Bayer kurz vor der Wende?
Roundup-Showdown in den USA: Bayer kämpft um den Befreiungsschlag
Bayer will den jahrelangen Roundup-Streit endlich eindämmen. Nach dem Sieg vor dem Supreme Court entscheidet nun ein Richter über einen Vergleich von bis zu 7,25 Milliarden US-Dollar.
- Richter prüft Roundup-Vergleich über 7,25 Milliarden
- Supreme-Court-Urteil stärkt Bayer im Rechtsstreit
- Milliardenrisiken belasten Bayers Bilanz weiterhin
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Bayer kommt einer möglichen Befreiung von einem seiner größten Altlasten näher. Vor einem Gericht im US-Bundesstaat Missouri hat die Konzerntochter Monsanto am Montag für die endgültige Genehmigung eines Vergleichs über bis zu 7,25 Milliarden US-Dollar geworben. Damit soll ein Großteil der noch offenen und möglichen künftigen US-Klagen wegen angeblicher Krebsrisiken des Unkrautvernichters Roundup beigelegt werden. Bei der Anhörung in St. Louis machte Monsanto-Anwalt James Bennett deutlich, dass derzeit kein alternativer Vergleich auf dem Tisch liege.
Sollte Richter Timothy Boyer den Deal ablehnen, sei Monsanto bereit, die Verfahren weiter vor Gericht auszutragen. Eine Entscheidung fiel am Montag noch nicht. Der Richter forderte die Beteiligten auf, bis Ende der Woche weitere Schriftsätze einzureichen. Wann er entscheidet, ist offen. Boyer hatte dem Vergleich bereits am 4. März vorläufig zugestimmt. Widerstand kommt jedoch weiterhin von Teilen der Klägerseite. Kritiker halten die Entschädigungen für zu niedrig und bezweifeln, dass die Interessen heutiger und künftiger Erkrankter ausreichend berücksichtigt werden. Andere Klägeranwälte sehen die Vereinbarung dagegen als beste Chance, ihren Mandanten eine kalkulierbare Entschädigung zu sichern.
Das Programm richtet sich vor allem an Personen, die nach einer Roundup-Exposition an einem Non-Hodgkin-Lymphom erkrankt sind. Vorgesehen sind je nach Erkrankung, Alter bei der Diagnose und weiteren Faktoren Zahlungen von etwa 10.000 bis 165.000 US-Dollar. Monsanto soll über einen Zeitraum von bis zu 21 Jahren jährlich abnehmende und gedeckelte Zahlungen leisten, insgesamt höchstens 7,25 Milliarden US-Dollar.
Bemerkenswert ist dabei die Reichweite des Deals. Er soll nicht nur bereits diagnostizierte Betroffene erfassen. Auch Menschen, die Roundup vor dem 17. Februar 2026 verwendet haben und erst innerhalb von 16 Jahren nach Wirksamwerden des Vergleichs ein Non-Hodgkin-Lymphom diagnostiziert bekommen, können grundsätzlich unter die Regelung fallen. In den USA sind nach Reuters-Angaben noch rund 65.000 Roundup-Ansprüche anhängig. Wie viele Kläger endgültig aus dem Vergleich aussteigen, steht noch nicht fest. Opt-outs können bis zur endgültigen Genehmigung widerrufen werden.
Supreme Court verändert die Ausgangslage
Bayers Verhandlungsposition hat sich allerdings Ende Juni entscheidend verbessert. Der Oberste Gerichtshof der USA entschied am 25. Juni mit sieben zu zwei Stimmen zugunsten von Monsanto. Im Fall "Monsanto v. Durnell" urteilten die Richter, dass bundesrechtliche Vorgaben zum Pestizid-Etikett Vorrang vor einzelstaatlichen Schadenersatzklagen haben können, die auf einer angeblich fehlenden Krebswarnung beruhen.
Konkret kippte der Supreme Court ein Schadenersatzurteil über 1,25 Millionen US-Dollar zugunsten des Klägers John Durnell. Die Richter argumentierten, dass die US-Umweltbehörde EPA ein Roundup-Etikett ohne Krebswarnung genehmigt hatte und Bundesstaaten über das Haftungsrecht keine davon abweichenden Warnpflichten erzwingen dürfen. Das Urteil schwächt damit eine zentrale juristische Grundlage zahlreicher Roundup-Verfahren erheblich. Bayer geht sogar davon aus, dass die Entscheidung praktisch sämtliche noch bestehenden Ansprüche auf Grundlage einer fehlenden Warnung ausschließt. Ob auch andere rechtliche Angriffspunkte dauerhaft scheitern, dürfte allerdings weiterhin Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen bleiben.
Milliardenrisiko bleibt vorerst in der Bilanz
Finanziell ist die Angelegenheit dennoch gewaltig. Bayer erhöhte seine Rückstellungen und Verbindlichkeiten für Rechtsstreitigkeiten Anfang des Jahres von 7,8 auf 11,8 Milliarden Euro. Davon entfielen 9,6 Milliarden Euro auf Glyphosat. Für 2026 kalkuliert der Konzern mit Rechtsstreit-Zahlungen von rund 5 Milliarden Euro.
Die Belastung ist bereits sichtbar: Im ersten Halbjahr 2026 lag der Free Cashflow bei minus 2,7 Milliarden Euro, unter anderem wegen der hohen Vergleichszahlungen. Ende Juni betrug die Nettofinanzverschuldung noch 33,65 Milliarden Euro. Bayer bestätigte dennoch seinen operativen Jahresausblick und erwartet die Verschuldung zum Jahresende inzwischen bei 29 bis 30 Milliarden Euro.
Für Vorstandschef Bill Anderson könnte eine endgültige Zustimmung zum Roundup-Vergleich deshalb weit mehr sein als ein weiterer juristischer Etappensieg. Zusammen mit dem Supreme-Court-Urteil würde sie eines der größten Risiken eindämmen, die Bayer mit der 63 Milliarden US-Dollar schweren Monsanto-Übernahme 2018 übernommen hatte.
Ganz ausgestanden wäre die Sache selbst dann noch nicht: Gegen eine endgültige Genehmigung des Vergleichs sind weitere Rechtsmittel möglich. Allerdings scheiterte Ende August bereits der Versuch von Gegnern des Deals, das Verfahren aus Missouri vor ein Bundesgericht zu verlagern.
Bayer weist weiterhin jeden Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebs zurück und verweist auf die Einschätzungen von Regulierungsbehörden wie der EPA. Dem gegenüber steht die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC, eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation, die Glyphosat bereits 2015 als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ einstufte. Für Anleger geht es inzwischen jedoch nicht mehr nur um diese wissenschaftliche Debatte. Entscheidend ist, ob Bayer das milliardenschwere Rechtsrisiko endlich berechenbar machen kann.
Autor: Paul Späthling, wallstreetONLINE Redaktion
Die Bayer Aktie wird zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Nachricht mit einem Plus von +0,26 % und einem Kurs von 49,50EUR auf Tradegate (15. September 2026, 09:58 Uhr) gehandelt.

