Rekorde oben, Verfall darunter
Der Markt fault von innen – bis der erste Ast bricht, warnt Gundlach
Fast vier von zehn S&P-500-Werten liegen mindestens 20 Prozent unter ihrem Hoch. Der "Anleihekönig" warnt, dass Anleger die Schäden erst sehen könnten, wenn es zu spät ist.
- 39 Prozent der S&P-500-Werte deutlich unter ihren Hochs
- Gundlach warnt vor verborgener Marktschwäche
- Kreditrisiken und hohe US-Renditen belasten Märkte
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Der S&P 500 steht nahe Rekordständen – doch unter der Oberfläche sieht Jeffrey Gundlach bereits massive Risse. Nach Berechnungen von MarketWatch liegen 80 Prozent der Indexmitglieder mindestens 10 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch, 39 Prozent sogar mindestens 20 Prozent darunter. Für den als "Anleihekönig" bekannten Gründer von DoubleLine Capital ist das ein Warnsignal: Der Markt gleiche einem äußerlich intakten, innen aber bereits ausgehöhlten Baum.
Gundlach zieht den Vergleich mit einem alten Silberahorn auf seinem Grundstück, der plötzlich einen großen Ast verlor. Erst danach stellte sich heraus, dass der Baum innen vollständig hohl war. "Mir wurde klar, wo wir heute an den Märkten stehen", sagte Gundlach im Gespräch mit David Rosenberg von Rosenberg Research. Die Rekordstände des S&P 500 würden von immer weniger Aktien getragen. "Es gibt also all diesen Verfall im S&P 500, aber er ist nicht auf den ersten Blick erkennbar; man muss warten, bis der Ast abfällt, um zu erkennen, dass der Markt genauso hohl ist wie der Baum", sagte Gundlach.
Seine Sorge endet nicht bei Aktien. Auch auf den privaten Kreditmärkten sieht Gundlach versteckte Risiken. Er verwies auf einen privaten Kreditfonds, dessen Vermögenswerte binnen eines Quartals von 100 auf 77 bis 78 US-Dollar abgewertet wurden – ein Verlust von rund 23 Prozent. Gerade weil solche Fonds Tausende Kredite halten, könnten sich erhebliche Wertverluste lange hinter geglätteten Bewertungen verstecken.
Gleichzeitig steigen die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit 2002. Gundlach sieht darin eine weitere Belastung für Aktien und verweist auf das stark wachsende US-Defizit sowie ein enormes Angebot neuer Anleihen. Zusätzlicher Kapitalbedarf kommt ausgerechnet aus dem KI-Sektor, wo Unternehmen Milliarden für den Ausbau ihrer Infrastruktur benötigen.
Für die USA sieht Gundlach langfristig nur unangenehme Optionen: entweder mehr Geldschöpfung oder eine Umstrukturierung von Staatsschulden mit längeren Laufzeiten oder niedrigeren Kupons. Beides hält er für inflationär. Gleichzeitig zweifelt er daran, dass der US-Dollar in der nächsten Rezession erneut wie gewohnt als sicherer Hafen funktioniert. Nach der Korrektur im April 2025 fiel der US-Dollar trotz sinkender Aktien erstmals – für Gundlach ein Zeichen, dass sich das Marktregime verändert hat.
Autorin: Gina Moesing, wallstreetONLINE Zentralredaktion

