Meinung
Übertragung der Bankenaufsicht an die EZB

Der gestrigen Übertragung der Bankenaufsicht auf die europäische Ebene habe ich nicht zugestimmt. Einen Teil meiner Gründe habe ich in einer Rede äußern können. Ich glaube, die Zustimmung zur Übertragung erfolgte in völliger Unkenntnis der Bedeutung der
Angelegenheit. Ich nutze die Gelegenheit und stelle meine Gedanken zur EZB-Bankenaufsicht etwas ausführlicher dar:
Die Bedeutung des Projekts kommt am besten in einer Äußerung von Sharon Bowles, Mitglied des Europäischen Parlaments, zum Ausdruck. Sie gehört dort der ALDE-Fraktion an, in der sich auch die FDP organisiert hat. Vor dem Hintergrund ihrer Herkunft aus der ältesten Demokratie der Welt sagte sie: „Unter demokratischen
Maßstäben handelt es sich bei der Übergabe der Bankaufsicht an die EZB um eine weitaus größere Souveränitätsabgabe als bei der Einführung des Euro.“
Mit der Übertragung nationaler Hoheitsrechte auf die Europäische Union zur Wahrnehmung durch die EZB bin ich aus mehreren Gründen nicht einverstanden.
Die Übertragung erfolgt in Verkennung der Problemlage. Der Gesetzentwurf (hier zur Beschlussempfehlung) behauptet, ein Staat könne bei Verbleib der Aufsicht auf nationaler Ebene die Risiken, die
von international tätigen, für die Stabilität des Finanzsystems relevanten Kreditinstituten ausgehen, nicht bändigen, ohne eine implizite Staatsgarantie einzugehen. Ich halte dies, mit Verlaub, für
groben Unfug. Die Risiken für das Finanzsystem rühren nicht von einer zu laxen Aufsicht, die in nationaler Beschränkt- und Blindheit agiert, her. Die Risiken im Finanzsystem sind Folge des
Geldsystems, das den Notenbanken die Geldschöpfung im Kartell mit den Geschäftsbanken ermöglicht. Die Geldschöpfung ist dadurch nicht nur abgehoben von der wirtschaftlichen Entwicklung. Die
Geldschöpfung ist vielmehr komplett entkoppelt von dem grundlegenden Prinzip des Wirtschaftens, vom Prinzip der Knappheit. Die Wirtschaftsrechnung erfolgt zur Lösung des Problems, wie knappe
Ressourcen zu verteilen sind. Preise sind das Werkzeug, dessen sich die Wirtschaftsakteure bedienen, wenn sie Entscheidungen treffen und handeln. Für das wichtigste Element eines
marktwirtschaftlichen Systems, das Geld, ist die Verknüpfung zwischen Knappheit und Verfügbarkeit aufgehoben – insbesondere für manche Akteure, was besonders ungerecht ist. Der „Preis“ des Geldes
stimmt nicht mehr. Für manche Akteure ist Geld daher viel zu leicht verfügbar, denn die Notenbanken können nach Belieben und auf Knopfdruck Geld drucken. An dieses Geld kommen zuerst die
Geschäftsbanken und die Finanzindustrie. Was heute – ursprünglich polemisch, mittlerweile fast schon üblich – als Finanzkapitalismus bezeichnet wird, ist Folge dieser Entkopplung des Geldes vom
Knappheitsprinzip. Das Geld, das wir alle benutzen, wird dadurch ausgehöhlt und seiner Funktion beraubt. Das seiner Funktion entleerte Geld ist verantwortlich für Blasen und vor allem für die von
vielen als ungerecht empfundene Verteilung von Gütern. Diesem Problem kommt man nicht durch eine Aufsicht bei, gleich ob in nationaler oder europäischer Verantwortung. Diesem Problem kommt man nur
durch ein besseres, im Wettbewerb stehendes Geld bei. Geld muss also wieder ein Produkt der Marktteilnehmer werden. Bis dahin werden die Krisen bleiben.
Die angebliche implizite Staatsgarantie, der man durch die Übertragung der Aufsicht beikommen will, ist keineswegs implizit, sondern Folge vorheriger staatlicher Entscheidungen. Die vorherigen
Bankenrettungen auf Kosten der Steuerzahler, angefangen mit Hypo Real Estate und IKB in Deutschland, haben den Grundstein dafür gelegt, dass Gläubiger von Banken
glaubten, ihre Forderungen würden staatlich garantiert. Hätten wir IKB und Hypo Real Estate ohne die Schaffung von Abwicklungsgesellschaften bankrott gehen lassen, wäre dies mit einem
Disziplinierungseffekt verbunden gewesen. Alle Bankengläubiger hätten Konsequenzen gezogen und genau geschaut, ob und zu welchen Konsequenzen sie Banken Kredit geben können. Das Gegenteil ist
passiert: Seit den Bankengläubigerrettungen von IKB, HRE und WestLB verhalten sich die Gläubiger aller Banken disziplinlos. Seitdem lohnt es sich, Gläubiger von Banken zu sein. Leider übertragen
wir dieses Modell einer impliziten Staatshaftung für die Forderungen von Bankgläubigern nun auf die europäische Ebene. Die von der Bundesregierung vertretene Haftungskaskade von Aktionären zu
Gläubigern, zu nationalen Abwicklungseinrichtungen, zu ESM ist fürchterlich schädlich. Eine Insolvenz muss ohne Staatsmittel, gleich an
welcher Rangstelle, auskommen, ansonsten ist es keine marktwirtschaftliche Insolvenz, denn das Verlustprinzip wird für die begünstigten Gläubiger außer Kraft gesetzt. Wir brauchen daher nur eine
einzige Haftungskaskade: Erst die Aktionäre, dann die Gläubiger. In welcher Reihenfolge die Gläubiger haften, ist Sache der vertraglichen Gestaltung mit ihrem Schuldner. Wenn das Vermögen des
Insolvenzschuldners nicht reicht, müssen im Zweifel eben die Gläubiger haften. Ich mache nur eine einzige Ausnahme: Vor allem aus Gerechtigkeitsgründen, aber auch, um den Zahlungsverkehr aufrecht
zu erhalten, sollten Sparkonten und bestimmte andere Konten garantiert werden, so dass sie von der Insolvenz nicht betroffen sind. Dies kann jedoch für den Staat kostenlos passieren (vgl.
