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Nikolaus, hol die Bazooka raus

Gastautor: Klaus Singer
27.11.2011, 16:00  |  2358   |   |   
Am 6. Dezember ist Nikolaustag. Drei Tage später soll auf einem erneuten Gipfeltreffen der Eurozone die „allerendgültigste“ Lösung der Schuldenkrise des Staatenkonglomerats beschlossen werden.

Dass sich die Staatenlenker dabei den historischen Nikolaus zum Vorbild nehmen, ist wenig wahrscheinlich. Der soll als Abt in der Nähe von Myra in Lykien, dem heutigen Demre in der Türkei (kein Mitglied der Eurozone) gelebt und sein ererbtes Vermögen unter den Armen verteilt haben.

Die am 9. Dezember wieder einmal versammelten Politiker haben sich lange treiben lassen, eine Eigenschaft, die so gar nicht zu dem passt, was man von Staatenlenkern erwartet. Sie haben sich zu lange treiben lassen und so sind sie zu Getriebenen worden (und das ist aus meiner Sicht das mildest mögliche Urteil...).

Wer treibt die Getriebenen? Die „Märkte“. Nachdem der von derselben Führungsriege Ende Oktober gefasste Hebelei-Beschluss hinsichtlich EFSF von den „Märkten“ kurz gefeiert worden war, kam schon kurz darauf die Ernüchterung: Eine Hebelung per 20%-iger Verlustgarantie wurde als bei weitem nicht ausreichend angesehen. Diese Versicherungslösung basierte übrigens auf einem Vorschlag des ehemaligen „Goldman“ Achleitner, noch Finanzvorstand der Allianz.

Die „Märkte“ verstärkten in der Folge ihre Zweifel an der Kreditwürdigkeit der PIIGS in der Eurozone, aber nicht nur das. Auch Kern-Europa muss nun höhere Zinsen für Staatsanleihen zahlen. Zwar hält sich der Aufschlag bei den deutschen „Bunds“ noch in Grenzen, aber die Charttechnik legt nahe, dass künftig weiter steigende Zinsen wahrscheinlich sind.

Die „Märkte“ reagieren spät, aber sie reagieren heftig. Die Renditespreads in der Eurozone steigen über einen wichtigen Pegel, erkennbar am Kursverlauf eines ETFS, der invers an den iBoxx Sovereigns Eurozone total Return Index gekoppelt ist (siehe Chart!).

Angesichts der immer offensichtlicher werdenden Unfähigkeit der Politik, die Krise in den Griff zu bekommen, wollen die „Märkte“ jetzt mit einem noch nie größeren Nachdruck entweder Eurobonds oder unbegrenzte Anleihekäufe durch die EZB, am besten beides.

Der im Chart sichtbare Ausbruch ist auch ein Hinweis auf eine Extremsituation bei der Markttechnik. So lange ihr Zustand „stationär“ ist, können bestimmte, einfache Regeln beobachtet werden. Die Reaktionen des Systems sind leicht vorhersagbar, geringe Veränderungen der Anfangsbedingungen führen nur zu kleinen Reaktionen. Rückkopplungen sind negativ und wirken dämpfend auf das Ergebnis. In Extremsituationen werden die Rückkopplungen innerhalb des Preisbildungs-Systems positiv, sein Zustand wird „chaotisch“. Dann führen schon geringe Änderungen zu großen Ausschlägen bei den Resultaten. In dieser Situation befinden sich die Finanzmärkte aktuell.
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Alles Unsinn. Inflation kommt nur dann zustande, wenn die erweiterte Geldmenge auch die Realwirtschaft erreicht. Und das tut sie bis jetzt nicht, wie die Inflationsraten der letzten Jahre beweisen. Viel gefährlicher ist die derzeitige Tendenz zur Deflation. Das scheinen vor allem die Deutschen (nicht aber die Volkswirte anderer Nationen) zu ignorieren. Die Tragik ist, daß das Schicksal Europas nun an dieser, aus dem historischen Trauma geborenen, überholten sturen deutschen Stabilitätstradition hängt. Der geniale Kostolany hat im vorigen Jahrhundert diese sture Bundesbank-Tradition vehement kritisiert - und wie recht hatte er damit.
Staatsanleihen-Müll ist ein rein spekultaiver Ausdruck, der in keiner Weise der Realität entsprechen muss.
Dass sich Staaten über Banken refinanzieren müssen, ist nicht gottgegeben, sondern politischer Wille, der die Banken an den derzeit hohen Zinsen profitieren lassen will. Unanständig eigentlich, da die hohen Zinsen von Steuerzahlern gezahlt werden und in die Bilanzen von Banken fließen.
Wenn sich amerikanische Banken "zurückziehen", also keine Bonds kaufen, kann man auch annehmen, dass sich sich einfach zurücklehnen und auf noch höhere Zinsen warten.
Länderverfassungen: Länder sind: Bayern, Sachsen, Niedersachsen. Souveräne Staaten sind: Spanien, Italien, Deutschland. Euroländer ist politisch unkorrekt., wenn man nicht Niedersachsen oder Bayern damit meint.
Die Bewertung der Bonds durch die Märkte ist sehr verzerrt: Spaniens Staatsverschuldung in Prozent des BIP ist bei 61 % und Spanien zahlt für einjährige Staatsanleihen 9,09%. Deutschlands Staatsverschuldung in % zum Bip ist bei 83,2% und Deutschland zahlt für einjährige Staatsanleihen derzeit 0,24%. Deutschland hat letzte Woche zudem eine höhere Staatsverschuldung beschlossen. Mal sehen, ob dieses psychologische Problem bei der nächsten deutschen Bond-Auktion korrigiert wird.

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