Sicherheitsnetz reißt
Die nächste Krise kann die Börse mit voller Wucht treffen
Zinssenkungen, Gelddrucken, neue Schulden: Jahrzehntelang retteten Staaten und Notenbanken die Wirtschaft. Dieses Sicherheitsnetz könnte nun reißen.
- Jahrzehntelang stützten Notenbanken die Märkte
- Inflation und Schulden schränken Hilfen stark ein
- Nächste Krise könnte ohne Rettungsnetz verlaufen
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Anleger konnten sich in der Vergangenheit immer darauf verlassen, dass Notenbanken und Regierungen einspringen, sollte die Wirtschaft ins Wanken geraten oder die Börsen einbrechen. Die Zinsen wurden gesenkt, die Liquidität hochgefahren, die Staatsausgaben erhöht. Dieses Sicherheitsnetz hat zwar nicht jede Rezession verhindert, aber Abschwünge abgefedert und zugleich die Finanzmärkte gestützt.
Damit könnte nun Schluss sein. Hartnäckige Inflation begrenzt den Spielraum der Notenbanken, während hohe Schulden und deutlich gestiegene Anleiherenditen den Regierungen die Hände binden. Ohne einen deutlichen Rückgang der Renditen oder ein Nachlassen der Inflation müsse sich die Welt auf höhere makroökonomische Schwankungen einstellen, warnt Henry Allen von Deutsche Bank Research.
Begonnen hat die Ära des Sicherheitsnetzes spätestens mit dem Börsencrash von 1987. Am "Black Monday" verlor der S&P 500 an einem einzigen Tag mehr als 20 Prozent. Die US-Notenbank reagierte mit Zinssenkungen und zusätzlicher Liquidität und war damit erfolgreich. Eine Rezession blieb zunächst aus. Das Muster wiederholte sich während der Asien- und Russlandkrise 1997 und 1998, als die Fed die Zinsen vorsorglich dreimal um jeweils 25 Basispunkte senkte und nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2001, als innerhalb eines Jahres der Leitzins um insgesamt 475 Basispunkte von 6,5 auf 1,75 Prozent radikal gestutzt wurde.
Nach der Finanzkrise 2008 wurden die Eingriffe noch größer. Zinsen nahe null, quantitative Lockerung und massive Staatsdefizite wurden zum neuen Instrumentenkasten. Begünstigt wurde dies durch die niedrige Inflation. Fed und EZB unterschritten ihre Inflationsziele in den 2010er-Jahren im Durchschnitt. Im Sommer 2019 rentierten zehnjährige Bundesanleihen sogar mit minus 0,7 Prozent. Schuldenmachen war für Deutschland praktisch kostenlos.

wallstreetONLINE RedaktionUS-Schulden spitzen sich zu
Milliardenschwere Fed-Maßnahmen laufen ins Leere
2020 wurden schließlich alle Schleusen geöffnet. Das US-Haushaltsdefizit erreichte 14,5 Prozent des BIP, den höchsten Wert seit 1945. Gleichzeitig drückten die Zentralbanken die Zinsen nach unten und kauften in gigantischem Umfang Anleihen. Noch im August 2020 lag die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bei gerade einmal 0,51 Prozent.
Doch dieses Modell funktioniert heute nicht mehr so einfach. Globalisierung und ein wachsendes Arbeitskräfteangebot hatten jahrzehntelang die Preise gedrückt, inzwischen aber drehen sich mehrere dieser Faktoren um. Die Erwerbsbevölkerung schrumpft, die Globalisierung stockt, Unternehmen setzen stärker auf "Nearshoring" (die Verlagerung von Produktion und Lieferketten an näher gelegene Standorte) und robuste statt möglichst billige Lieferketten. Hinzu kommen steigende Verteidigungsausgaben. Das alles treibt die Inflation an, selbst ohne Kriege, Zölle und gesperrte Lieferwege.
Die Konsequenzen zeigten sich 2022, als sich die Fed aufgrund der immensen Preissteigerung gezwungen sah, die Zinsen mehrfach um jeweils 75 Basispunkte zu erhöhen, obwohl der S&P 500 im Bärenmarkt steckte. Selbst nach dem Kollaps der Silicon Valley Bank 2023 setzten Fed und EZB ihre Zinserhöhungen fort. Inflation war wichtiger als die Rettung der Märkte. Gleichzeitig stieg die Nettostaatsverschuldung der Industrieländer laut IWF-Daten von 52 Prozent des BIP im Jahr 2000 auf 80 Prozent 2025. Und die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen schnellte von 1,9 Prozent Anfang 2020 auf mittlerweile 5,2 Prozent hoch. Selbst bei den zehnjährigen Bundesanleihen ging es von minus 0,2 auf 3,6 Prozent nach oben.
Damit wird jeder weitere Versuch, die Konjunktur mit Hilfe von zusätzlichen Schulden anzukurbeln, teurer. Noch mehr Schulden treiben die Renditen tendenziell weiter nach oben und verteuern damit auch Kredite für Unternehmen und Verbraucher. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, was fehlende Stabilisatoren bedeuten können. Nach dem ersten Ölpreisschock 1973 erlebten die USA innerhalb von zehn Jahren drei Rezessionen. In den vergangenen 40 Jahren waren es insgesamt nur vier.
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Umgekehrt gehören die fünf jüngsten abgeschlossenen US-Aufschwünge zu den längsten seit Beginn der Konjunkturdatierung. Dabei spielten die präventiven Eingriffe der Geldpolitik eine wichtige Rolle, argumentiert Stratege Allen. Noch stärker wirkte aber möglicherweise das Vertrauen der Anleger, dass die Politik im Ernstfall immer eingreifen würde.
Dieser Mechanismus funktioniert aktuell aber nicht mehr so einfach. Angesichts der hohen Inflation, hohen Renditen und hohen Staatsschulden, haben Notenbanken und Regierungen erheblich weniger Spielraum als früher. Sollte der nächste Abschwung oder Finanzmarktschock kommen, stünden ihnen viel weniger Mittel zur Verfügung, um dagegen vorzugehen. Nach 40 Jahren mit immer größeren Rettungsmaßnahmen könnte die nächste Krise erstmals wieder ohne das gewohnte Sicherheitsnetz stattfinden. Mit unvorhersehbaren Konsequenzen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

