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Geldpolitik Das Vollgeldsystem - perfekte Idee oder Schlaraffenland-Ökonomie?

03.11.2015, 12:22  |  2943   |   |   

Hut ab – die Vollgeld-Initiative hat am Wochenende gemeldet, dass sie die nötigen 100 Tausend Unterschriften für ein Referendum gesammelt hat. Bei einem derart komplexen Thema wie dem monetären System ist das sicherlich nicht einfach, auch wenn die von der Initiative dargestellten Vorteile eines Vollgeld-Systems attraktiv erscheinen mögen.

Bei genauerem Hinschauen ist der Preis eines Vollgeldsystems leider sehr hoch: Statt eines stabileren Finanzsystems wären höhere Staatsausgaben, eine ungenügende Kreditversorgung der privaten Wirtschaft und eine schwache Währung, die wahrscheinlichsten Folgen.

Die Vollgeld-Initiative beabsichtig Artikel 99 und 197 der Schweizer Verfassung so zu verändern, dass Buchgeld nicht mehr von Geschäftsbanken, sondern nur noch von der Nationalbank geschaffen werden kann. Damit soll sichergestellt werden, dass die Kontrolle über die umlaufende Geldmenge ganz in staatlicher Hand bleibt. Geld würde über den Staat in den Umlauf gebracht, nachdem es von der Nationalbank dem Staat zur Verfügung gestellt wurde. Damit könnten Staatsschulden abgebaut werden, weitere Staatsausgaben getätigt werden und auch noch alle privaten Ersparnisse gedeckt werden, sodass auch im Krisenfall ein „bank run“ nicht mehr zu befürchten wäre.

Ein tolles System – aber leider zu schön, um wahr zu sein. Es würde bedingen, dass die Zentralbankgeldmenge durch eine Kreditvergabe an den Staat massiv ausgeweitet würde. Bislang ist die Kreditvergabe an den Staat den meisten Zentralbanken der Industrieländer gar nicht erlaubt, da dies in der Vergangenheit regelmäßig zu ausufernden Staatsausgaben und hoher Inflation geführt hat.

In einem Vollgeldsystem würde sich der Staat nicht nur massive Kredite von der Nationalbank aufbürden, sondern auch noch für die aus den Bankbilanzen ausgelagerten Ersparnisse des Privatsektors haften. Das Risiko für den Staat würde sich zudem durch die Finanzierung der Geschäftsbanken erhöhen, da diese Kredite nur noch aus dem von der Nationalbank zur Verfügung gestellten Vollgeld vergeben können. Dies ist wiederum notwendig, damit die Kontrolle über die Geldmenge in staatlicher Hand bleibt.

Richtig ist, dass die Risiken im Bankensystem sinken. Ein „bank run“, wie er im Sommer noch in Griechenland beobachtet werden konnte, wird dadurch fast unmöglich. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Währung stabil bleibt. Ganz im Gegenteil. Die Kreditrisiken werden auf den Staat verschoben, sodass dessen Bonität sinken dürfte und viele inländischen und ausländischen Anleger ihre Ersparnisse in andere Währungen verschieben dürften. Um seine Risiken zu reduzieren, dürfte der Staat in den Kreditvergabeprozess massiv intervenieren. Politisch motivierte Kreditvergabe, Industriepolitik und eine Fehlallokation von Kapital wären dabei die wahrscheinlichsten Folgen. Statt einer perfekten Idee, die nur Vorteile für fast alle Beteiligten bringen würde, dürfte Vollgeld daher eher ein geldpolitisches System für eine Schlaraffenland-Ökonomie sein.

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Kommentare

Dear Chief Economist Karsten Junius,
Criticisms of proposed reforms should always be welcomed, as feedback can potentially help make reforms more robust. However, it would appear that you have mis-understood the proposals put forward by the Vollgeld initiative. In doing so you (maybe accidentally) have misrepresented the initiative; putting forward false claims about how the system would work, and therefore leading you to erroneous conclusions. It might be worth considering spending some more time to understand the Vollgeld proposals. This will most likely allow you to at least submit a valid criticism of the initiative. As it stands however, your mis-representation of the proposal detracts from the overarching discourse on monetary reform in Switzerland. This is not meant as a personal attack, it is merely to humbly suggest, as I hope you can understand, that your mis-understanding of Vollgeld is doing more harm than good. I look forward to seeing what action you will take to correct your mis-representation and consequential erroneous conclusions.
Es erstaunt mich, dass der Chefvolkswirt einer großen Bank (Sarasin)
die Initiative offensichtlich (noch) nicht verstanden hat und mit diesem
Wissensstand im Namen der Bank öffentlich auftritt.

