Vierfaches Wachstum
Dieses Euro-Land ist halb so hoch verschuldet wie Deutschland
In 2026 soll Bulgarien viermal so stark wachsen wie Deutschland, bei weniger als halb so vielen Staatsschulden. Hohe Bondrenditen und eine Börsenrallye locken Anleger an.
- Bulgarien wächst 2026 deutlich schneller als Deutschland
- Bulgariens Schulden bleiben weit unter Deutschlands
- Eurobeitritt und hohe Bondrenditen locken Anleger
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Deutschland ringt um jedes Zehntel Wachstum, die Staatsverschuldung steigt und immer mehr Geld fließt in die großen Infrastruktur- und Verteidigungsprojekte. Rund 1.500 Kilometer weiter südöstlich sieht die Lage überraschend anders aus. Bulgarien wächst deutlich schneller, ist nur etwa halb so hoch verschuldet und gehört seit diesem Jahr auch noch zur Eurozone.
Für 2026 sagt die EU-Kommission für Bulgarien 2026 ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent voraus, während die Prognose für Deutschland gerade einmal 0,6 Prozent beträgt. Damit wächst die bulgarische Wirtschaft mehr als viermal so schnell. Bereits 2025 hatte das Land mit 3,1 Prozent Wachstum (Deutschland: + 0,2 Prozent) deutlich besser abgeschnitten.
Noch überraschender ist der Blick auf die Schulden. Ende des ersten Quartals lag Bulgariens Staatsschuldenquote bei lediglich 28,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, zeigen Eurostat-Daten. Deutschland kam auf 64,4 Prozent. Bulgarien gehört damit zu den am wenigsten verschuldeten Staaten der Europäischen Union. Selbst nach dem erwarteten Anstieg der Schulden dürfte die Quote laut EU-Kommission 2026 mit 32,3 Prozent noch nicht einmal halb so hoch liegen wie die prognostizierten 65,8 Prozent in Deutschland.
Seit dem 1. Januar ist Bulgarien zudem das 21. Mitglied der Eurozone. Die Bulgarische Nationalbank gehört nun zum Eurosystem, die Banken sind vollständig in die europäische Finanzinfrastruktur integriert. Für Investoren verschwindet damit ein wesentliches Problem, das Währungsrisiko zwischen Lew und Euro.

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Die Kombination aus niedrigem Schuldenstand, überdurchschnittlichem Wachstum und stärkerer europäischer Integration bleibt auch den Ratingagenturen nicht verborgen. S&P bestätigte im Mai Bulgariens Bonitätsnote BBB+, hob den Ausblick aber von "stabil" auf "positiv" an. Als Gründe nannte die Agentur unter anderem die Aussicht auf höheres Einkommen und Wachstum, Reformen, EU-Mittel sowie eine verbesserte politische Stabilität. Eine spätere Heraufstufung wäre damit zumindest denkbar.
Auch die Börse hat die neue Bulgarien-Story längst entdeckt. Der Leitindex SOFIX war bereits 2025 um 29,5 Prozent gestiegen. Nach der Einführung des Euro folgte der nächste Schub: Allein in den ersten fünf Handelstagen 2026 gewann der Index mehr als 14 Prozent, Mitte Januar bezeichnete Bloomberg Bulgarien sogar als den weltweit stärksten Aktienmarkt seit Jahresbeginn. Bei zuletzt rund 1.465 Punkten liegt der SOFIX inzwischen rund 27 Prozent über dem Stand zum Jahreswechsel.
Besonders interessant wird der Vergleich mit Deutschland am Anleihemarkt. Eine zehnjährige bulgarische Staatsanleihe bringt derzeit rund 4,4 Prozent Rendite, etwa 90 Basispunkte mehr als eine vergleichbare Bundesanleihe. Das wirkt auf den ersten Blick paradox: Der Staat mit weniger als halb so hoher Schuldenquote muss deutlich mehr Zinsen zahlen. Der Grund liegt vor allem in der unterschiedlichen Bonität. Deutschland genießt bei den großen Ratingagenturen weiterhin Spitzenratings, Bulgarien liegt mehrere Stufen darunter. Kleinere Kapitalmärkte, geringere Liquidität, schwächere Institutionen und die politische Vergangenheit verlangen weiterhin einen Risikoaufschlag. Fitch bewertet Bulgarien derzeit ebenfalls mit BBB+ und stabilem Ausblick.
Für Anleger liegt darin allerdings eine ganz gute Chance. Sollte sich die wirtschaftliche und institutionelle Annäherung an Westeuropa fortsetzen und Bulgarien bessere Ratings erhalten, könnte sich der Renditeabstand zu deutschen Bundesanleihen verkleinern. Dann profitieren Besitzer länger laufender bulgarischer Bonds nicht nur von der höheren Verzinsung, sondern möglicherweise zusätzlich von steigenden Kursen.
Ganz so makellos ist Bulgariens Bilanz allerdings nicht. Die EU-Kommission erwartet, dass die Schulden des Landes 2026 und 2027 stärker wachsen als in Deutschland. Dadurch dürfte die bislang sehr niedrige Schuldenquote bis 2027 auf 35,5 Prozent steigen. Hinzu kommt die Inflation. Während die EU-Kommission für Deutschland 2026 mit 2,9 Prozent rechnet, werden für Bulgarien 4,2 Prozent erwartet. Hohe Energiepreise, steigende Lebensmittelpreise und weiterhin kräftige Lohnzuwächse sorgen für Preisdruck. Auch politisch bleibt Bulgarien kein Selbstläufer. Das Land hat mehrere Jahre politischer Turbulenzen hinter sich. Zwar sieht S&P nach der jüngsten Regierungsbildung bessere Voraussetzungen für Reformen und Haushaltskonsolidierung. Wie dauerhaft diese Stabilisierung ist, muss sich aber erst zeigen.
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Für deutsche Anleger sind vor allem zwei Wege interessant. Der defensivere führt über bulgarische Staatsanleihen. Seit dem Euro-Beitritt entfällt bei Euro-Bonds das Wechselkursrisiko, während die Renditen klar über denen deutscher Bundesanleihen liegen. Dafür müssen Anleger das niedrigere Rating und die geringere Liquidität akzeptieren.
Spekulativer ist der Aktienmarkt. Über den Expat Bulgaria SOFIX UCITS ETF lässt sich sogar an deutschen Börsen auf die größten bulgarischen Unternehmen setzen. Der ETF ist unter der WKN A2ARPV in Euro unter anderem auf Xetra handelbar. Allerdings ist der bulgarische Aktienmarkt klein und vergleichsweise illiquide, die starken Kursgewinne können deshalb auch in die andere Richtung überdurchschnittlich ausfallen.
Bulgarien ist für Anleger vor allem durch seine ganz eigene Mischung interessant: Sicherheit und Wachstum auf der einen Seite, bei überschaubaren Risiken auf der anderen. Ein Land mit weniger als halb so hoher Staatsverschuldung wie Deutschland, viermal höherem Wachstum, neuer Euro-Mitgliedschaft und Aussicht auf bessere Ratings bietet bei seinen Staatsanleihen trotzdem höhere Renditen. Die Märkte wetten zunehmend darauf, dass dieser Abschlag immer kleiner wird.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

