Prognosen verdoppelt
Deutschland startet durch mit Milliardeninvestitionen als Wirtschaftsmotor
Die Wirtschaftsinstitute schrauben ihre Prognosen überraschend kräftig nach oben. Treibt der Staat die deutsche Wirtschaft jetzt aus der Flaute?
- Institute heben Wachstumsprognosen deutlich an
- Staatliche Investitionen treiben die Konjunktur an
- Autoindustrie und hohe Kosten bremsen den Aufschwung
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Nach Monaten des Stillstands und anhaltender Unsicherheit zeichnet sich in der deutschen Wirtschaft ein überraschender Stimmungsumschwung ab. Gleich mehrere führende Wirtschaftsforschungsinstitute haben in den vergangenen Tagen ihre Wachstumserwartungen für die Bundesrepublik spürbar nach oben korrigiert. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln verdreifachte seine bisherige Prognose, während das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) ihre Schätzungen mehr als verdoppelten. Selbst die Deutsche Bundesbank blickt optimistischer auf die kommenden Monate und bescheinigt der Wirtschaft ein deutliches positives Momentum zum Jahresende.
Woher rührt dieser plötzliche Optimismus in einer Wirtschaft, die lange Zeit als Sorgenkind Europas galt? Deutschland ist ein Markt, der aktuell besser wächst als die meisten denken, erklärte Sharon Bell, Marktstrategin von Goldman Sachs, gegenüber Bloomberg. Die Basis dafür bildet ein unerwartet robustes erstes Halbjahr, gepaart mit einem massiven staatlichen Impuls, der die Konjunktur schrittweise anschiebt. Selbst das zweite Quartal, in dem die Auswirkungen des Iran-Kriegs und der Ölpreisexplosion voll zum Tragen kamen, lief ausgezeichnet.
Hinter diesem Wiedererstarken steckt ein kalkuliertes ökonomisches Prinzip: Wenn private Haushalte ihr Geld zusammenhalten und Unternehmen bei Investitionen zögern, springt der Staat als Großauftraggeber ein. Durch gezielte Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur, die Energiewende und die Aufrüstung erzeugt die öffentliche Hand eine direkte Nachfrage. Das Kalkül der Bundesregierung setzt dabei auf einen Dominoeffekt. Durch die Erneuerung von Schienennetzen, Straßen und Stromtrassen sinken langfristig die Betriebskosten der heimischen Wirtschaft, was den Standort Deutschland auch für privates Kapital wieder attraktiv macht. Gleichzeitig sichern die vollen Auftragsbücher der staatlich finanzierten Projekte Arbeitsplätze und Einkommen. In der Folge, so die Hoffnung, fasst auch der private Konsument wieder Vertrauen und beginnt, sein Erspartes auszugeben.
In der Praxis ist diese Dynamik allerdings ungleich verteilt. Besonders deutlich zeigt sich der staatlich getriebene Aufschwung derzeit im Bausektor, wo der Tiefbau dank großvolumiger Infrastrukturprojekte boomt, während der private Wohnungsbau unter den hohen Zinsen leidet. Ein weiterer zentraler Stabilitätsfaktor ist die Rüstungsindustrie. Wie Daten des Bundesfinanzministeriums belegen, fließen die zugesagten Mittel für die Bundeswehr verlässlich, was den beteiligten Industriezweigen eine außergewöhnliche Planungssicherheit verschafft. Gleichzeitig zeigt sich der deutsche Aktienmarkt überraschend widerstandsfähig gegenüber heimischen politischen Turbulenzen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die im DAX vertretenen Konzerne größtenteils global agieren und der Technologiesektor im europäischen Vergleich mittlerweile ein Vielfaches der Marktkapitalisierung der traditionellen Schlüsselindustrien ausmacht.
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Doch trotz der ermutigenden Frühindikatoren warnen Ökonomen vor voreiliger Euphorie, denn das Fundament des Aufschwungs bleibt fragil. Allen voran die Automobilindustrie, das traditionelle Herzstück der deutschen Wirtschaft, befindet sich in einer tiefen Strukturkrise. Hiobsbotschaften wie die jüngste Gewinnwarnung von Volkswagen verdeutlichen den enormen Druck durch die starke Konkurrenz aus China und die schleppende Transformation zur Elektromobilität. Bundesweite Proteste von Beschäftigten unterstreichen die Furcht vor Schließungen und Stellenabbau.
Der Staatsmotor kann die Wirtschaft zwar anwerfen, doch dauerhaft auf Touren halten kann er sie nicht. Sollte es nicht gelingen, hohe Energiepreise, bürokratische Hürden und den Fachkräftemangel abzubauen, droht der Staatseffekt zu verpuffen, sobald die Sondervermögen aufgebraucht sind.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

