Immobilien-Crash voraus
Der wichtigste Zins der Welt könnte schon bald über 6 % steigen
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen nähert sich sechs Prozent. Was nach einer abstrakten Zahl klingt, könnte für Schulden, Immobilien, Unternehmen und Aktien zum Belastungstest werden.
- US-Renditen nahe sechs Prozent belasten den Staat
- Hohe Zinsen belasten Immobilien und Firmen massiv
- Hohe Renditen drücken Aktien, KI treibt Kapitalbedarf
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Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist diese Woche auf knapp 5,3 Prozent gestiegen und damit auf den höchsten Stand seit 2007. Allein im September ging es um mehr als 47 Basispunkte nach oben. Nun rückt eine Marke in Sichtweite, die an den Finanzmärkten lange kaum vorstellbar erschien: sechs Prozent.
Besonders heikel wäre ein weiterer Renditeanstieg für die US-Staatsfinanzen. Washington muss nicht nur bestehende Schulden refinanzieren, sondern Jahr für Jahr enorme neue Defizite finanzieren. Je höher die Renditen, desto teurer wird beides. Dabei trifft der Zinsanstieg den Staat nicht sofort mit voller Wucht. Eine zehnjährige Rendite von sechs Prozent bedeutet nicht, dass die gesamten US-Schulden plötzlich mit sechs Prozent verzinst werden. Alte Anleihen laufen schrittweise aus und werden erst dann durch teurere Papiere ersetzt, wodurch ein langfristiges Risiko entsteht.
Höhere Finanzierungskosten treiben die Zinsausgaben nach oben. Steigende Zinsausgaben vergrößern wiederum das Defizit. Dieses muss durch zusätzliche Anleihen finanziert werden, deren wachsendes Angebot wiederum höhere Renditen erforderlich machen kann. Noch schneller könnten amerikanische Hauskäufer die Folgen hoher Zinsen spüren. Die Rendite zehnjähriger Treasuries ist eine zentrale Referenzgröße für langfristige Finanzierungskosten. Steigt sie weiter, bleiben auch Hypotheken teuer. Schon jetzt belasten hohe Kreditzinsen den Immobilienmarkt.
Millionen US-Hausbesitzer haben sich in den Jahren extrem niedriger Zinsen langfristige Hypotheken zu deutlich günstigeren Konditionen gesichert. Ein Verkauf würde bedeuten, diese Finanzierung aufzugeben und eine neue Hypothek zu wesentlich höheren Zinsen aufzunehmen. Ein Anstieg der Treasury-Rendite Richtung sechs Prozent könnte diesen sogenannten Lock-in-Effekt weiter verschärfen. Weniger Häuser kämen auf den Markt, die Erschwinglichkeit würde sinken und Neubau sowie Transaktionen könnten leiden.

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Polens Aktienmarkt hat sich vervielfacht – hat die Rallye Zukunft?
Bei Treasury-Renditen von sechs Prozent könnte es zu einer ernstzunehmenden Krise am US-Immobilienmarkt kommen, warnt Ben Emons, Gründer von FedWatch Advisors und Investmentstratege bei Highline Wealth Partners. Er hält es sogar für möglich, dass die Marke von 6,25 Prozent Anfang 2027 erreicht wird.
Noch explosiver könnte die Lage bei Unternehmen werden. Zwischen 2027 und 2031 müssen US-Unternehmen außerhalb des Finanzsektors rund 4,3 Billionen US-Dollar Schulden refinanzieren. Allein 2030 werden mehr als eine Billion US-Dollar fällig. Viele dieser Anleihen stammen noch aus der Niedrigzinsära während und unmittelbar nach der Pandemie. Solange Unternehmen ihre Kredite nicht refinanzieren müssen, bleiben die Folgen höherer Marktzinsen begrenzt. Doch bei einer Anschlussfinanzierung kann sich die Rechnung schlagartig verändern.
