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    Judenhass von links: Eine verdrängte Geschichte

    Dass die LINKE ein Antisemitismus-Problem hat, ist keine Erfindung ihrer Gegner, sondern seit Jahren wird dies aus den Reihen der Partei kritisiert. Und in Berlin sind schon führende Mitglieder deshalb ausgetreten.

    Ähnlich war es in Großbritannien während der Zeit von Jeremy Corbyn als Labour-Vorsitzender von 2015 bis 2020. Corbyn geriet immer wieder wegen eigener Äußerungen und Kontakte in die Kritik: Er hatte Vertreter von Hamas und Hisbollah als „friends“ bezeichnet. Der Streit über Antisemitismus prägte Corbyns Amtszeit schließlich so stark, dass prominente Labour-Abgeordnete, darunter die jüdische Abgeordnete Luciana Berger, die Partei verließen. Freilich: Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch, aber oft verbirgt sich hinter „Antizionismus“ in Wahrheit Gegnerschaft gegen Juden.

     

    Neid auf Erfolgreiche

    Juden sind ein Beispiel für Gruppen, die einerseits als herausragend betrachtet werden, aber denen andererseits gerade deshalb negative Eigenschaften unterstellt werden, wobei sich die Stereotype hier mit denen über reiche Menschen überschneiden. Schon Mark Twain erklärte in seinem 1899 veröffentlichten Aufsatz „Concerning the Jews“ den Antisemitismus mit dem Neid auf Erfolgreiche. Juden seien zahlenmäßig eine kleine Gruppe, aber überproportional sichtbar in Bereichen wie Handel, Finanzen, Wissenschaft und Kultur, was Neid und Missgunst auslöse. Juden, so seine These, würden gerade wegen ihres besonderen Erfolgs angefeindet.

    Juden, so die amerikanischen Vorurteilsforscherinnen Collange, Fiske und Sanitioso, „zählen zu einer beneideten, stereotypisierten Gruppe, der man Kompetenz zuschreibt, jedoch keine Wärme.“ Die Wahrnehmung von Fremdgruppen als besonders fähig, so Fiske, kann dazu führen, negative Gefühle und Einstellungen sogar zu bestärken: „Fremdgruppen mit hohem Status können eine neiderfüllte Mischung aus Bewunderung (und eben nicht Missachtung) sowie intensiver Abneigung auslösen, motiviert durch ein Gefühl der Bedrohung (als gefährliche Konkurrenten)…. Antisemiten etwa vertreten oft absurde Verschwörungstheorien über den wirtschaftlichen und sozialen Einfluss von Juden. In diesem Fall führen positive Stereotype über die Kompetenz einer solchen Fremdgruppe (in Kombination mit entsprechend negativen Stereotypen über deren mangelnde Wärme und schlechte Absichten) zu einer besonders gefährlichen Form von Vorurteilen, die allzu oft zu Ausbrüchen extremer Gewalt führt.“

    Der amerikanische Sozialpsychologe Peter Glick bezeichnet Gruppen wie die Juden als „Victims of Success“: „Der vergleichsweise große Erfolg von Juden in Finanzwesen, Medien, Regierung und akademischen Institutionen trägt dazu bei, dass amerikanische Juden als Minderheit weiterhin so verortet werden, dass neidische Stereotypisierungen verstärkt werden.“ Dies habe sich etwa in der Finanzkrise 2008 gezeigt, als antisemitische Verschwörungstheoretiker „jüdische Banker“ wie die Rothschilds und Lehman Brothers als Sündenböcke denunzierten.

     

    „Der reiche Jude“

    Dies hat bekanntlich eine unheilvolle Tradition. Der „reiche Jude“, der „Finanzjude“ usw. sind negative Stereotype, derer sich die Nationalsozialisten bedienten. Propagandafilme wie „Die Rothschilds“ oder „Der ewige Jude“ suggerierten, der finanzielle Erfolg von Juden basiere auf Wucher und Ausbeutung. Einerseits wurden Juden als besonders mächtig, geschickt und erfolgreich dargestellt, andererseits wurden sie moralisch diskreditiert, als unehrlich, verschlagen, materialistisch und raffgierig.

    Antisemitismus galt lange als „rechts“, auch deshalb, weil die Nationalsozialisten, die das größte Menschheitsverbrechen gegen Juden begangen, als „rechts“ gelten. Da ist zwar eine Vereinfachung, war aber der politischen Linken recht, denn damit konnte Judenhass als rechtes Thema abgetan werden, mit dem man selbst nichts zu tun habe.

    Heute reiben sich manche die Augen, wenn sie feststellen, dass die vehementeste Unterstützung islamistisch motivierter Israelhasser von „postkolonialen“, linken Antikapitalisten an europäischen und amerikanischen Universitäten kommt. Was viele nicht wissen: Antikapitalismus – ob links oder rechts – und Judenfeindschaft waren schon immer eng verbunden. Natürlich gibt es Antisemiten, bei denen der Judenhass nicht antikapitalistisch motiviert ist (sondern z.B. religiös) und viele Antikapitalisten sind nicht antisemitisch. Aber ebenso deutlich ist, dass Antisemitismus und Antikapitalismus oft gemeinsam auftraten.

