Konjunktur: Euro-Krise 2.0 - und dieses Mal ist Deutschland mittendrin
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Konjunktur Euro-Krise 2.0 - und dieses Mal ist Deutschland mittendrin

04.09.2014, 15:51  |  4167   |   |   

Überschuldung, marodes Bankensystem, Reformunlust - An ein kriselndes Europa haben wir uns inzwischen fast schon gewöhnt. Und doch scheint dieses Mal alles anders, denn ein kriselndes Deutschland gehört definitiv nicht dazu. Aber genau das macht die Lage in Europa womöglich brenzliger denn je. Und die Politk?

Dass Europas Wirtschaft kriselt, ok, daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Daran, dass im robusten Deutschland von jeglichen europäischen Krisen nichts zu spüren ist, eigentlich auch. Aber halt! Versunken in unserer deutschen Selbstzufriedenheit, die übrigens von DIW-Präsident Marcel Fratzscher zuletzt scharf kritisiert wurde (wallstreet:online berichtete) hätten wir beinahe übersehen, dass dieses Mal eben doch nicht alles beim Alten ist. Denn anders als bisher scheint die deutsche Wirtschaft dieses Mal gerade nicht krisenresistent zu sein. Im Gegenteil, sämtliche Wirtschaftsdaten wie der wichtige Ifo-Geschäftsklimaindex oder das Brutto-Inlandsprodukt (BIP) zeigten zuletzt deutlich nach unten. Auch die Deutschen selbst scheinen langsam aber sicher das Vertrauen in die eigene Wirtschaftskraft zu verlieren. Laut dem Marktforschungsunternehmen GfK schwand das Vertrauen der Bürger in eine schwungvolle Entwicklung der Konjunktur im August so stark wie noch in keinem anderen Monat seit Beginn der Erhebung im Jahr 1980 (siehe wallstreet:online).

Illusion der „konjunkturellen Unbesiegbarkeit“

Und die Bundesregierung? Die bleibt betont gelassen und übt sich stattdessen weiterhin in „Zweckoptimismus“, wie die „Welt“ es nennt. Demnach gebe sich die Große Koalition noch immer dem „Gefühl der konjunkturellen Unbesiegbarkeit“ hin, indem sie sich lediglich ums Geldausgeben kümmere, nicht aber um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Das könnte Deutschland jedoch teuer zu stehen kommen, zumal die Europäische Hochwetterlage alles andere als günstig ist. Vielmehr scheinen die Gefahren der Euro-Krise, die eigentlich schon längst gebannt schienen, bedrohlicher denn je. Die Währungsunion sei dem wirtschaftlichen Abgrund plötzlich wieder bedrohlich nahe, schreibt die „Welt“, und die Politiker müssen erkennen, dass die Krise alles andere als gelöst ist. Noch dazu scheint sich Deutschland dem Abwärtssog dieses Mal nicht entziehen zu können und genau das macht die Lage so brenzlig.

Neue Probleme treffen auf Altbekannte

Auf den ersten Blick das gewohnte Bild. An die Sorgen der Wackelkandidaten wie Griechenland, Portugal oder Spanien hat man sich inzwischen fast schon gewöhnt. Und auch die Reformunlust der Franzosen oder der Italiener nimmt man nur noch mit einem wissenden Lächeln zur Kenntnis. Allerdings kann sich Deutschland mittlerweile nicht mehr von den Sorgen der anderen Euro-Länder abkoppeln. Aufgrund der eigenen Schwäche wichtiger Handelspartner wie China habe die hiesige Wirtschaft nicht mehr die Kraft, den Euro-Raum insgesamt auf Abstand zur Rezession zu halten, so die „Welt“. Hinzu kommen geopolitische Faktoren, allen voran der Ukraine-Konflikt. Die immer weiter eskalierenden Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine bergen enormes Unsicherheitspotenzial. Nicht nur, dass durch die Sanktionen gegen Russland der für viele Unternehmen nicht ganz unwichtige russische Absatzmarkt weg- oder zumindest einbricht. Darüber hinaus warten viele Firmen vorübergehend erst einmal die „Pause-Taste“, wie Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA), es gegenüber der „Welt“ ausdrückt. Da ein Ende des Konflikts ebenso wenig abzusehen ist wie die Reichweite weiterer neuer EU-Sanktionen, warten viele Unternehmen lieber ab anstatt zu investieren.

Und so werden die fast schon „normalen“ Probleme, sei es die noch immer hohe Staatsverschuldung, das noch immer marode europäische Bankensystem oder der mangelnde Reformwille Frankreichs oder Italiens, eben doch zu einem gefährlich Gemisch, das die EU vor dem wirtschaftlichen Abgrund stehen lässt.

Ohne Instrumente, ohne Ideen

Nun gut, Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden, könnte man jetzt sagen. Aber statt sprichwörtlich die Ärmel hochzukrempeln und die Probleme anzugehen, wirkt die europäische Elite fast wie gelähmt. Selbst EZB-Mario Draghi, einst heldenhafter Euro-Retter, scheinen mittlerweile die Ideen ausgehen. Trotz dauerniedrigem Leitzins und Negativzinsen für Bankeneinlagen will die Konjunktur noch immer nicht anspringen. Ob die heute verkündeten Maßnahmen der EZB, darunter eine erneute Senkung des Leitzinses, eine Verdoppelung des Negativzinses und einem geplanten ABS-Ankaufprogramm, daran etwäs ändern, darf bezweifelt werden. Stattdessen droht Europa eine Deflation, die die Wirtschaft in eine tiefe Rezession stürzen könnte – und das auf Jahre. Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte in dieser Woche fast schon symptomatisch: „Ich glaube, die Geldpolitik ist am Ende ihrer Instrumente angekommen.“ Nun ja, die Politik scheint ihrerseits genauso ideenlos oder wie die „Welt“ es nennt: „Damit (…) sind Europas Wirtschafts- und Geldpolitiker mit ihrem Latein schnell am Ende.“



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Konjunktur Euro-Krise 2.0 - und dieses Mal ist Deutschland mittendrin Überschuldung, marodes Bankensystem, Reformunlust - An ein kriselndes Europa haben wir uns inzwischen fast schon gewöhnt. Und doch scheint dieses Mal alles anders, denn ein kriselndes Deutschland gehört definitiv nicht dazu. Aber genau das macht die Lage in Europa womöglich brenzliger denn je. Und die Politk?

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