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US-Leihhäuser Cash muss kommen

Die Wirtschaftskrise treibt die Amerikaner in die Leihhäuser – und keineswegs nur die Armen. In der Branche herrscht Goldgräberstimmung.

von Tim Schäfer, NewYork

Sie gilt als die berühmteste Porträtfotografin der Welt: Vor allem durch ihre Bilder von Prominenten wie der schwangeren Schauspielerin Demi Moore ist Annie Leibovitz selbst zum Star geworden. Die Rechte an ihren Fotos allerdings gehören Leibovitz nicht mehr – sie musste sie jüngst zum Pfandleiher tragen.

Immer mehr Amerikanern geht das Geld aus. Hohe Kreditkartenrechnungen, Hypothekenlasten oder Arbeitslosigkeit bringen sie in Not. Um Rechnungen oder die Miete zahlen zu können, bleibt vielen nur der Gang zum Pfandhaus.

Fünf Millionen Dollar borgte sich Leibovitz von der Art Capital Group in New York, einem auf Kunst spezialisierten Geldleiher. Schon im Dezember hatte sich der Star von der Firma 10,5 Millionen geliehen. Als Sicherheit hinterlegte die 59-Jährige nicht nur ihr Lebenswerk, die Rechte an ihren Bildern, sondern auch drei Reihenhäuser in Manhattans Greenwich Village plus ein Landhaus.

Die finanzielle Situation der Fotografin, die auch wenige Stunden vor John Lennons Tod den Beatle abgelichtet hatte, ist offenbar dramatisch. Horrende Hypothekenzahlungen haben wohl das Fass zum Überlaufen gebracht. Ihr Studio in Chelsea machte Leibovitz längst dicht. Seitdem Aktiendepots und Immobilien massiv an Wert verloren haben, häufen sich die Pleitefälle unter Prominenten. So suchte auch der New Yorker Maler und Regisseur Julian Schnabel mit seiner Kunst bei einem Pfandhaus Schützenhilfe.

Die Art Capital Group, die in der Madison Avenue im ehemaligen Hauptgebäude von Sotheby’s residiert, nimmt Kunst ab einer halben Million Dollar entgegen. Die Zinsen belaufen sich auf sechs bis 16 Prozent. Bis Ende Dezember hofft das Unternehmen, 120 Millionen Dollar auszuleihen – nach 80 Millionen Dollar im vergangenen Jahr. Auch das Geschäft des lokalen Wettbewerbers Art Finance Partners zog um 40 Prozent an.

Dass immer mehr Reiche zwar auf Sachwerten sitzen, ansonsten aber knapp bei Kasse sind, hat auch Linda Tillman beobachtet. Sie betreibt auf der 48. Straße ein kleines Leihhaus. „Ich treffe hier auf eine breite Schicht von Menschen. In letzter Zeit kommen immer mehr Vermögende vorbei.“ Tillman nimmt Schmuck und Uhren. Zwischen 20 und 50 000 Dollar borgt sie ihren Kunden. Nach vier Monaten bietet sie eine Verlängerung um nochmals vier Monate an. Grundsätzlich gilt: Wer sich nicht mehr blicken lässt, dessen Eigentum verkauft sie. „Mehr als 80 Prozent meiner Kunden kommen aber zurück“, sagt die Frau.

Allein in New York gibt es 200 Leihhäuser. Gewöhnliche Läden wie Tillmans 48th Street Pawnbrokers werden von den Bundesstaaten beaufsichtigt, die auch die Zinshöhe festsetzen. In New York sind die Sätze mit vier Prozent pro Monat die günstigsten in den USA. Zehn Prozent sind beispielsweise in Massachusetts erlaubt.

Die Suche nach dem schnellen Geld breitet sich in den USA wie ein Fieber aus. Landauf, landab schießen Pfandhäuser wie Pilze aus dem Boden, wovon börsennotierte Leihhausketten wie Ezcorp oder First Cash Financial Services profitieren.

Ein Nebengeschäft ist der Goldankauf: In Fernsehspots werden Zuschauer aufgefordert, ihren Goldschmuck per Kuvert einzuschicken. Das gelbe Edelmetall wird dann gewogen und eingeschmolzen. Im Gegenzug gibt’s einen Verrechnungsscheck. Hausfrauen laden zu Goldpartys ein – statt um Tupperware geht es neuerdings um Bares.

Die Goldgräberstimmung in der Branche trübte sich jedoch Ende Februar ein, als bekannt wurde, dass Barack Obama den Sektor stärker regulieren will. Der Präsident ließ vermelden, dass er bei „36 Prozent Zinsen die Obergrenze für alle Amerikaner“ sieht. Zudem müssen Kreditgeber „klare und verständliche Informationen über Darlehensgebühren, Raten und Strafzahlungen bereitstellen“. Da manch ein Anbieter mehr als 36 Prozent pro Jahr einstreicht, wird das neue Gesetz die Marge schmälern. Das ändert jedoch nichts an dem Kampf um Cash.



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Gastautor: €urams exklusiv
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