Zitat:
"Ein tolles System – aber leider zu schön, um wahr zu sein. Es würde
bedingen, dass die Zentralbankgeldmenge durch eine Kreditvergabe an den
Staat massiv ausgeweitet würde. Bislang ist die Kreditvergabe an den Staat
den meisten Zentralbanken der Industrieländer gar nicht erlaubt, da dies in
der Vergangenheit regelmäßig zu ausufernden Staatsausgaben und hoher
Inflation geführt hat. In einem Vollgeldsystem würde sich der Staat nicht
nur massive Kredite von der Nationalbank aufbürden, sondern auch noch für
die aus den Bankbilanzen ausgelagerten Ersparnisse des Privatsektors haften.
Das Risiko für den Staat würde sich zudem durch die Finanzierung der
Geschäftsbanken erhöhen, da diese Kredite nur noch aus dem von der
Nationalbank zur Verfügung gestellten Vollgeld vergeben können."

Missverständnisse/falsch Aussagen:
- Die Nationalbank darf weiterhin keine Kredite an den Staat vergeben.
- Die Zentralbankgeldmenge wird zwar ausgeweitet, die Geldmenge insgesamt
bleibt aber stabil, weil lediglich elektronisches Geld der Banken durch
Zentralbankengeld ersetzt wird.
- Der Staat muss nicht für die aus den Bankbilanzen ausgelagerten
Ersparnisse des Privatsektors haften, weil diese keinem Risiko ausgesetzt
sind und jederzeit zu 100% vorhanden sind.

Vollgeld-System
In einem Vollgeld System übernimmt die Nationalbank genau die gleiche
Funktion wie heute, nur bestimmt sie die Geldmenge direkt und nicht indirekt
über Zinsen. Das neu geschaffene Geld wird über eine Bürgerdividende oder
den Staatshaushalt schuldfrei in Umlauf gebracht. Zusätzlich gibt es neu
die Möglichkeit sein Geld elektronisch auf einem Konto aufzubewahren (über
eine Privatbank bei der Nationalbank), ohne das man dabei sein Geld der Bank
überschreiben muss.

Die grösste Auswirkung von einem Vollgeld-System ist, dass die Banken einen
Teil Ihrer Macht/Privilegien abgeben und diese auf die Bürger übergeht. Ich
verstehe dass sich die Bank Sarasin dagegen wehrt, jedoch ist es schon
lustig wenn alle 3 Argumente vom Chefvolkswirten auf Missverständnissen und falsch Aussagen beruhen und er im
gleichen Atemzug das ganze ein tolles System nennt!
In diesem Kommentar sind mindestens vier Punkte zu korrigieren:

a) Neues Vollgeld kommt nicht durch eine Kreditvergabe an den Staat in Umlauf, sondern schuldfrei über Ausgaben.

b) Nicht die Ersparnisse (mittel- und langfristige Anlagen) sondern nur die Zahlungsmittel (Verpflichtungen der Banken auf Sicht) werden aus der Bankbilanz ausgegliedert(=sicheres Geld für Alle).

c) Die Geschäftsbanken vergeben im Vollgeld ihre Kredit nicht nur aus Mitteln der Nationalbank, sondern auch aus Einlagen der Sparer und anderer Anleger. Das Kreditrisiko bleibt somit in erster Linie bei den Anlegern, die dafür mit einem Zins entschädigt werden.

d) Die Kreditvergabe erfolgt weiterhin über die Banken und die Interventionen werden mit Sicherheit nicht höher sein als heute (vgl. z.B. Regulierungen des Hypothekarmarktes)

Mit freundlichen Grüssen
Raffael Wüthrich

PS: Der obige Kommentar im Original von R. Harringer ist hier zu sehen: http://www.4investors.de/php_fe/index.php?sektion=stock&ID=97477
Klar, dass solch eine Version jeden Banker in Angst und Schrecken versetzt :)

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Zitat Mayer Amschel Rothschild:

"Gib mir die Kontrolle über das Geld einer Nation und es interessiert mich nicht, wer dessen Gesetze macht"
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Pest oder Cholera?

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