beim Ölpreis darauf, dass der Markt die kommenden Maßnahmen der Regierung unterschätze. Doch der physische Ölmarkt kommt aktuell auf ein annualisiertes Volumen von etwa 3,65 Billionen US-Dollar, das entspricht fast der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung (etwa 4,5 Billionen US-Dollar).
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Auf so einen gewaltigen Markt haben politische Signale kaum einen Einfluss, und wenn, dann nur kurzfristig. Entscheidend sind Faktoren wie geopolitische Konflikte, Fördermengen großer Produzenten, Transportwege und die globale Nachfrage. Ein Finanzminister kann Sanktionen verhängen oder strategische Reserven (solange noch etwas da ist) einsetzen. Er kann aber nicht kurzfristig zusätzliches Öl auf den Markt bringen oder geopolitische Risiken verschwinden lassen.
Das bedeutet nicht, dass Regierungen machtlos sind. Erfolgreiche Marktinterventionen gab es immer wieder. Der Plaza Accord der 1980er Jahre schwächte den US-Dollar, und die Europäische Zentralbank stabilisierte während der Eurokrise die Märkte mit der berühmten "Whatever it takes"-Strategie.
Doch diese Erfolge hatten die entscheidende Voraussetzung, dass hinter den Worten enorme finanzielle Mittel standen und eine Institution mit nahezu unbegrenzter Feuerkraft. Bei Bessent ist die Situation komplizierter. Er kontrolliert nicht die Geldpolitik der Federal Reserve und kann die strukturellen Probleme des US-Haushalts und die gewaltige Verschuldung nicht allein lösen. Zudem besteht die Gefahr, dass Anleger beginnen könnten, seine Warnungen nicht mehr ernst zu nehmen.
Denn Finanzmärkte können vieles akzeptieren, aber eines nicht: Wenn eine Regierung verspricht, einen Markt zu kontrollieren, obwohl sie es faktisch nicht kann. Die USA bleiben die wichtigste Finanzmacht der Welt. Doch selbst die größte Notenbank, die stärkste Volkswirtschaft und die wichtigste Reservewährung haben eine Grenze: Manche Märkte sind schlicht größer als jede politische Ansage.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

