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    Die Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven

    Die Union hat die „Gerechtigkeit“ neu für sich entdeckt.

     Die neue Klassengesellschaft

    Seit den Wahlen am vergangenen Sonntag hört man aus dem Munde führender Unionspolitiker – beispielsweise von Friedrich Merz und Markus Söder, die Union müsse sich verstärkt für „Gerechtigkeit“ einsetzen. SPD und Linke sprechen sowieso seit Jahren über nichts anderes und versuchen, sich als Verfechter „sozialer Gerechtigkeit“ gegenseitig zu überbieten. Die Forderung nach Gerechtigkeit hat einen großen Vorteil. Niemand widerspricht. Wer ist nicht für Gerechtigkeit? Und wer würde fordern, es solle alles ungerechter werden?

     

    Die große Ungerechtigkeit

    Allerdings bleibt meist völlig unklar, was Gerechtigkeit sein soll. Ich fange mal an mit dem, was ich ungerecht finde: Heute Morgen stehen Millionen Menschen auf, um Werte zu schaffen. Der Bäcker steht um vier Uhr in der Backstube und backt Brot. Der Unternehmer überlegt, wie er ein besseres Produkt entwickeln, Kunden gewinnen und Arbeitsplätze schaffen kann. Der Installateur fährt zu einem Kunden und repariert dessen kaputte Heizung. Und andere stehen auf und überlegen, wie sie den Produktiven das Leben schwerer machen können. Politiker von SPD und Linken denken darüber nach, mit welcher neuen Steuer man gegen Reiche Stimmung machen kann. Die Gleichstellungsbeauftragte durchforstet Stellenanzeigen auf der Suche nach einem Wort, das gegen irgendeine Vorschrift verstoßen könnte. Der „N“GO-Aktivist entwickelt die nächste Kampagne für neue Verbote, Auflagen und Vorschriften für Unternehmer, Vermieter oder Autofahrer. Die einen produzieren, reparieren, erfinden und investieren. Die anderen besteuern, regulieren, kontrollieren und verbieten.

     

    Die Produktiven und die Unproduktiven

    Der Soziologe Helmut Schelsky unterschied in seinem Buch „Die Arbeit tun die anderen.“ schon vor 50 Jahren zwischen produktiver Arbeit und unproduktiver Arbeit. Als produktiv definierte er die Herstellung materieller Güter der Lebenserhaltung und Lebensverbesserung, einschließlich materiell lebenserleichternder Dienstleistungen und Lebenssicherungen. „Das Kennzeichen dieser strukturell ‚zweigeteilten Gesellschaft’“, so der Soziologe, „besteht darin, dass die eine Bevölkerungsgruppe diese produktive Arbeit leistet und davon leben muss, während die andere Sozialgruppe diese produktive Arbeit ausbeutet, um ihre Lebensinteressen auf Kosten der anderen befriedigen und zum Zuge bringen zu können.“

     

    Immer mehr Unproduktive leben auf Kosten der Produktiven

    Die eine Gruppe, die produktiv ist, erzeugt Waren und Dienstleistungen, die von anderen freiwillig gekauft werden. Sie muss aber einen zunehmenden Teil dessen, was sie erwirtschaftet, an die Unproduktiven abgeben, die selbst keine Werte schaffen. Diese Gruppe lebt von Zwangsabgaben, vor allem von Steuern. Universitäten poduzieren eine zunehmende Menge an Menschen, die nichts können, was am Markt nachgefragt würde, d.h. wofür Konsumenten bereit wären, freiwillig zu bezahlen. In dem Maß, wie die Zahl der Unproduktiven größer wird, müssen Steuern und Schulden steigen, da dies die einzige Quelle ist, die die Unproduktiven speist. Deshalb fordern sie auch ständig höhere Steuern und mehr Schulden.

    Das Problem ist, dass seit Jahren die Zahl der Produktiven in Deutschland sinkt und die Zahl der Unproduktiven steigt. Die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst stieg allein zwischen 2014 und 2024 von 4,65 auf 5,38 Millionen – ein Plus von fast 16 Prozent. 2025 waren es bereits rund 5,5 Millionen; damit arbeitet inzwischen etwa jeder achte Erwerbstätige unmittelbar im Staatsdienst. Rechnet man die Beschäftigten von Einrichtungen und Unternehmen in privater Rechtsform hinzu, die überwiegend in öffentlicher Hand sind, waren es 2024 sogar rund 6,94 Millionen Menschen.

