Der zweite Inflationsschub
Nach Öl kommt der nächste Preisschock – und er trifft jeden
Nach den Energiepreisen ziehen nun auch die Agrarpreise kräftig an. Krieg, Extremwetter und El Niño treffen auf hohe Öl- und Dieselkosten. Der ist ein Problem, das uns alle treffen wird.
- Agrarpreise steigen durch Krieg, Wetter und Energie
- Schwarzmeer-Routen verteuern Getreideexporte
- El Niño und Energie verteuern Lebensmittel
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Ausgerechnet jetzt baut sich neben dem Energiepreisschock ein zweiter Inflationsherd auf. Die Preise wichtiger Agrarrohstoffe steigen weltweit kräftig. Der Agriculture Spot Index von Bloomberg, der zehn zentrale Agrargüter von Sojabohnen bis Kaffee abbildet, legte allein im dritten Quartal um 13 Prozent zu. Es war der stärkste Quartalsanstieg seit Russlands Angriff auf die Ukraine 2022. Auf Jahressicht beträgt das Plus inzwischen mehr als 20 Prozent.
Besonders deutlich ist die Bewegung bei Getreide. Weizen und Mais verteuerten sich im vergangenen Quartal an der Börse in Chicago um jeweils rund 15 Prozent, Sojabohnen um 13 Prozent. Auch die Welternährungsorganisation FAO meldete zuletzt zunehmenden Preisdruck. Ihr globaler Lebensmittelpreisindex stieg im August gegenüber Juli um 1,9 Prozent. Die Organisation verweist auf eine ungewöhnliche Kombination aus ungünstigem Wetter, geopolitischen Spannungen und Problemen auf wichtigen Handelsrouten.
Einer der wichtigsten Gründe liegt im Schwarzen Meer. Russland und die Ukraine gehören zu den bedeutendsten Getreideexporteuren der Welt. Vor den jüngsten Angriffen liefen rund 70 Prozent der russischen Getreideexporte über die inzwischen beeinträchtigten Schwarzmeer-Routen. Mehrere wichtige Terminals wurden beschädigt oder aus Sicherheitsgründen stillgelegt. Russland versucht deshalb, Getreide über Häfen an der Ostsee und in der Arktis umzuleiten. Fast 90 Prozent seiner seewärtigen Getreideexporte liefen zuvor allerdings über das Schwarze Meer.
Insgesamt sind die Ernten in der Region gut ausgefallen und es besteht eigentlich kein Mangel an Getreide, aber es ist schwieriger und teurer, die Ware dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird. Transportwege werden länger, Versicherungen teurer und Käufer müssen auf alternative Lieferanten ausweichen. Gerade Nordafrika, der Nahe Osten und Teile Asiens sind stark von Importen abhängig. Dort können steigende Weltmarktpreise sogar noch wesentlich schneller zum Problem werden als in Europa.

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Gleichzeitig wächst ein zweites Risiko heran. Die Weltorganisation für Meteorologie warnt vor einem sehr starken El Niño, der mit nahezu 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit mindestens bis Februar 2027 anhalten und sich zuvor weiter verstärken soll. Ein kräftiger El Niño kann Niederschlags- und Temperaturmuster weltweit verschieben und sowohl Dürren als auch Überschwemmungen und extreme Hitze begünstigen.
Für die Landwirtschaft ist das besonders gefährlich, weil nicht nur eine Region betroffen sein kann. Risiken bestehen bei Weizen und Mais ebenso wie bei Palmöl, Kakao, Kaffee, Zucker oder Reis. Schon schlechte Ernten in wenigen wichtigen Anbaugebieten reichen aus, um die Weltmarktpreise deutlich zu bewegen. Damit entsteht eine ungünstige Konstellation: Das Schwarze Meer beeinträchtigt das vorhandene Angebot, während Extremwetter gleichzeitig die kommenden Ernten gefährdet.
Hinzu kommt ausgerechnet der bereits laufende Energiepreisschock. Diesel wird für Landmaschinen und Transporte benötigt, Erdgas ist ein entscheidender Rohstoff für die Herstellung von Stickstoffdünger. Auch Bewässerung, Trocknung, Verarbeitung und Kühlung verbrauchen Energie. Die Landwirtschaft wird dadurch von allen Seiten getroffen. Zum einen steigen die Preise der Agrarrohstoffe selbst. Zum anderen verteuert sich ihre Produktion.
Die Europäische Zentralbank hat diesen Effekt bereits in ihren Prognosen berücksichtigt. Sie erwartet, dass die Lebensmittelinflation im Euroraum bis zum zweiten Quartal 2027 auf 3,7 Prozent steigt. Als Gründe nennt sie ausdrücklich höhere Energie- und Düngemittelkosten sowie indirekte Folgen des Energiepreisschocks. Diese Prognose stammt allerdings vom Juni, also noch vor dem jüngsten kräftigen Anstieg vieler Agrarpreise.
Wenn diese Belastungen gleichzeitig anhalten, die Schwarzmeer-Routen weiter beeinträchtigt bleiben und El Niño zusätzlich für schlechte Ernten sorgt, können die aktuell noch vorhandenen Agrar-Puffer schnell schrumpfen. Dann würde aus dem derzeitigen Preisanstieg ein wesentlich größeres Problem.
Denn Lebensmittelpreise wirken anders als viele andere Komponenten der Inflation. Haushalte können ihren Verbrauch kaum reduzieren. Und während ein teurer Fernseher einfach später gekauft werden kann, müssen Brot, Fleisch, Milch oder Speiseöl weiterhin auf den Tisch. Gerade für ärmere Länder und einkommensschwache Haushalte kann das zu hohen zusätzlichen Belastungen führen.
Noch steht die Welt nicht vor einer Wiederholung des Lebensmittelschocks von 2022. Doch ausgerechnet in einer Phase, in der hohe Öl- und Dieselpreise die Inflation ohnehin wieder nach oben drücken, kommt nun ein weiterer großer Kostenblock hinzu. Mit Blick auf die nächsten Monate gibt es kaum noch Zweifel daran, dass Lebensmittel teurer werden. Es stellt sich nur noch die Frage, wie stark.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

