Carry Trades kollabieren
Japans Billiggeld wird plötzlich zum Risiko für die Weltmärkte
Jahrzehntelang war der Yen die wichtigste Finanzierungsquelle der Welt. Jetzt steigt Japans Währung, und das Ende des Carry-Trades könnte Aktien, Anleihen und Krypto belasten.
- Yen-Aufwertung gefährdet globale Carry-Trades
- Die Trade-Auflösung belastet Aktien und Krypto
- Höhere Anleiherenditen ziehen Kapital nach Japan
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Der Yen-Carry-Trade war einer der unsichtbaren Liquiditätsmotoren der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Während Anleger weltweit auf der Suche nach höheren Renditen waren, lieferte Japan die wichtigste Voraussetzung dafür: extrem billiges Geld.
Die Strategie war einfach. Investoren liehen sich Yen zu niedrigen Zinsen, tauschten die japanische Währung in US-Dollar oder andere Währungen und investierten das Kapital in renditestärkere Anlagen. Dazu gehörten Aktien, Anleihen, Schwellenländeranlagen oder Kryptowährungen. Solange der Yen schwach blieb und die Zinsen in Japan niedrig waren, funktionierte dieses Modell. Die Kreditkosten blieben gering, während die Renditen der gekauften Anlagen deutlich höher lagen.
Doch nun beginnt sich das Bild zu verändern, denn der Yen hat zuletzt deutlich aufgewertet und stieg zuletzt über die Marke von 154 je US-Dollar. Im September legte die Währung gegenüber dem US-Dollar bereits rund drei Prozent zu und erreichte den höchsten Stand seit Februar. Auslöser waren vor allem Erwartungen, dass die Bank of Japan die Zinsen schneller anheben könnte. Zusätzlich sorgte der Druck aus Washington für Aufmerksamkeit: US-Finanzminister Scott Bessent setzte sich wiederholt für einen stärkeren Yen ein.
Für Carry-Trader aber ist ein stärkerer Yen problematisch. Denn die Kredite müssen in Yen zurückgezahlt werden. Steigt die Währung, verteuert sich die Rückzahlung, selbst wenn die eigentlichen Investments noch Gewinne erzielen. Als Folge davon versuchen immer mehr Investoren nun, ihre milliardenschweren Yen-Carry-Trades wieder aufzulösen. Dadurch könnte der Yen vom billigsten Geld der Welt zu einem neuen Risiko-Faktor werden.

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Die Auflösung der Trades kann eine gefährliche Spirale auslösen: Anleger verkaufen Vermögenswerte, um Yen-Kredite zurückzuführen. Dadurch fallen Preise, weitere Investoren reduzieren ihre Positionen und der Druck auf die Märkte nimmt zu. Die genaue Größe des weltweiten Yen-Carry-Trades lässt sich kaum bestimmen. Viele Positionen laufen über Fonds, Derivate und komplexe Finanzierungen.
Ein wichtiger Indikator sind jedoch Yen-Kredite und Einlagen ausländischer Nichtbanken. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) lagen diese im ersten Quartal bei rund 42 Billionen Yen (235 Milliarden Euro). Das entspricht zwar weniger als dem Rekordwert von 45,7 Billionen Yen Ende 2024, liegt aber fast doppelt so hoch wie vor zehn Jahren. Trotz der jüngsten Anpassungen bleibt die Abhängigkeit vieler Anleger von japanischem Billiggeld also erheblich.
Die größte Gefahr entsteht dort, wo das geliehene Geld investiert wurde, vor allem also in hoch bewerteten Wachstumsaktien und anderen risikoreichen Anlagen. Denn diese Vermögenswerte profitieren besonders stark von hoher Liquidität und günstigen Finanzierungskosten. Wenn Anleger ihre Hebel reduzieren müssen, verkaufen sie häufig zuerst die Positionen, die leicht handelbar sind und hohe Gewinne gebracht haben. Auch Schwellenländer könnten unter Druck geraten. Viele Märkte profitieren von globalen Kapitalströmen. Dreht die Liquiditätsrichtung, können diese Anlagen schnell an Attraktivität verlieren.
Ein Blick zurück zeigt, welches Risiko ein schneller Yen-Anstieg bergen kann. Im August 2024 löste eine Kombination aus einer Zinserhöhung der Bank of Japan und schwachen US-Arbeitsmarktdaten eine aggressive Auflösung von Yen-finanzierten Positionen aus. Der japanische Nikkei brach an einem Tag um 12 Prozent ein, während auch Nasdaq und Bitcoin deutlich unter Druck gerieten.
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Die Auswirkungen könnten aber über Aktien hinausgehen. Japanische Investoren gehören zu den größten ausländischen Anlegern an den internationalen Anleihemärkten. Nach Jahrzehnten extrem niedriger Zinsen steigen die Renditen japanischer Staatsanleihen wieder deutlich. Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen (JGB) kletterte zuletzt auf den höchsten Stand seit mehr als anderthalb Jahrzehnten. Zweijährige JGBs rentieren sogar auf dem höchsten Stand seit Beginn der Finanzkrise 2008. Steigen aber die Renditen japanischer Staatsanleihen, dürften Investoren Kapital zurück nach Japan holen. Und das löst eine Kettenreaktion aus.
Attraktivere heimische Anlagen könnten dazu führen, dass weniger Geld in US-Staatsanleihen oder andere internationale Märkte fließt. Für die globalen Anleihemärkte wäre das ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Gerade der US-Treasury-Markt steht ohnehin unter Druck durch hohe Staatsverschuldung und steigende Renditeforderungen der Anleger.
Der Yen-Carry-Trade war über Jahre ein wichtiger Bestandteil der globalen Finanzarchitektur. Wenn diese Geldquelle versiegt, könnten die Konsequenzen weltweit zu spüren sein. Im Moment weiß niemand genau, wie stark die Märkte tatsächlich von Japans billigem Kapital abhängig sind.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

