Was Deutschland jetzt tun muss
China nimmt Europa seinen größten Vorteil – Qualität
China greift Europas Industrie nicht mehr nur mit niedrigen Preisen an, sondern auch bei hochwertigen Produkten. Deutschland ist besonders verwundbar.
- China holt bei Qualität und Technik deutlich auf
- Deutschlands Industrie gerät doppelt unter Druck
- Deutschlands Technologievorsprung muss verteidigt werden
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Deutschlands Industrie droht ein Wettbewerbsvorteil verloren zu gehen, auf dem ihr Erfolg über Jahrzehnte beruhte. China produziert nicht nur günstiger, sondern wird zunehmend auch dort zum Rivalen, wo deutsche und europäische Unternehmen bislang mit Technologie, Präzision und Qualität punkten konnten.
China hat die Produktion technologisch anspruchsvoller Waren in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut, setzt auf industrielle Eigenständigkeit und verbindet seine technologische Aufholjagd weiterhin mit hoher preislicher Wettbewerbsfähigkeit. Für Deutschland ist das eine gefährliche Kombination.
Seit 2019 haben sich die Exportstrukturen Chinas und der einzelnen EU-Staaten immer stärker angeglichen, wie aus einer aktuellen Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) hervorgeht. Besonders ausgeprägt ist die Entwicklung in stark industrialisierten Volkswirtschaften wie Deutschland. Hauptverantwortlich sind ausgerechnet Maschinen und Transportausrüstung, zwei traditionelle deutsche Paradedisziplinen. Anders als beim ersten China-Schock nach dem WTO-Beitritt des Landes Anfang der 2000er-Jahre geht es heute nicht mehr vor allem um günstige Textilien, Elektronik oder Konsumgüter. Die EZB spricht bereits vom "China-Schock 2.0".
China produziert immer mehr Güter selbst, die es früher aus Europa importierte. Besonders stark trifft das Deutschland und die mit der deutschen Autoindustrie verbundenen Volkswirtschaften Mitteleuropas. Damit gerät das deutsche Geschäftsmodell von zwei Seiten unter Druck: China wird auf den Weltmärkten zum Konkurrenten für deutsche Unternehmen und gleichzeitig als Absatzmarkt für deutsche Industrieprodukte weniger wichtig. In den vergangenen sieben Jahren sind die EU-Exporte nach China deutlich zurückgegangen, wobei Deutschland wegen seiner Spezialisierung auf Industrie- und Investitionsgüter besonders stark betroffen ist.

wallstreetONLINE RedaktionPrognosen verdoppelt
Deutschland startet durch mit Milliardeninvestitionen als Wirtschaftsmotor
Deutschland exportierte 2025 Waren für 81,3 Milliarden Euro nach China, 9,7 Prozent weniger als im Jahr davor. Gleichzeitig stiegen die Importe aus China um 8,8 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro. Das deutsche Handelsdefizit gegenüber China schwoll dadurch innerhalb eines Jahres von 66,9 auf 89,3 Milliarden Euro an. China wurde wieder Deutschlands größter Handelspartner, allerdings vor allem, weil Deutschland immer mehr von dort importiert.
Das Problem reicht inzwischen weit über Elektroautos, Batterien und Solarmodule hinaus. Chinesische Unternehmen dringen immer tiefer in Bereiche vor, in denen europäische Hersteller bislang auf besonderes Know-how setzen konnten. Sogar in die Luxusindustrie, wie das Beispiel von Gucci zeigt, die zwei neue Sneaker-Modelle in China produzieren lassen. Die italienische Luxusmarke erklärte, der ausgewählte chinesische Hersteller verfüge über das am besten geeignete technologische Know-how für die gewünschten Leistungs- und Qualitätsstandards der Schuhe, die für etwa 800 Euro verkauft werden.
Allerdings ist die europäische Fertigungsbasis gerade im Luxussegment weiterhin sehr stark. Louis Vuitton besitzt beispielsweise 29 eigene Lederwaren-Ateliers: 18 davon liegen in Frankreich, jeweils vier in Spanien und den USA und drei in Italien. Guccis China-Vorstoß ist eher ein Experiment, das sehr gut nach hinten losgehen könnte. Denn gerade bei Luxusprodukten ist die Herkunft ein wichtiger Teil des Produkts. Wer vierstellige Beträge für Schuhe oder Taschen bezahlt, will dafür auch italienisches oder französisches Handwerk, Geschichte und Exklusivität erhalten. Wird dieses Versprechen verwässert, könnte der Schaden für die Marke deutlich höher sein als eventuelle Kostenvorteile.
Zahlreiche Experten haben sich skeptisch geäußert, ob die Strategie der sowieso schon angeschlagenen Kering-Tochter Gucci funktionieren kann, aber dennoch geht von ihr eine Warnung für europäische und auch deutsche Qualitätsproduzenten aus. Hohe Löhne und Produktionskosten sind international nur tragbar, solange deutsche Unternehmen Produkte herstellen können, die technisch besser, zuverlässiger oder schlicht schwer zu kopieren sind. Wenn chinesische Konkurrenten günstiger produzieren und gleichzeitig bei Qualität, Technologie und Geschwindigkeit aufholen, wird dieser Schutzwall dünner.
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Noch ist Europa keineswegs überall geschlagen. Bei Exporten in Bereichen mit hoher Wertschöpfung ist die Region nach wie vor sehr widerstandsfähig, stellt die EZB ausdrücklich fest, insbesondere auf dem US-Markt. Zudem kann Chinas Aufstieg Europa durch günstigere Vorprodukte, Investitionen und technologischen Austausch auch Vorteile bringen.
Doch die Richtung ist eindeutig: Der Wettbewerb verschiebt sich von den Kosten immer stärker auf die Kompetenz. Für Deutschland ist das womöglich die schwierigere Form des China-Schocks. Denn gegen billigere Konkurrenz lassen sich Zölle verhängen oder Kosten senken. Verliert ein Industriestandort dagegen seinen technologischen Vorsprung, muss er ihn sich erst wieder erarbeiten.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