     

    Karl Marx über Juden

    Karl Marx – obwohl selbst Jude – schrieb an einen Freund, wie „widerlich“ ihm „der israelitische Glaube“ sei. Der Grund war, dass Marx den Juden vorwarf, Geld zu ihrem wahren Gott zu machen, wie er in einem Aufsatz „Zur Judenfrage“ schrieb: „Welches ist der weltliche Grund des Judenthums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“

    Diese Äußerungen von Marx sind kein Ausrutscher, sondern es gibt zahlreiche ähnliche Belegstellen. Wenn er jemanden beschimpfen wollte, wie den Gründer der deutschen Sozialdemokratie Ferdinand Lassalle, den er wegen seiner Popularität beneidete, nannte er ihn einen „jüdischen Nigger“ und seinem Freund Friedrich Engels meldete Marx aus dem Urlaub: „Viel Juden und Flöhe hierselbst.“

     

    Wirtschaftlicher Antisemitismus

    Judenfeindschaft gibt es schon sehr lange, aber im 19. und 20. Jahrhundert verlagerten sich die Akzente. Der religiös motivierte Antisemitismus trat in den Hintergrund, dagegen dominierte mehr und mehr das Bild des „reichen Juden“, des „Geldjuden.“ In Beschreibungen des jüdischen Reichtums hieß es schon Mitte des 19. Jahrhunderts: „Sie gehen einher, geschmückt mit goldenen und silbernen Stücken, mit köstlichen Perlen und Edelsteinen; sie speisen auf ihren Hochzeiten aus silbernen Gefäßen und setzen dabei eine große Menge Schüssel und Confecte auf und endlich fahren sie in solchen Carossen nach oben darein Vorreuter und ein großes Comitat.“

    Der Begründer der französischen „Ligue antisémitique“, Edouard Drumont, schrieb 1890: „Der Semit ist betriebsam, geldgierig, ränkevoll, verschlagen und listig; …Der Semit haftet am Grundbesitz und lebt nur für die Gegenwart… Der Semit ist Kaufmann aus innerem Drange, er lebt und webt für den Tausch stets mit dem Verlagen sich oder seines Gleichen in Vortheil zu setzen.“ Drumont war einer der Begründer des modernen Antisemitismus, ebenso wie der Sozialist Eugen Dühring, der für einen „Sozialismus des arischen Volkes“ focht.

     

    Auch Stalin entwickelte sich in den letzten Lebensjahren immer mehr zu einem radikalen Antisemiten (was ihm übrigens Hitlers Bewunderung einbrachte). Kurz vor Stalins Tod im Jahr 1953 begann eine große Kampagne gegen eine „jüdische Ärzteverschwörung“. Stalin behauptete, jüdische Ärzte hätten ihren Auftrag direkt von jüdischen Organisationen in den USA erhalten und verlangte, man solle sie „in Ketten legen, zu Brei stampfen und zu Pulver zermalmen“. Überall in der Sowjetunion wurden Juden drangsaliert, verprügelt, aus öffentlichen Ämtern und Universitäten entfernt.

     

    Die 68er-Bewegung und die RAF

    In der sogenannten 68er Bewegung in Deutschland standen sich der Liberalkonservative und pro-kapitalistische Axel Springer, ein bekennender Freund Israels, und die linken Antikapitalisten mit dem Palästinensertuch gegenüber. Im Jahr 1969 versuchten die linksextremen „Tupamaros Westberlin“ ein Bombenattentat auf Heinz Galinsiki, den damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die Linksterroristen der RAF trainierten in den Camps der palästinensischen Terrorgruppen – die gemeinsamen Feinde waren Israel, die Amerikaner und der Kapitalismus. Horst Mahler, der 1970 zu den Gründern der linksextremen RAF gehörte, stieß Jahre später zur NPD. Er musste nicht viel an seiner Gesinnung ändern, denn Antikapitalismus, Antiamerikanismus und Antisemitismus gehörten für ihn sein Leben lang zu den Konstanten seiner Weltanschauung.

    In dem 1975 von dem linken Rainer Werner Fassbinder verfassten Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ spielt ein raffgieriger jüdischer Immobilienspekulant die Hauptrolle. Es sorgte damals für hitzige Diskussionen in Deutschland.

    Judenhass hat historisch gesehen verschiedene Quellen. Aber die kräftigste dieser Quellen ist heute neben dem Islamismus der Antikapitalismus. Daher wundert es nicht, warum gerade die Partei DIE LINKE, die besonders ausgeprägt antikapitalistisch ist und besonders stark neue Mitglieder mit Migrationshintergrund aus islamischen Ländern anzieht, auch ein Problem mit Antisemiten in ihren Reihen hat.

    Rainer Zitelmann ist Autor des Buches „Zero Sum Mindset. Die Nullsummenfalle.“


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    Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Historiker, Politikwissenschaftler und Soziologe - und zugleich ein erfolgreicher Investor. Er hat zahlreiche Bücher auch zu den Themen Wirtschaft und Finanzen* geschrieben und herausgegeben, viele davon sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. * Werbelink
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    Verfasst von Rainer Zitelmann
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