Fünf bis sechs Zinserhöhungen
Nur eine deutliche Zinserhöhung könnte den US-Bondmarkt retten, sagen Experten
Strategen halten einen Fed-Zins von mehr als fünf Prozent für möglich. Ausgerechnet aggressive Zinserhöhungen könnten einen Bond-Crash verhindern.
- Fed-Zins könnte laut Strategen über fünf Prozent steigen
- Aggressive Zinserhöhungen könnten Bond-Crash verhindern
- Lange Anleiherenditen könnten dadurch stabil bleiben
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Die US-Notenbank könnte die Zinsen wesentlich stärker erhöhen als bislang erwartet. Strategen der Bank of America halten sogar einen Fed-Leitzins von mehr als fünf Prozent für möglich. Auch wenn eine solche Erhöhung US-Präsident Donald Trump wahrscheinlich die Zornesröte ins Gesicht treiben würde, hätte sie unter Umständen sehr positive Konsequenzen. Denn gerade ein besonders aggressiver Kurs der Fed könnte verhindern, dass die langfristigen Renditen weiter außer Kontrolle geraten und es zu einem gefährlichen Ausverkauf am Bondmarkt kommt.
Die Fed hat ihren Zielkorridor im September bereits um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben. Die Volkswirte der Bank of America um Aditya Bhave rechnen mit zwei weiteren Erhöhungen im Oktober und Dezember. Damit würde der Leitzins zunächst auf 4,25 bis 4,50 Prozent steigen. Die Zinsstrategen der Bank gehen jedoch weiter: Anleger sollten sich darauf vorbereiten, dass der Straffungszyklus erst oberhalb von fünf Prozent endet.
Eines ihrer Argumente liefert die sogenannte "Taylor Rule". Diese geldpolitische Faustformel versucht aus Inflation und Wirtschaftslage abzuleiten, welcher Leitzins angemessen wäre. Ihren Berechnung zufolge liegt dieser derzeit bei rund 5,3 Prozent. Das wäre beinahe eine Rückkehr zu den Niveaus des Zinsschocks von 2022 und 2023, als die Fed ihren Zielkorridor bis auf 5,25 bis 5,50 Prozent anhob. Vom aktuellen Niveau müssten dafür mindestens fünf kleine Zinsschritte (um 25 Basispunkte) erfolgen.
Das hätte auch umfangreiche Auswirkungen auf den Anleihemarkt, aber nicht so dramatisch, wie manche vielleicht erwarten. Für zweijährige US-Treasuries prognostizieren die Experten bis Jahresende etwa fünf Prozent und empfehlen sogar eine Positionierung auf einen Anstieg bis 5,25 Prozent. Bei zehnjährigen Staatsanleihen dagegen wird nur ein minimaler weiterer Anstieg auf ungefähr fünf Prozent erwartet.

wallstreetONLINE RedaktionVerluste bei allen Anlagen
Ab dieser Schwelle droht ein Crash aller Märkte
Das klingt zunächst widersprüchlich. Warum sollte ein Fed-Zins von möglicherweise 5,3 Prozent die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen nicht ebenfalls deutlich über fünf Prozent treiben? Der Grund liegt darin, dass kurze und lange Renditen auf unterschiedliche Dinge reagieren. Zweijährige Anleihen hängen stark davon ab, welchen Leitzins Investoren in den kommenden Quartalen erwarten. Zehnjährige Treasuries spiegeln dagegen die Erwartungen für Inflation, Wachstum und Geldpolitik über viele Jahre wider.
Eine aggressive Fed könnte deshalb am langen Ende sogar für Entspannung sorgen. Wenn Anleger überzeugt sind, dass die Notenbank bereit ist, die Wirtschaft so stark wie nötig zu bremsen, um die Inflation zurückzudrängen, sinkt die Gefahr dauerhaft hoher Preissteigerungen. Damit müssen Investoren für zehnjährige Anleihen möglicherweise keinen immer größeren Inflationsaufschlag verlangen.
Das Gegenstück wäre wesentlich gefährlicher. Bleibt die Fed vorsichtig, obwohl Inflation hoch und Wirtschaft robust sind, könnten Anleger daran zweifeln, dass die Notenbank den Preisdruck tatsächlich unter Kontrolle bekommt. Dann könnten die langfristigen Inflationserwartungen steigen und mit ihnen würden Investoren für zehn- oder dreißigjährige US-Staatsanleihen immer höhere Renditen verlangen. Unabhängig davon, wo der aktuelle Leitzins liegt.
Damit rückt erneut eine Marke in den Mittelpunkt, über die wir bereits vor wenigen Tagen berichtet haben: Oberhalb einer Rendite von 5,25 Prozent bei zehnjährigen US-Treasuries verändert sich historisch das Zusammenspiel von Aktien und Staatsanleihen deutlich.
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Noch liegt die Zehnjahresrendite in der Nähe von fünf Prozent. Zu Wochenbeginn fiel sie nach sinkenden Ölpreisen sogar wieder unter diese Marke. Gleichzeitig bleibt der Druck hoch: Inflation, enorme Staatsdefizite und ein wachsendes Angebot an US-Schuldtiteln sorgen dafür, dass Investoren für langfristige Kredite an Washington hohe Renditen verlangen. Das könnte weitreichende Konsequenzen haben: Immer weiter fallende Anleihekurse, höhere Finanzierungskosten für Unternehmen und Haushalte sowie zusätzlicher Bewertungsdruck auf Aktien.
Als der heutige Fed-Chef Kevin Warsh von 2006 bis 2011 bereits Gouverneur der Zentralbank war, galt er als Falke, also Befürworter einer restriktiven Geldpolitik. Es wird interessant mit anzusehen, ob er in den nächsten Monaten zu seinen Wurzeln zurückkehrt oder ob er dem Druck aus Washington nicht standhält.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