    Gleichzeitig schrumpft ein wichtiger Teil der marktwirtschaftlichen Basis. Die Zahl der Selbstständigen sank von 4,41 Millionen im Jahr 2015 auf nur noch 3,67 Millionen 2025 – ein Rückgang um etwa 17 Prozent. Auch in der Industrie zeigt die Entwicklung nach unten: Im Verarbeitenden Gewerbe sank die Zahl der Erwerbstätigen allein von 7,77 Millionen im Jahr 2019 auf 7,25 Millionen 2025, also um mehr als eine halbe Million. 2024 gingen im Produzierenden Gewerbe ohne Bau weitere 50.000 Arbeitsplätze verloren, während der Bereich „Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ im selben Jahr um 184.000 Beschäftigte wuchs.

    Besonders deutlich wird die langfristige Verschiebung beim Staat: 2010 arbeiteten 4,59 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst, 2024 waren es 5,38 Millionen – fast 800.000 mehr. Allein von 2023 auf 2024 kamen rund 110.000 hinzu. Der Staat und staatsnahe Bereiche absorbieren also einen wachsenden Teil der verfügbaren Arbeitskräfte, während Selbstständigkeit und industrielle Beschäftigung zurückgehen.

     

    Ist Ungleichheit ungerecht?

    Das Problem ist, dass diese Ausbeutung der Produktiven durch eine zunehmend größere Zahl von Unproduktiven durch keine Partei als zentrales Problem adressiert wird. Stattdessen wird im allgemeinen Sprachgebrauch „Gerechtigkeit“ mit „Gleichheit“ gleichgesetzt.

    Die Sehnsucht nach Gleichheit ist alt. Verfasser früher utopischer Romane waren geradezu besessen von der Idee der Gleichheit. In fast allen utopischen Entwürfen ist das Privateigentum abgeschafft und jede Differenzierung zwischen arm und reich aufgehoben. Kaum jemand, der „soziale Ungerechtigkeit“ beklagt, würde heute einer so radikalen Gleichmacherei das Wort reden. Fast jedermann akzeptiert, dass es Unterschiede im Einkommen geben solle, aber, so fügen viele hinzu: Diese Unterschiede sollten nicht „zu groß“ sein. Was jedoch ist zu groß und was ist in Ordnung? Viele Kritiker sozialer Ungleichheit verweisen darauf, die Unterschiede seien in den vergangenen Jahrzehnten größer geworden – so verdiene heute beispielsweise ein Manager im Verhältnis zu seinen Angestellten viel mehr als früher. War „früher“ also das richtige Maß? Wohl kaum, denn viele der Leute, die heute eine zu große Ungleichheit beklagen, haben das zu den früheren Zeiten, auf die sie jetzt gerne verweisen, auch schon getan. Die guten alten Zeiten sind nur heute gut, früher waren sie aus Sicht der Kritiker genauso „ungerecht“.

     

    Was ist Leistung?

    Unter „Leistung“ verstehen die meisten Menschen sowohl den Zeitaufwand als auch die Intensität der Anstrengung oder der Bemühung einer Person. Ich nenne dies „Angestelltendenken“, denn es entspricht der Lebenserfahrung eines Angestellten oder Arbeiters, dass sein Lohn bzw. Gehalt proportional zur eigenen Anstrengung ist: Wer länger oder härter arbeitet, verdient auch in der Regel mehr. Dies sehen die meisten Menschen als gerecht an.

    Was sie nicht verstehen: Dieser Zusammenhang gilt – wenn überhaupt – nur für Arbeiter und Angestellte oder Beschäftigte in der Landwirtschaft, aber er gilt gewiss nicht für Unternehmer. Beim Unternehmer zählen vor allem die gute Geschäftsidee, seine Kreativität, seine Innovationen. Wenn Sie sich die Liste der reichsten Menschen der Welt anschauen, dann sind diese meistens deshalb reich geworden, weil sie eine besondere unternehmerische Idee hatten und ein Produkt an den Markt brachten, das von vielen Konsumenten als nützlich anerkannt wurde. Nicht der Arbeitsaufwand, sondern der für die Gesellschaft geleistete Nutzen ist entscheidend. Dieser Nutzen hat sehr wenig und oft genug gar nichts zu tun damit, wieviel Zeit und „Schweiß“ ein Unternehmer in seine Geschäftsidee investierte.

     

    Verdienen Manager zu viel?

    Und wie ist es mit angestellten Top-Managern von großen Unternehmen? Deren hohe Gehälter sind bei Kapitalismuskritikern besonders stark in der Kritik, oft sogar noch mehr als das (meist viel größere) Einkommen von Unternehmern. Das liegt vor allem daran, dass Managergehälter oftmals veröffentlicht werden. Managergehälter sind oft deshalb so hoch, weil sie sich im Spiel von Angebot und Nachfrage auf einem sehr engen Markt bilden – vergleichbar dem Markt für Spitzensportler, auf dem sogar oft noch höhere Summen gezahlt werden.

