Flucht aus der US-Abhängigkeit
Kanadas große Wette: Carney will 1 Billion Dollar ins Land holen
BlackRock, Blackstone und Temasek kommen nach Toronto. Mark Carney will Kanada mit einer gewaltigen Investitionsoffensive unabhängiger von den USA machen.
- Carney wirbt in Toronto um globale Investitionen
- Eine Billion Kanada-Dollar soll mobilisiert werden
- Kanada diversifiziert sich wegen US-Zöllen stärker
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Kanadas Premierminister Mark Carney fährt im Handelsstreit mit den USA eine neue Strategie: Wenn der wichtigste Absatzmarkt unsicherer wird, soll internationales Kapital Kanada unabhängiger machen. Dafür versammelt der frühere Goldman-Sachs-Manager und Zentralbankchef am Montag und Dienstag einige der mächtigsten Investoren der Welt in Toronto. Zum ersten "Canada Investment Summit" werden rund 100 internationale Investoren sowie kanadische Konzernchefs und Vertreter des öffentlichen Sektors erwartet. Unter den Teilnehmern befinden sich laut Reuters BlackRock-Chef Larry Fink, Blackstone-Präsident Jon Gray, Temasek-Chef Dilhan Pillay und APG-Chefin Annette Mosman. Zusammen verwalten die eingeladenen Investoren nach Angaben Carneys Vermögenswerte von mehr als 120 Billionen Kanada-Dollar.
Carneys Ziel ist gewaltig: Innerhalb von fünf Jahren sollen insgesamt eine Billion Kanada-Dollar an Investitionen mobilisiert werden. Die Regierung will dafür Genehmigungsverfahren beschleunigen, regulatorische Doppelarbeit abbauen und privates sowie institutionelles Kapital in Energie, Bergbau, Infrastruktur und Technologie lenken. Ottawa spricht inzwischen von 27 großen „Nation-Building“-Vorhaben mit einem Investitionsvolumen von mehr als 192 Milliarden Kanada-Dollar und potenziell mehr als 330.000 Arbeitsplätzen.
Hinter der Offensive steckt allerdings mehr als klassische Standortwerbung. Kanada versucht, seine enorme Abhängigkeit vom US-Markt zu reduzieren. Noch 2024 gingen 75,9 Prozent der kanadischen Warenexporte in die Vereinigten Staaten. 2025 sank der Anteil bereits auf 71,7 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Exporte in andere Länder um 17,2 Prozent. Der Druck zur Diversifizierung hat sich zuletzt weiter erhöht. Nach dem Scheitern neuer Handelsgespräche verhängten die USA zusätzliche Zölle von 50 Prozent auf kanadische Waren im Umfang von rund 20 Milliarden US-Dollar. Kanada reagierte Anfang September mit Gegenzöllen.
Carney sucht deshalb verstärkt Partner in Europa, Asien und im Nahen Osten. Parallel zum Investmentgipfel treibt Ottawa eine engere wirtschaftliche Verbindung mit der Europäischen Union voran. Im Gespräch sind Kooperationen unter anderem bei künstlicher Intelligenz, Energie, kritischen Rohstoffen und Rechenzentren. Mehr als 160 konkrete Investitionsmöglichkeiten sollen den Geldmanagern in Toronto präsentiert werden. Allein 96 Rechenzentren befinden sich laut Reuters derzeit in Kanada in Entwicklung. Angeboten werden Beteiligungen an Datacenter-Projekten in Alberta und New Brunswick ebenso wie Investitionen in Quantentechnologie.
Besonders interessant ist Xanadu. Das Unternehmen entwickelt Quantencomputer auf Basis von Photonen und ist seit März an der Nasdaq und Toronto Stock Exchange gelistet. Erst Ende August sagte die kanadische Regierung weitere 195 Millionen Kanada-Dollar für den Aufbau einer 158.000 Quadratfuß großen Photonik-Fertigungsanlage in Toronto zu. Xanadu peilt einen fehlertoleranten Quantencomputer ab 2028/2029 und ein Quantum Data Center für 2029 bis 2030 an.
Auch Kanadas Rohstoffreichtum soll Kapital anziehen. Das Crawford-Nickelprojekt in Ontario verfügt nach Regierungsangaben über die zweitgrößte Nickelreserve der Welt. Rund 5 Milliarden Kanada-Dollar könnten dort investiert werden. Geplant sind etwa 5.000 Arbeitsplätze während des Baus und 1.300 im späteren Betrieb. Die Emissionen je produzierter Einheit sollen fast 90 Prozent unter dem weltweiten Branchendurchschnitt liegen.
Die Bandbreite reicht bis zu deutlich spekulativeren Infrastrukturideen. Für eine geplante Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Calgary und Edmonton werden beispielsweise rund 900 Millionen Kanada-Dollar Finanzierung gesucht. Auf den ersten Blick startet Carney aus einer starken Position. Die ausländischen Direktinvestitionen nach Kanada stiegen im zweiten Quartal 2026 auf 25,9 Milliarden Kanada-Dollar, nach 18,8 Milliarden im ersten Quartal. Mehr als die Hälfte entfiel auf Industrie sowie Finanz- und Versicherungsunternehmen. Die wichtigsten Herkunftsländer waren die USA, Großbritannien und die Niederlande.
Doch genau hier liegt auch der Haken. Ein erheblicher Teil der Kapitalzuflüsse besteht aus reinvestierten Gewinnen oder Unternehmenskäufen. Schwieriger ist es, Investoren zum Bau völlig neuer Fabriken, Minen, Rechenzentren oder Infrastrukturprojekte zu bewegen. Diese sogenannten Greenfield-Investitionen haben seit Carneys Amtsantritt bislang keinen vergleichbaren Boom erlebt. Genau das soll der Gipfel ändern. Schnelle Milliardenabschlüsse sind allerdings kaum zu erwarten. Größere Projekte dürften nach Einschätzung von Regierungsvertretern zwölf bis 18 Monate benötigen, bis aus Gesprächen tatsächlich Verträge werden.
Damit wird Toronto zum Test für Carneys wirtschaftspolitisches Versprechen: Kanada soll nicht länger fast automatisch zuerst nach Süden schauen, wenn es um Handel und Kapital geht. Das Land will seine Rohstoffe, politische Stabilität, Energieversorgung und Technologiekompetenz nutzen, um sich als Alternative für internationales Kapital zu positionieren. Ob daraus tatsächlich eine Billion Kanada-Dollar an neuen Investitionen wird, bleibt offen. Doch angesichts des eskalierenden Handelsstreits mit den USA ist die Offensive längst mehr als Standortmarketing. Für Carney geht es darum, Kanadas Wirtschaftsmodell für eine Welt umzubauen, in der selbst der engste Handelspartner nicht mehr als selbstverständlich verlässlich gelten kann.
Autor: Paul Späthling, wallstreetONLINE Redaktion