Besonders gefährdet sind Unternehmen mit schwacher Bonität. Bei High-Yield-Schuldnern steigen die jährlichen Fälligkeiten laut LSEG-Daten von 68,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2027 auf 314,1 Milliarden US-Dollar 2029. Bei besonders schlecht bewerteten Unternehmen könnten sich die Kupons bei einer Refinanzierung unter den aktuellen Bedingungen sogar verdoppeln. Eine Treasury-Rendite von sechs Prozent hieße für solche Firmen schließlich nicht sechs Prozent Finanzierungskosten. Auf den risikofreien Zins kommt noch der Risikoaufschlag des Unternehmens. Für schwache Schuldner könnten daraus schnell zweistellige Zinsen werden.
Auch für die Wall Street würde sich die Rechnung verändern. Wenn Anleger mit US-Staatsanleihen sechs Prozent Rendite erzielen können, müssen Aktien im Vergleich deutlich attraktiver werden. Vor allem hoch bewertete Wachstumsunternehmen geraten dadurch unter Druck. Denn bei ihnen beruht ein großer Teil der heutigen Bewertung auf Gewinnen, die erst in einigen Jahren erwartet werden. Je höher die sicheren Zinsen steigen, desto weniger sind Anleger bereit, heute hohe Preise für diese künftigen Gewinne zu bezahlen. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz für Aktien: Anleger können hohe laufende Renditen mit US-Staatsanleihen erzielen, ohne das operative Risiko eines Unternehmens tragen zu müssen.

wallstreetONLINE RedaktionSicherheitsnetz reißt
Die nächste Krise kann die Börse mit voller Wucht treffen
Bislang zeigt sich davon erstaunlich wenig. Trotz des stärksten Quartalsanstiegs der zehnjährigen Treasury-Rendite seit Jahren liegen die globalen Aktienmärkte weiterhin nahe ihren Rekordständen. Der S&P 500 legte im dritten Quartal sogar zu. Starke Unternehmensgewinne und die Euphorie um künstliche Intelligenz haben den Belastungsfaktor Zinsen bislang überlagert. Dabei schafft der KI-Boom ein weiteres Problem.
Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle dürften nach Schätzungen von Goldman Sachs 2027 zusammen rund 420 Milliarden US-Dollar neue Schulden aufnehmen. Das wären 60 Prozent mehr als 2026. Das Geld wird vor allem für Rechenzentren und andere KI-Infrastruktur benötigt. Damit konkurrieren Unternehmen und Staat gleichzeitig um enorme Mengen Kapital.
Das führt zu einem ungewöhnlichen Paradox: Der KI-Boom hält Investitionen, Unternehmensgewinne und Wirtschaftswachstum hoch und hilft der US-Wirtschaft damit, die hohen Zinsen bislang zu verkraften. Gleichzeitig erzeugt er zusätzliche Kapitalnachfrage und kann damit dazu beitragen, die Renditen hochzuhalten.
Trotzdem sollte die Sechs-Prozent-Schwelle nicht mit einem roten Knopf verwechselt werden, der automatisch eine Finanzkrise auslöst. Die US-Wirtschaft hat bereits Zinsniveaus verkraftet, die noch vor wenigen Jahren als kaum vorstellbar galten. Auch bei fünf Prozent brach die Konjunktur nicht ein. Starkes reales Wachstum und hohe Investitionen können grundsätzlich auch sechs Prozent tragbar machen. Entscheidend ist, wie lange die Renditen so hoch bleiben.
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Sinkt die Inflation wieder, fallen die Ölpreise und schwächt sich die Konjunktur ab, könnte der Druck auf den Anleihemarkt schnell nachlassen. Erste schwächere Konjunkturdaten und zuletzt geringer ausgefallener Preisdruck haben bereits gezeigt, wie sensibel die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen reagieren.
Bleiben Inflation, Defizite und Kapitalbedarf jedoch hoch, könnten die hohen Bondrenditen eine ausgewachsene Krise auslösen. Dann würden gleichzeitig Washington, der Immobilienmarkt, hoch verschuldete Unternehmen und teure Aktien mit Finanzierungskosten konfrontiert, die es in dieser Kombination seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

