Bewertungs-Paradies
Weltweite Anleger flüchten in diesen ungeliebten Aktienmarkt
Während KI-Sorgen, geopolitische Risiken und hohe Zinsen die Börsen belasten, entdecken globale Investoren Großbritannien neu. Der FTSE 100 punktet mit günstiger Bewertung und Dividenden.
- FTSE 100 ist günstig bewertet und dividendenstark
- Banken und Rohstoffkonzerne treiben den Index
- Globale Umsätze machen Großbritannien attraktiv
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Die Börsen weltweit stehen in diesem Jahr zwischen Hoffnung und Unsicherheit. Künstliche Intelligenz, geopolitische Konflikte, hohe Staatsverschuldung und schwankende Rohstoffpreise sorgen immer wieder für heftige Bewegungen. Während viele Anleger deshalb nach Stabilität suchen, rückt ein Markt in den Fokus, der in letzter Zeit mehr oder weniger in Vergessenheit geraten war: Großbritannien.
Der britische Leitindex FTSE 100 hat sich 2026 bislang besser gehalten als viele europäische Märkte. Seit Jahresbeginn legte der Index um 7,3 Prozent zu. Zum Vergleich: Der deutsche DAX gewann im gleichen Zeitraum 3,6 Prozent, der paneuropäische Stoxx 600 etwa 7,0 Prozent und der US-Leitindex S&P 500 rund 12,4 Prozent.
Der FTSE 100 konnte damit zwar nicht mit der starken Entwicklung der US-Börse mithalten, bietet Anlegern aber einen anderen Vorteil: eine deutlich niedrigere Bewertung. Während der DAX aktuell mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis (Forward-KGV) von etwa 15,1 bewertet wird und der S&P 500 bei rund 19,1 liegt, kommt der britische Leitindex nur auf etwa 12,6. Für internationale Investoren ist diese Bewertungsdifferenz inzwischen ein Argument. Großbritannien gilt als ein Markt, der über Jahre vernachlässigt wurde und gute Chancen bieten könnte.
Strategen von Barclays bezeichneten britische Aktien zuletzt als einen "unbeliebten, aber nicht schlechten Ort zum Verstecken". Die Experten verweisen vor allem auf die niedrigen Bewertungen. "Großbritannien ist günstig", lautet die Einschätzung der Bank.

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Zwar kämpft die britische Wirtschaft weiterhin mit Problemen. Die Inflation belastet viele Haushalte, die Finanzierungskosten des Staates gehören zu den höchsten unter den G7-Ländern und die Regierung steht vor der schwierigen Aufgabe, höhere Verteidigungsausgaben mit einer angespannten Haushaltslage zu verbinden. Doch gerade in einem Umfeld hoher Unsicherheit können die strukturellen Eigenschaften des FTSE 100 interessant sein. Der Index ist deutlich weniger abhängig von hoch bewerteten Technologiewerten als die US-Börse. Stattdessen dominieren profitable Unternehmen aus den Bereichen Banken, Energie, Bergbau, Versicherungen, Gesundheit und Basiskonsum.
Viele dieser Konzerne erzielen zudem einen großen Teil ihrer Umsätze außerhalb Großbritanniens. Anleger kaufen mit dem FTSE 100 daher nicht unbedingt eine Wette auf die britische Wirtschaft, sondern auf global aktive Unternehmen. Ein wichtiger Treiber der jüngsten Entwicklung waren Finanzwerte. Britische Banken profitieren weiterhin von höheren Zinsen und einer verbesserten Ertragslage. Auch internationale Anleger haben den Sektor wiederentdeckt. Helen Jewell, internationale Investmentchefin für fundamentale Aktien bei BlackRock, bezeichnete Großbritannien kürzlich gegenüber CNBC als einen "interessanten Diversifikator". Besonders attraktiv seien die breite Branchenstruktur und die hohe Zahl an Dividendenzahlern.
Neben Banken spielen Rohstoffkonzerne eine wichtige Rolle. Der FTSE 100 enthält einige der weltweit größten Bergbauunternehmen. Steigende Preise für Kupfer und andere Industriemetalle haben mehreren Titeln Rückenwind gegeben. Glencore legte innerhalb eines Jahres 67 Prozent zu, Anglo American und BHP jeweils mehr als 50 Prozent und Endeavour Mining und Antofagasta jeweils über 40 Prozent. Anleger setzen dabei auf die langfristig steigende Nachfrage nach Rohstoffen für Energiewende, Infrastruktur und Rechenzentren.
Ein weiterer Faktor ist die zunehmende Übernahmeaktivität. Barclays sieht darin ein Signal, dass internationale Unternehmen britische Vermögenswerte weiterhin als günstig bewerten. Besonders interessant sind laut den Strategen neben großen FTSE-100-Konzernen auch kleinere britische Unternehmen. Aktien aus dem FTSE 250 werden nach Einschätzung der Bank auf Basis des Kurs-Buchwert-Verhältnisses weiterhin mit einem deutlichen Abschlag gegenüber früheren Bewertungen gehandelt.
Auch UBS sieht Chancen. Die Bank hob ihre Prognose für das Gewinnwachstum britischer Unternehmen an. Statt zuvor erwarteter 11 Prozent Gewinnwachstum für 2026 rechnen die Analysten inzwischen mit 16 Prozent. Für 2027 wird weiterhin ein solides Gewinnplus erwartet.
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Trotz der attraktiven Bewertung gibt es Gründe, warum britische Aktien lange hinter anderen Märkten zurückblieben. Die heimische Wirtschaft wächst schwach, politische Entscheidungen können die Unternehmen belasten und der FTSE 100 enthält viele klassische Branchen, die stark von Konjunktur und Rohstoffpreisen abhängig sind. Auch eine niedrige Bewertung allein garantiert keine Kursgewinne. Unternehmen müssen ihre Gewinne steigern, damit Anleger bereit sind, höhere Preise zu zahlen.
Dennoch verändert sich die Wahrnehmung des britischen Aktienmarktes. Während Anleger jahrelang vor allem auf die USA und Technologieaktien blickten, suchen viele inzwischen nach Märkten mit niedrigeren Bewertungen, stabilen Dividenden und weniger Abhängigkeit von einzelnen Megatrends. Der FTSE 100 erfüllt genau diese Kriterien. Für internationale Investoren könnte der ungeliebte britische Markt damit zunehmend zu einem Schutzschild gegen die nächste Phase höherer Volatilität werden.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