    Dennoch ergab eine Befragung, dass Top-Managern die hohen Gehälter von den meisten Menschen nicht gegönnt werden. Ich wollte wissen, warum viele Menschen so empfinden. In Deutschland sagten bei einer von mir beauftragten Allensbach-Umfrage 63 Prozent, sie fänden es unangemessen, wenn Manager 100-mal so viel wie ein Angestellter (oder vielleicht noch mehr) verdienen, denn schließlich arbeiteten sie nicht so viel mehr und so viel härter als ihre Angestellten. Arbeitnehmer projizieren ihre eigenen Leistungs- und Vergütungsmaßstäbe auf Spitzenmanager und glauben, es müsse eine enge Beziehung zwischen „harter Arbeit“ bzw. der Zahl der Arbeitsstunden einerseits sowie der Vergütung andererseits bestehen, die sie dann bei Managern als nicht gegeben ansehen. Das ist vermutlich der Hauptgrund, warum sie Managergehälter als überhöht empfinden, denn in der Tat wird man keinen Manager finden, der 100-mal so lange oder so hart arbeitet wie ein durchschnittlicher Angestellter. Kaum auf Verständnis stößt dagegen die Tatsache, dass Managergehälter durch Angebot und Nachfrage auf dem Markt für Spitzenkräfte bestimmt werden. Lediglich jeder Fünfte in der Befragung meinte, Unternehmen könnten nur dann die besten Manager bekommen, wenn sie sehr hohe Gehälter (in der Umfrage wurden beispielhaft Gehälter genannt, die 100-mal über dem eines normalen Angestellten liegen) zahlen, weil diese Manager sonst bei anderen Unternehmen anheuerten, die mehr bezahlen, oder sich selbstständig machten.

    Das Unverständnis für diese Zusammenhänge ist also eine Basis für den Unmut über „soziale Ungleichheit“ oder „soziale Ungerechtigkeit“. Übrigens werden beide Begriffe von vielen Menschen synonym gebraucht, wohinter sich die wenig überzeugende Vorstellung verbirgt, nur Gleichheit könne gerecht sein.

     

    Gerechtere Verteilung?

    Schon der Begriff der „Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums“ ist irreführend. Es gibt keinen Reichtum, der durch die Gesellschaft produziert wird, sondern der Reichtum in einer Gesellschaft ist die Summe dessen, was einzelne Individuen produzieren und austauschen. Der amerikanische Ökonom Thomas Sowell schreibt: „Gäbe es wirklich eine bereits vorhandene Gesamtmenge an Einkommen oder Vermögen, die irgendwie produziert wird – sozusagen Manna vom Himmel –, dann würde sich natürlich die moralische Frage stellen, wie groß der Anteil ist, den jedes Mitglied der Gesellschaft davon erhalten sollte. Aber Reichtum wird produziert. Er ist nicht einfach nur irgendwie da.“

    Der Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton argumentiert, dass Fortschritt immer mit Ungleichheit einhergehe. Die Früchte des Fortschritts seien in der Geschichte nur selten gleich verteilt gewesen. „Eine bessere Welt erzeugt notwendigerweise Unterschiede, und der Ausbruch aus frühzeitigem Tod hat Ungleichheit zur Folge“, so Deaton.

     

    Die Hoffnung mancher, mit steigender Gleichheit sinke die Unzufriedenheit über „soziale Ungerechtigkeit“, ist aus meiner Sicht nicht gut begründet. Beispielsweise hat die Gleichheit zwischen den Geschlechtern in den meisten westlichen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten genauso stark zugenommen wie die Unzufriedenheit über verbliebene Ungleichheiten gestiegen ist. Und in Deutschland werden heute mehr als 1,4 Billionen Euro im Jahr für Sozialleistungen ausgegeben. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt stieg von 18,3 Prozent im Jahr 1960 über 24,1 Prozent im Jahr 1990 auf heute 32 Prozent. Und dennoch werden die Klagen deutscher Medien und Politiker über die angeblich immer größere soziale Ungerechtigkeit immer schriller.

    Rainer Zitelmann ist Autor des Buches "Zero Sum Mindset Die Nullsummenfalle".


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    Rainer Zitelmann
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    Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Historiker, Politikwissenschaftler und Soziologe - und zugleich ein erfolgreicher Investor. Er hat zahlreiche Bücher auch zu den Themen Wirtschaft und Finanzen* geschrieben und herausgegeben, viele davon sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. * Werbelink
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    Verfasst von Rainer Zitelmann
    Die Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven Die Union hat die „Gerechtigkeit“ neu für sich entdeckt. Seit den Wahlen am vergangenen Sonntag hört man aus dem Munde führender Unionspolitiker – beispielsweise von Friedrich Merz und Markus Söder, die Union müsse sich verstärkt für „Gerechtigkeit“ einsetzen.

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