Der perfekte Sturm
Vom Hoch zur schlechtesten Währung der Welt in 30 Tagen
Vor einem Monat stand der mexikanische Peso auf einem Zweijahreshoch. Wenige Wochen später war er die schwächste größere Währung weltweit. Dahinter steckt eine unerwartete Verschiebung.
- Der Superpeso verlor im September fast sieben Prozent
- Sinkender Zinsvorteil löst beliebte Carry Trades auf
- Mexikos Wirtschaft bleibt robust, doch Risiken wachsen
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Noch Anfang September schien die Erfolgsgeschichte des mexikanischen Pesos ungebremst. Gegenüber dem US-Dollar kletterte die Währung auf den höchsten Stand seit zwei Jahren. Dann kam die Kehrtwende. Innerhalb weniger Wochen verlor die Währung fast sieben Prozent und entwickelte sich im September schlechter als sämtliche anderen von Bloomberg beobachteten Währungen.
Aus dem lange gefeierten "Superpeso" ist plötzlich ein Problemfall geworden. Doch Mexiko steckt weder in einer klassischen Währungskrise noch ist die Wirtschaft eingebrochen. Der eigentliche Grund liegt an den Finanzmärkten: Einer der beliebtesten Carry Trades der vergangenen Jahre beginnt sich aufzulösen.
Bei einem Carry Trade leihen sich Investoren Geld in einer Währung mit niedrigen Zinsen und investieren es dort, wo höhere Renditen winken. Mexiko bot dafür lange nahezu ideale Bedingungen. Die Zinsen lagen deutlich höher als in den USA, gleichzeitig galt der Peso als liquide und vergleichsweise stabil. Wer mexikanische Anleihen hielt, konnte damit einen hohen laufenden Zinsertrag kassieren. Zumindest solange die Währung nicht stark fiel.
Diese Rechnung funktioniert jetzt aber immer schlechter, denn der große Zinsvorteil schmilzt dahin. Im September erhöhte die US-Notenbank ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent. Die mexikanische Zentralbank Banxico ließ ihren Leitzins dagegen am 24. September zum dritten Mal in Folge unverändert bei 6,50 Prozent. Gleichzeitig betonte sie, ihre Geldpolitik müsse nicht automatisch den Entscheidungen der Fed folgen.

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In der Vergangenheit hatte der große Einfluss der US-Geldpolitik Mexikos Notenbank häufig dazu gezwungen, den Zinsabstand zum US-Dollar im Blick zu behalten. Dass sie trotz einer Fed-Erhöhung nun nicht nachzieht, kann man deshalb als ein wichtiges Signal interpretieren. Denn damit schrumpft der Zinsvorteil des Pesos. Der Abstand zwischen den amerikanischen und mexikanischen Leitzinsen ist aktuell so gering wie seit mindestens 2008 nicht mehr, zeigen Bloomberg-Daten. Allein innerhalb eines Jahres hat sich die Differenz etwa halbiert. Dadurch wird aber das Verhältnis zwischen möglichem Zinsertrag und Währungsrisiko für Carry-Trader deutlich schlechter.
Sobald die Währung fällt, können wenige Prozent Kursverlust den gesamten Zinsertrag auffressen. Dann setzt ein selbstverstärkender Effekt ein: Investoren bauen ihre Positionen ab, verkaufen Peso und treiben den Kurs damit noch weiter nach unten. Dass die Bewegung in den letzten Wochen so heftig ausfiel, hat noch einen zweiten Grund. Der Peso war zuvor sehr stark gestiegen, möglicherweise zu stark. Die Deutsche Bank korrigierte ihre Prognose für das Jahresende vor diesem Hintergrund kürzlich von 17,50 auf 18,20 Peso je US-Dollar. Auch andere Banken wurden vorsichtiger. Société Générale erhöhte ihre Prognose von 17,25 auf 18,00 Peso je US-Dollar. Morgan Stanley erwartet inzwischen 18,25 Peso, Banco Base 18,20 Peso.
Das deutet auf ein typisches Problem stark überlaufener Trades hin: Solange immer neues Kapital nachkommt, kann die Bewegung lange weiterlaufen. Dreht sich jedoch die Stimmung, wollen plötzlich alle gleichzeitig zur Tür hinaus. Beim Peso kommt erschwerend hinzu, dass er zu den liquidesten Währungen der Schwellenländer gehört. In Phasen steigender Risikoaversion können Anleger Positionen deshalb vergleichsweise schnell abbauen. Gleichzeitig haben höhere US-Renditen den Dollar attraktiver gemacht und zusätzlichen Druck erzeugt. Alles zusammen hat sich gerade zum prefekten Sturm für die mexikanische Währung zusammengebraut.
Noch spricht allerdings wenig dafür, dass der jüngste Einbruch eine Währungskrise des Pesos auslösen könnte. Denn wirtschaftlich geht es dem Land alles andere als schlecht. Von Banxico befragte private Analysten haben ihre Wachstumserwartung für Mexiko zuletzt sogar leicht erhöht. Für 2026 rechnen sie inzwischen mit einem Plus des Bruttoinlandsprodukts von 1,40 Prozent nach zuvor 1,30 Prozent. Gleichzeitig wurde die Prognose für die Inflation geringfügig auf 3,87 Prozent gesenkt. Auch die Zentralbank erwartet, dass sich die Inflation bis Ende 2027 ihrem Ziel von drei Prozent annähert.
Einige Risiken bleiben dennoch. Mexikos Wirtschaft ist eng mit den USA verflochten. Handelskonflikte, Zölle auf Autos, Stahl und andere Waren sowie Unsicherheit über die künftigen nordamerikanischen Handelsbeziehungen könnten Investitionen bremsen. Damit würde neben dem schwindenden Zinsvorteil auch eine zweite Stütze des "Superpeso" schwächer werden: die Hoffnung, dass Mexiko langfristig besonders stark vom Aufbau neuer Lieferketten nahe am US-Markt profitiert.
Der entscheidende Test kommt in den nächsten Tagen und Wochen: Stabilisiert sich die Währung um die Marke von 18 Peso je US-Dollar, wäre der September vor allem das Ende einer Übertreibung. Setzt sich die Abwertung dagegen fort, könnte aus dem Ende des Carry Trades eine grundsätzliche Neubewertung der mexikanischen Währung werden.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion
