Die Bombe platzt
7,4 % Bondrendite, Rating vor Ramsch: Europas nächste Schuldenkrise beginnt hier
Die schwelende Regierungskrise Rumäniens erreicht die Finanzmärkte. Die Schulden sind enorm, die Renditen die höchsten der EU und jetzt droht auch noch der Verlust des Investment-Grade-Ratings.
- Krise treibt Rumäniens Renditen auf EU-Rekordniveau
- Defizite und Zinslast bedrohen Rumäniens Rating
- Regierungslösung könnte Rumäniens Krise abwenden
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Rumänien zahlt einen hohen Preis für seine seit Monaten andauernde politische Krise. Während sich Präsident Nicușor Dan nach dem erneuten Scheitern einer Regierungsbildung auf die Suche nach dem nächsten Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten macht, schlägt die Unsicherheit auf die Finanzmärkte durch. Zehnjährige rumänische Staatsanleihen in Landeswährung rentieren mit rund 7,4 Prozent, so hoch wie in keinem anderen Land der Europäischen Union.
Der Ausschlag zeigt, wie nervös Investoren geworden sind. Zusätzlich angeheizt werden die Rekordrenditen durch die weltweite Krise bei Staatsanleihen. Die Rendite zehnjähriger US-Treasuries ist am Donnerstag auf 5,3 Prozent gestiegen, den höchsten Stand seit 2002. Auch in Frankreich, Großbritannien und Japan ziehen die Finanzierungskosten kräftig an. Rumänien trifft dieser globale Zinsanstieg jedoch in einem besonders ungünstigen Moment.
Denn das Land steckt seit Monaten in einer politischen Blockade. Am Mittwoch scheiterte mit Siegfried Mureșan bereits der zweite Versuch, eine neue Regierung zu installieren. Präsident Dan will Neuwahlen zunächst vermeiden und erneut mit den Parteien verhandeln. Für die Märkte war das kurzfristig sogar eine gute Nachricht: Die Rendite zehnjähriger Anleihen sank nach seiner Ankündigung um 16 Basispunkte. Investoren fürchten offenbar vorgezogene Wahlen und eine noch längere Phase ohne handlungsfähige Regierung noch stärker als eine weitere Übergangslösung.
Politische Instabilität allein löst noch keine Schuldenkrise aus. Gefährlich wird sie, weil Rumänien finanziell kaum Spielraum besitzt. 2024 erreichte das Haushaltsdefizit 9,3 Prozent der Wirtschaftsleistung. 2025 waren es noch 7,9 Prozent. Für dieses Jahr erwartet die EU-Kommission trotz harter Sparmaßnahmen weiterhin ein Minus von 6,2 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland lag das Defizit 2025 bei 2,7 Prozent des BIP und im ersten Halbjahr dieses Jahres bei 3,1 Prozent.

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Gleichzeitig dürfte die Staatsverschuldung Rumäniens von 59,3 Prozent des BIP 2025 auf 63,4 Prozent im Jahr 2027 steigen und damit auf ein ähnliches Niveau wie in Deutschland. Das wäre leichter zu verkraften, wenn die Wirtschaft kräftig wachsen würde. Doch genau das tut sie nicht. Für 2026 erwartet die EU-Kommission gerade einmal 0,1 Prozent Wachstum für Rumänien, bei einer Inflation um sieben Prozent. Die Kommission warnt ausdrücklich, dass zunehmende politische Instabilität das Vertrauen der Investoren in den Konsolidierungskurs beschädigen könnte.
Besonders heikel sind die gewaltigen Refinanzierungsbedürfnisse. Rumänien muss laut Reuters jährlich Finanzierungen von mehr als zehn Prozent seiner Wirtschaftsleistung stemmen. Je länger die Renditen oberhalb von sieben Prozent bleiben, desto stärker steigen die Zinskosten und desto schwieriger wird es, das Defizit wieder unter Kontrolle zu bringen.
Damit rückt der heutige Tag in den Fokus, andem S&P Global das Ergebnis der Überprüfung von Rumäniens Kreditwürdigkeit bekannt geben will. Die Ratingagentur stuft das Land bereits auf der niedrigsten Stufe des Investment-Grade-Bereichs ein, zudem mit negativem Ausblick. Auch Fitch und Moody's sehen Risiken für die Bonität.
Ein Verlust des Investment Grade hätte gravierende Folgen für das Land und könnte die Bombe platzen lassen. Zahlreiche Fonds und institutionelle Investoren dürfen aufgrund ihrer Anlagevorschriften keine Anleihen unterhalb dieser Schwelle halten. Eine Herabstufung könnte daher zusätzliche Verkäufe auslösen. Für Bukarest droht damit ein gefährlicher Kreislauf: Steigende Renditen verteuern neue Schulden, höhere Zinsausgaben belasten den Haushalt, notwendige Sparmaßnahmen werden politisch schwerer durchsetzbar und dadurch steigt wiederum der Druck auf das Rating.
Von einer neuen Eurokrise wie zwischen 2010 und 2012 ist Europa trotzdem weit entfernt. Rumänien gehört nicht zur Eurozone, und seine Finanzmärkte sind zu klein, um allein eine systemische Krise auszulösen. Unangenehm ist jedoch der Zeitpunkt. Weltweit verkaufen Investoren Staatsanleihen. Gleichzeitig wächst auch innerhalb der Eurozone die Nervosität wegen hoher Defizite und Schulden. Besonders Frankreich steht unter Beobachtung: Der Renditeaufschlag französischer gegenüber deutschen zehnjährigen Staatsanleihen ist auf rund 133 Basispunkte gestiegen, den höchsten Stand seit der Eurokrise 2012.
Wenn jetzt auch noch Rumänien in eine Schuldenkrise stürzt, wird das ein weiterer Belastungstest für einen Markt, der ohnehin empfindlicher auf politische Instabilität und hohe Staatsausgaben reagiert. Noch hat Bukarest Möglichkeiten gegenzusteuern. Gelingt eine stabile Regierungsbildung und bleibt der Sparkurs glaubwürdig, könnten sich die Risikoprämien wieder zurückbilden. Scheitert jedoch auch der nächste Versuch und verliert Rumänien sein Investment-Grade-Rating, dürfte aus der politischen Krise endgültig eine handfeste Finanzierungskrise des Landes werden.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