mein Abwicklungsszenario). Um diese simple, marktwirtschaftliche, die Vertragsfreiheit bewahrende und steuerzahlerschonende Haftungskaskade durchzusetzen, braucht man
keine europäische Aufsicht und keinen ESM. Die Übertragung der Aufsicht auf die europäische Ebene ist daher komplett überflüssig.
Sie ist zusätzlich ein Verstoß gegen die Europäischen Verträge. Die Bundesregierung meint, die Rechtsgrundlage für die Aufsicht in Artikel 127 Absatz 6 AEUV sehen zu können. Nach diesem geltenden Recht dürfen der EZB nur "besondere Aufgaben im Zusammenhang mit der Aufsicht" übertragen werden.
Doch der Verordnungsvorschlag sieht vor, der EZB die laufende, reguläre Aufsicht zu übertragen. Das war niemals von der Norm beabsichtigt. Das gibt der Wortlaut nicht her und ist rechtswidrig. Aus
der Wahl dieser falschen Norm resultieren überdies Folgeprobleme: Durch die Ansiedlung der Aufsicht bei der EZB werden Geld- und Fiskalpolitik vermischt. Die angeblich eingerichteten sogenannten
Brandmauern zwischen Geldpolitik und Aufsicht sind aus japanischem Papier: Schon jetzt scheint hindurch, was sich dahinter abspielt und bei der erstbesten Gelegenheit werden sie abgefackelt werden.
Mit der EZB machen wir überdies den Bock zum Gärtner. Ziel der Bankenaufsicht war die Schaffung eines unabhängigen Gremiums zur Durchsetzung „deutscher“ Standards für die südeuropäischen,
insbesondere spanischen Banken. Das kann die Aufsicht durch die EZB nicht gewährleisten. Nach der geplanten internen Kompetenzverteilung der EZB wird es ein Aufsichtsgremium und ein
Schlichtungsgremium geben. Doch beide sind im wesentlichen nach dem Vorbild des EZB-Rats eingerichtet. Sie werden von nationalen Interessen dominiert. Beschlossen wird mit einfacher Mehrheit. Von
keinem der beiden Gremien sind daher Entscheidungen zu erwarten, die inhaltlich von der inflationären, die Südländer bevorteilenden „Geld“-Politik des EZB-Rats abweichen oder diesen widersprechen.
Diese europäischen Aufseher sind nicht objektiver als nationale Behörden. Sie werden keinesfalls mutmaßliche europäische Interessen vertreten, da sie ihren nationalen Hintergrund niemals vergessen
könnten. Im Hinblick auf die EZB wissen wir aus Studien, dass die Leitzinsen im EZB-Rat nicht im europäischen Interesse, sondern mit Blick auf die Heimatländer ausgehandelt werden. Für die Aufsicht
durch die EZB wird zukünftig nichts anderes gelten. Entscheidungen der Aufsicht werden nicht irgendeinem fiktiven gesamteuropäischen Interesse folgen, sondern den Interessen derjenigen, die im
Aufsichtsgremium entscheiden. Oder anders: Es ist eine Illusion zu glauben, wir bekämen eine objektive Aufsicht mit „deutschen“ Standards. Ob diese „deutschen“ Standards besser sind, sei ohnehin
dahingestellt.
Doch dieses nicht objektive Aufsichtsgremium wird als institutionalisierte Verkörperung nationaler Interessen weitreichende Entscheidungen treffen können. Es geht nicht bloß darum, ob Direktoren
entlassen werden können oder ob die Aufsicht Geschäftsräume von Banken betreten darf. Vor allem geht es darum, dass die Aufsicht zukünftig dafür zuständig sein wird, Banklizenzen zu erteilen und
Banklizenzen zu entziehen. Die EZB wird zukünftig über den Erwerb von Beteiligungen entscheiden, sie genehmigen oder ablehnen können. Das sind harte Eingriffsbefugnisse. Die EZB hat es zukünftig in
der Hand, welche Form und Gestalt die europäische Kreditbranche annehmen wird. Ob und wie es gegen solche Entscheidungen Rechtsschutz gibt, ist höchst fraglich.
Ich bleibe daher dabei, dass es ein großer Fehler ist, die Aufsicht auf die EZB zu übertragen. Wir machen den zweiten Schritt vor dem ersten. Die Übertragung neuer Kompetenzen auf die EZB ist
mindestens solange ein Fehler wie die derzeitigen Strukturen – nicht nur bei den Stimmverhältnissen – von ESZB und EZB fortbestehen. Das Einzige, was wir auf diese Art bewirken, ist die Tür für
weitere heimliche und offene, mittelbare und unmittelbare Transfers zu öffnen. Ein Europäischer Finanzausgleich darf jedoch nicht innerhalb des Zentralbankensystems stattfinden. Er wäre, wenn man
ihn überhaupt haben wollte, Aufgabe der Politik, die ihrerseits und zu diesem Zeitpunkt jedenfalls keine Legitimation besitzt.
Verfasst von 2Frank Schäffler