Reeder profitieren
Tankerraten klettern auf Rekordhoch von 700.000 US-Dollar pro Tag
Die Kosten für Supertanker schießen auf einen neuen Rekord. Aus dem Risiko am Persischen Golf wird ein weltweiter Engpass, mit Folgen für Ölpreise, Inflation und Reeder.
- VLCC-Raten erreichen bis zu 700.000 Dollar täglich
- Risiken am Golf verknappen weltweit Tankerkapazität
- Teurer Transport treibt Ölpreise und Inflation
- Report: KI-Euphorie kippt - Bei diesen 5 Aktien droht der Crash!
Schon bei früheren Krisen sind die Tagesraten am Tankermarkt kurzfristig in sechsstellige Bereiche vorgestoßen. Mit den größten Öltankern (Very Large Crude Carrier, kurz VLCC) konnten beispielswese während des Corona-Ölchaos 2020 zeitweise mehr als 200.000 US-Dollar am Tag verdient werden. Doch die aktuelle Rallye stellt alle bisherigen Ausschläge in den Schatten: Auf einzelnen Routen sind die rechnerischen Tageserträge inzwischen auf bis zu 700.000 US-Dollar gestiegen.
Auf der Route vom Golf von Oman nach China stieg der Frachtsatz zuletzt auf rund Worldscale 450, das bedeutet, dass der aktuelle Frachtsatz 450 Prozent des Basissatzes dieser Route beträgt. Der Preis hat sich also ver-4,5-facht. Anfang September hatte der Satz noch etwa 270 Prozent des Basissatzes betragen. Der aktuelle Preis entspricht nach Daten der Baltic Exchange etwa 11,50 US-Dollar je Barrel beziehungsweise einem Tagessatz von rund 466.000 US-Dollar und stellt laut Reuters einen Rekord für die erst in diesem Jahr eingeführte Route dar. Anfang September betrug die Rate noch 262.000 US-Dollar.
Bei einer typischen VLCC-Ladung von knapp zwei Millionen Barrel kostet der Transport damit grob 23 Millionen US-Dollar für eine einzige Reise. Das ist nicht der Gewinn des Reeders: Treibstoff, Hafenentgelte und andere Reisekosten müssen noch abgezogen werden. Trotzdem zeigt die Zahl, welche Dimension die Verwerfungen inzwischen erreicht haben. Auf der klassischen Route vom Nahen Osten nach China wurden Ende August bei WS623 sogar mehr als 647.000 US-Dollar pro Tag erreicht. Das ist mehr als eine Versechsfachung der ursprünglichen Preise.
Auslöser ist vor allem das gestiegene Sicherheitsrisiko rund um den Persischen Golf. Nach den jüngsten Angriffen auf Schiffe nahe der Straße von Hormus meiden Reeder die Region oder verlangen deutlich höhere Prämien. Weniger verfügbare Schiffe treffen damit auf weiterhin hohe Transportnachfrage. Zugleich verschärft die Lage am Bab al-Mandab die Unsicherheit: Die mit Iran verbündeten Huthi haben ihre Position rund um die strategisch wichtige Meerenge zuletzt ausgebaut. Damit stehen gleich zwei zentrale Nadelöhre des globalen Ölhandels unter Druck.
Der Schock springt auf andere Routen über
Besonders brisant ist jedoch, dass die Verwerfungen längst nicht mehr auf den Nahen Osten begrenzt sind. Auch die VLCC-Route von Westafrika nach China erreichte neue Rekorde. Bereits Anfang September kostete diese Route rund 210.600 US-Dollar pro Tag. Seitdem sind die Frachtraten weiter auf Rekordstände gestiegen. Denn wenn Schiffe aus anderen Regionen in lukrativere oder sicherere Routen umgeleitet werden, fehlt Kapazität an anderer Stelle.
Gleichzeitig führen Umwege zu längeren Reisen. Ein Tanker, der länger gebunden ist, steht dem Markt nicht für die nächste Ladung zur Verfügung. Effektiv schrumpft damit das verfügbare Angebot an Schiffstagen. Höhere Tankerkosten verteuern Rohöl zusätzlich zum eigentlichen Ölpreis. Bleiben die Frachtraten hoch, erreichen die Mehrkosten Raffinerien, Treibstoffhändler und am Ende Unternehmen und Verbraucher. Der Transport wird damit selbst zu einem Preistreiber, unabhängig davon, ob grundsätzlich genug Öl gefördert wird.
Nur im September: Depot eröffnen, 5 Trades ausführen, Depot übertragen – oder beides kombinieren.→ Jetzt teilnehmen
Für Tankerreeder ist die Lage dagegen zunächst ein gewaltiger Gewinnhebel. Bei hohen Spotraten können freie Schiffe außergewöhnlich hohe Cashflows erzielen. Entscheidend ist allerdings, wie viele Tanker eines Unternehmens tatsächlich kurzfristig am Spotmarkt fahren und wie stark Versicherungs-, Sicherheits- und Treibstoffkosten steigen. Der Rekordmarkt ist deshalb lukrativ, aber keineswegs risikolos.
Was als Sicherheitsproblem rund um Hormus begann, bindet inzwischen Tankerkapazität am gesamten Weltmarkt. Da selbst Frachtraten zwischen Westafrika und China auf Rekorde steigen, ist aus einem regionalen Konflikt ein globaler Frachtschock geworden. Und solange die großen Seewege unsicher bleiben, dürfte dieser Engpass ein gewaltiger Preistreiber am Ölmarkt bleiben.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

