Europas Überraschungsmarkt
Polens Börse lässt den DAX jetzt richtig alt aussehen
Der WIG20 rast dem DAX davon. Doch 26 Prozent Kursplus erzählen nur einen Teil der Polen-Story: Milliarden aus Brüssel und neue Großinvestoren könnten den nächsten Schub auslösen – ein Risiko bleibt.
Der polnische Aktienmarkt liefert 2026 eine Traumrallye. So hat der Leitindex WIG20 seit Jahresbeginn rund 26 Prozent gewonnen. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum kommt der DAX lediglich auf etwa drei Prozent und der französische Leitindex tritt nahezu auf der Stelle.
Peter Bosek, Vorstandsvorsitzende der österreichischen Großbank Erste Group, erklärte dazu gegenüber dem Handelsblatt: "Polen ist das neue Deutschland." Damit ist nicht die Größe der Volkswirtschaft gemeint, sondern das Tempo: Für Polen werden 2026 ein Wachstum von 3,3 bis 3,8 Prozent erwartet. Deutschland dürfte bestenfalls 1,4 Prozent erreichen.
Der wichtigste Treibstoff kommt aus Brüssel. Die EU-Fördermittel für Polen belaufen sich im Jahr 2026 auf mehr als 40 Milliarden Euro und treiben Investitionen in die Infrastruktur, die Digitalisierung und den Bau an. Gleichzeitig rückt Warschau bei internationalen Investoren stärker ins Blickfeld. Die von S&P Dow Jones beschlossene Hochstufung vom Schwellenland zum entwickelten Aktienmarkt wird im September 2027 wirksam – ein Signal, das Fonds bereits jetzt registrieren.
Hinzu kommt ein Bewertungsabschlag: Der WIG20 wird im Schnitt nur mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa zwölf gehandelt, der MSCI Europe mit mehr als 17.
UniCredit-Manager Mateusz Kacprzak beobachtet bereits, dass ausländische Fonds mehr Kapital nach Polen lenken und einige große Adressen erstmals einsteigen.
Doch billig bedeutet nicht risikolos. Banken und Finanzwerte machen mehr als 40 Prozent des WIG20 aus. Hinzu kommen Rohstoff- und Energiekonzerne wie Orlen, staatliche Kontrolle sowie mögliche politische Eingriffe und Sondersteuern. Auch die Indexanbieter sind sich uneins: Während FTSE Russell Polen seit 2018 als entwickelten Markt führt, stuft MSCI das Land weiterhin als Schwellenland ein.
Genau darin liegt die Spannung: Die polnische Börse ist kräftig gelaufen, bleibt aber vergleichsweise günstig. Wenn das Wachstum anhält und weiteres Auslandskapital fließt, könnte aus der Überraschungsrallye mehr werden – Anleger müssen jedoch auch die politischen Risiken mitbezahlen.
Autor: Ferdinand Hammer, wallstreetONLINE Redaktion
