Das dicke Ende kommt danach
Rohöl fließt wieder – warum Verbraucher trotzdem noch nicht aufatmen sollten
Rohöl kommt fast wieder normal aus dem Golf. Doch an einer anderen Stelle klafft weiter eine massive Lücke – und genau dort entscheidet sich, ob Diesel teuer bleibt.
- Europas Dieselengpass sitzt bei den Raffinerien
- Produktströme liegen deutlich hinter dem Rohöl zurück
- Diesel kann trotz sinkender Rohölpreise teuer bleiben
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Europas nächster Energieengpass sitzt nicht im Ölfeld, sondern in der Raffinerie. Während Rohöl aus dem Persischen Golf inzwischen fast wieder in normalen Mengen fließt, hinken Diesel, Kerosin und andere Raffinerieprodukte deutlich hinterher. Laut JPMorgan liegen die Rohölexporte aus der Region nur noch 11 Prozent unter dem Niveau vor dem Iran-Krieg. Bei Raffinerieprodukten beträgt das Minus dagegen weiterhin 42 Prozent.
Gerade Europa trifft diese Verschiebung hart. Wie Reuters berichtet, sind seit 2009 rund 30 von damals etwa 100 Raffinerien verschwunden oder umgewandelt worden. Die Verarbeitungskapazität in Europa und angrenzenden Ländern sank von rund 17,5 auf 14,4 Millionen Barrel pro Tag. Deutschland hält zugleich rund 5,6 Millionen Tonnen Diesel und Gasoil als Notfallreserve vor; zusammen mit Frankreich lagern dort etwa 35 Prozent der europäischen Bestände.
Die Knappheit hat mehrere Ursachen. Im Nahen Osten sind Raffinerie- und Produktströme durch den Iran-Krieg beeinträchtigt. In Russland haben ukrainische Drohnenangriffe Raffinerien getroffen. Moskau hat die Diesel-Ausfuhren bis Ende Oktober eingeschränkt. Gleichzeitig steigt auf der Nordhalbkugel im Herbst und Winter die Nachfrage nach Diesel und Heizöl.
Damit entsteht ein für Verbraucher unangenehmer Effekt: Selbst wenn Rohöl wieder besser verfügbar ist oder der Ölpreis fällt, müssen Diesel und andere Kraftstoffe nicht automatisch billiger werden. Der Flaschenhals sitzt eine Stufe weiter hinten – dort, wo Rohöl in nutzbare Produkte verwandelt und anschließend über den Weltmarkt verteilt wird.
Wie MarketWatch berichtet, zeigt sich dieser Effekt bereits deutlich in den USA. Dort lag der Dieselpreis zuletzt bei rund 6,41 US-Dollar je Gallone und damit nur knapp unter dem Rekordhoch vom September. Gleichzeitig war der US-Rohölpreis von 119 US-Dollar im März auf rund 90 US-Dollar je Barrel gefallen. Der ursprüngliche Rohölschock hat sich damit zunehmend in eine Kraftstoffkrise verwandelt.
Für Deutschland und Europa liegt das Risiko deshalb weniger in fehlendem Rohöl als in zu wenig freier Raffineriekapazität und knappen Produktströmen. Strategische Reserven können solche Engpässe kurzfristig abfedern. Das strukturelle Problem lösen sie jedoch nicht: Wenn weltweit Raffinerien ausfallen und zugleich weniger Diesel exportiert wird, kann der Preis an der Zapfsäule hoch bleiben, selbst wenn der Rohölmarkt längst entspannter aussieht.
Autorin: Gina Moesing, wallstreetONLINE Redaktion

