Investoren steigen ein
Polens Aktienmarkt hat sich vervielfacht – hat die Rallye Zukunft?
Der WIG20 hat sich in weniger als vier Jahren verdreifacht. Immer mehr internationale Anleger entdecken Polen neu. Welche Aktien von der Rallye erfasst werden und welche Risiken bleiben.
- WIG20 verdreifacht und Anleger kehren zurück
- Banken Energie und Konsum führen die Rallye an
- Risiken bleiben trotz Wachstum und niedriger Bewertung
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Polens Börse erlebt eine der stärksten Aufholbewegungen der vergangenen Jahre. Der Leitindex WIG20 hat sich innerhalb von weniger als vier Jahren verdreifacht und damit eine jahrzehntelange Durststrecke beendet. Lange Zeit galt der Warschauer Aktienmarkt als ein vernachlässigter Randmarkt Europas, heute fließt wieder internationales Kapital nach Polen – angelockt von Wirtschaftswachstum, steigenden Unternehmensgewinnen und der strategischen Bedeutung des Landes.
Allein in diesem Jahr legte der WIG20 knapp 29 Prozent zu und entwickelte sich besser als viele große internationale Aktienmärkte. Innerhalb von 12 Monaten ging es um 50 Prozent aufwärts. Seit dem Tiefpunkt der vergangenen Jahre hat sich die Wahrnehmung Polens grundlegend verändert. Aus einem innen- und geopolitischen Sorgenkind wurde eine europäische Wachstumsstory.
Die Gewinner der polnischen Börsenrallye kommen vor allem aus drei Bereichen: Banken, Energie und Konsum. Eine zentrale Rolle spielen die großen Finanzhäuser des Landes. Banken wie PKO Bank Polski und Bank Pekao profitierten von den hohen Zinsen, die ihre Zinsüberschüsse kräftig steigen ließen. Gleichzeitig verbesserte sich die wirtschaftliche Lage, während alte Belastungen aus Fremdwährungskrediten zunehmend an Bedeutung verloren.
Auch Energieunternehmen gehören zu den großen Profiteuren. Orlen, Polens größter Energie- und Raffineriekonzern, rückte durch seine strategische Bedeutung und die hohen Energiepreise in den Fokus der Anleger. Ebenfalls stark entwickelte sich PGE, einer der wichtigsten Stromproduzenten des Landes. Im Konsumbereich sorgten Unternehmen wie der Lebensmittelhändler Dino Polska und die E-Commerce-Plattform Allegro für Kursfantasie. Steigende Löhne und ein robuster Binnenkonsum stützen die Gewinne vieler Unternehmen. Analysten erwarten, dass die aggregierten Gewinne der WIG20-Unternehmen in diesem Jahr auf rund 87 Milliarden Zloty steigen werden, ein Plus von etwa 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

wallstreetONLINE RedaktionEin Drittel billiger
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Der Börsenboom basiert nicht nur auf steigenden Aktienkursen, sondern auf einer grundlegenden Neubewertung der polnischen Wirtschaft. Polen gehört mittlerweile zu den größten Volkswirtschaften Osteuropas. Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei rund einer Billion US-Dollar. Das Land profitiert von mehreren langfristigen Trends: Zum einen verlagern internationale Unternehmen Teile ihrer Produktion näher an Europa ("Nearshoring"). Polen bietet niedrigere Kosten als viele westeuropäische Standorte, verfügt aber über eine gut ausgebaute industrielle Basis und ist Teil des EU-Binnenmarktes.
Zum anderen wächst die heimische Wirtschaft durch steigende Einkommen und zunehmenden Konsum. Prognosen zufolge könnte Polen auch in den kommenden Jahren wieder Wachstumsraten von rund drei Prozent oder mehr erreichen. Diese Kombination macht das Land für internationale Anleger attraktiv. Während viele europäische Volkswirtschaften mit schwachem Wachstum kämpfen, wird Polen zunehmend als Gewinner von Nearshoring, Digitalisierung und Infrastrukturinvestitionen gesehen.
Ein besonderer Faktor ist die geopolitische Rolle Polens. Der Krieg in der Ukraine hat die Bedeutung des Landes innerhalb der NATO massiv erhöht. Polen baut seine Streitkräfte stark aus und investiert Milliarden in moderne Ausrüstung. Die Verteidigungsausgaben gehören inzwischen zu den höchsten in Europa gemessen an der Wirtschaftsleistung. Davon profitieren nicht nur ausländische Rüstungskonzerne, sondern zunehmend auch polnische Unternehmen.
Der steigende Verteidigungsbedarf löst Investitionen in Industrie, Logistik und Infrastruktur aus. Gleichzeitig entstehen neue Chancen für Unternehmen aus Bereichen wie Elektronik, Drohnentechnik und Sicherheitslösungen. Auch der mögliche Wiederaufbau der Ukraine spielt eine Rolle. Polen könnte aufgrund seiner geografischen Lage eine zentrale Drehscheibe für Lieferketten und Infrastrukturprojekte werden.
Ein entscheidender Unterschied zu früher ist die Rückkehr internationaler Anleger. Lange Zeit wurde Polen mit einem Bewertungsabschlag gehandelt. Politische Unsicherheiten und die Nähe zum Ukraine-Krieg hielten viele Investoren fern. Jetzt dreht sich das Bild. Im ersten Halbjahr entfielen rekordhohe 73 Prozent der Aktienumsätze auf ausländische Investoren, zeigen Daten der Warschauer Börse.
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Zusätzlich fließen Gelder aus heimischen Fonds zurück in den Markt. Polnische Aktienfonds verzeichneten laut UniCredit in diesem Jahr bereits Nettozuflüsse von rund 1,5 Milliarden Zloty. Dividendenzahlungen großer Unternehmen sorgen für zusätzliche Liquidität. Ein weiterer Faktor: Polen könnte künftig stärker als entwickelter Aktienmarkt wahrgenommen werden. Eine mögliche Hochstufung durch S&P Dow Jones Indices könnte dazu führen, dass internationale Fonds ihre Gewichtung erhöhen müssen.
Viele Anleger fragen sich inzwischen, ob nach einer Verdreifachung nicht bereits zu viel eingepreist ist. Auf den ersten Blick sind polnische Aktien deutlich teurer geworden. Das durchschnittliche Kurs-Buchwert-Verhältnis des Marktes liegt inzwischen bei etwa zwei. Damit ist Polen so hoch bewertet wie seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr. Trotzdem bleibt der Markt im internationalen Vergleich relativ günstig. Der WIG20 wird etwa mit dem 11-Fachen der erwarteten Gewinne bewertet laut Bloomberg-Daten. Zum Vergleich: Der S&P 500 liegt bei rund dem 21-Fachen, der europäische Stoxx 600 bei etwa dem 15-Fachen.
Die Befürworter der Rallye argumentieren deshalb, dass die höheren Bewertungen durch steigende Gewinne gerechtfertigt werden könnten. Entscheidend wird sein, ob die Unternehmen ihre Gewinnerwartungen tatsächlich erfüllen.
Die große Polen-Story ist damit noch nicht beendet, aber aus einer günstigen Aufholwette ist inzwischen eine ernstzunehmende europäische Investmentgeschichte geworden. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Wachstum, steigende Unternehmensgewinne und internationale Kapitalzuflüsse stark genug sind, um die nächste Phase der Rallye zu tragen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

