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Von Markt- und Planwirtschaft Controller an der Macht. Was, wenn Sie versagen? Chaos droht...

Gastautor: Friedrich & Weik
04.06.2016, 08:00  |  3853   |   

»Planwirtschaft«, obwohl als Ausdruck salonfähig, ist unter Ökonomen ein hartes Schimpfwort. Alles, was in der Wirtschaft nicht aus Eigeninitiative entspringt und über das danach nicht der eisige Wind von Angebot und Nachfrage weht, ist von Übel. Das erste Wort, das aufrechte Marktwirtschaftler morgens in den Spiegel sprechen, heißt »Wettbewerb«. Das Gegenteil von uneingeschränktem Wettbewerb wäre – Planung.

Wäre. Wenn nicht auch jeder Unternehmer ein wenig planen müsste, bevor er etwas auf den Markt bringt. Ergo gibt es in der Marktwirtschaft auch gute Planwirtschaft. Wenn sie sich den großen Fragen widmet, heißt sie »Unternehmensstrategie«. In ihrer Öffentlichkeitsarbeit können Kapitalisten bisweilen sogar tiefsinnig werden – sie haben dann eine »Vision« oder eine »Unternehmensphilosophie«.

Den Mühen der Ebene widmet sich dagegen die Disziplin der Budgetplanung, neudeutsch »Controlling« genannt. Das klingt nach Fahrscheinkontrolle. Aber anders als in der Buchhaltung wird hier nicht geschaut, ob es für jeden Zahlungsvorgang einen ordentlichen Beleg gibt (und ob dessen Einreicher die fragliche Summe auch wirklich ausgeben durfte). Controller legen fest, wann ein Unternehmen mit welchen Dingen wie viel Geld einnehmen soll – und wer zuvor wie viel Geld für was ausgeben darf. Anders gesagt: Controller verwandeln ein Stockwerk tiefer die großen Strategien und Visionen der Chefetage in penible Zahlenwerke. In gigantische Excel-Tabellen aus Einkaufsbudgets bis hinunter zu den Bleistiften. Aus Absatzzahlen und Endpreisen für jedes einzelne Produkt. Und aus Gehaltslisten vom CEO bis zum Hausmeister. Buchhaltung ist Vergangenheits­bewältigung. Controlling berechnet Zukunft in Kleingeld.

Man könnte das an sich sinnvolle Tun dieser Stabsabteilung allerdings auch ganz böse beschreiben. Nennen wir das Topmanage­ment spaßeshalber mal »Zentralkomitee«. Was war das noch? Ach ja, das weise Gremium, das genau wusste, was »die Arbeiterklasse« so alles braucht. Jetzt ersetzen wir »Arbeiterklasse« wieder durch »Markt« oder »Kundenwünsche«. Im Prinzip machen Plankommission und Controlling nun das gleiche: Beide legen en détail die Zukunft fest. Und sie verpetzen jeden beim ZK, der seine Planvorgaben verfehlt.

Diese Art des Wirtschaftens kann auch in der Marktwirtschaft lustige Blüten treiben. Unser Verleger hört jetzt mal kurz weg: Auch Buchverlage legen ein Jahr im Voraus fest, wie viel Umsatz und wie viel Gewinn sie machen wollen. Verständlich. Wie alle Unternehmen können auch Verlage nicht wissen, ob die Kunden ihre tollen Bücher kaufen werden. Logisch. Doch oft gibt es sogar Bücher, von denen sie vor einem Jahr noch gar nicht wussten, dass sie deren Autoren unter Vertrag nehmen werden. In der Planung sind das die sogenannten »N. N.-Titel« (von lat. nomen nescio = »Name unbekannt«). Autor, Titel, Inhalt, Umfang und Ausstattung des Buches, all das ist noch unbekannt. Zwei Dinge weiß das Controlling allerdings schon ganz genau: Was das Buch kosten wird; und wie viele Exemplare man im kommenden Jahr verkauft. Klasse, oder?

In der sozialistischen Planwirtschaft sollte die ganze Welt so funktionieren. Fail! In der kapitalistischen Planwirtschaft endet diese eitle Hoffnung immerhin am Werkstor oder an der Ladentür. Bestünde die schöne Welt der freien Marktwirtschaft nur aus lauter kleinen Buchverlagen, Bäckereien und Beherbergungsbetrieben, wäre das auch alles überhaupt kein Problem. Der ganze Planungswahn fiele komplett in die Abteilung »Irren ist menschlich«. Doch in der heutigen globalen Marktwirtschaft gibt es nicht wenige multinationale Konzerne, deren Umsatz das BIP der meisten Nationen deutlich übersteigt. Und gegen deren Controlling-Abteilungen selbst die Planbürokratie der untergegangenen UdSSR eher schlank wirkt. Fatale Folge: Je größer Marktmacht und politischer Einfluss der Global Player werden, desto mehr ähnelt die kapitalistische der sozialistischen Planwirtschaft.

Planwirtschaft in Großkonzernen

Was geschieht, wenn Controller in großen Konzernen das Zepter der Macht übernehmen? Und was geschieht, wenn in eben diesen Konzernen das Controlling komplett versagt?

Zahlen bestimmen die Welt der Unternehmen. Keine wichtige Entscheidung wird ohne die Zustimmung des Controllings getroffen. Folglich hat es heutzutage einen immensen Einfluss in großen Konzernen. Das hat, wie gesagt, starke Züge von Planwirtschaft. War Martin Winterkorn also der Breschnew von VW? Das ist natürlich überspitzt formuliert. Doch auch Konzerne sind eher hierarchisch und bürokratisch strukturiert. Entscheidungen werden weniger von den Mitarbeitern erwartet, sondern oftmals von oben vorgegeben. Zuviel Eigeninitiative ist nicht erwünscht. Die Angst vor Fehlern und dem Verfehlen von Vorgaben ist groß, weil die eigene Karriere an der Planerfüllung hängt, nicht an neuen Ideen, geschweige an gut begründeten Einwänden. Nicht selten schwimmen die eigentlichen Fachleute sogar wider besseres Wissen mit dem Strom. Größe und Flexibilität von Unternehmen verhalten sich daher meist umgekehrt proportional. Pfründe werden erbittert verteidigt. Und Konzerne planen viele Jahre im Voraus. Nicht zuletzt im Zuge solcher »Fünfjahrespläne« wird Marktwirtschaft durch interne Planbürokratie ersetzt.

Auch anderes Verhalten in großen Konzernen erinnert stark an sozialistische Staaten. Seit Jahr und Tag wird von Abteilungen, Bereichen, Regionen oder Direktionen am Ende des Jahres sinnfrei Geld verbraten – weil sonst im kommenden Jahr das Budget gekürzt wird. Sich freuen, dass man manche Dinge günstiger einkaufen konnte? Oder dass sie sich als entbehrlich erwiesen haben? Sparen fürs nächste Jahr? Um Himmels willen! Genau wie in Staaten mit Planwirtschaft gehört die Frage nach dem »Warum?« nicht zu den populärsten. Oftmals entscheiden in großen Konzernen Menschen über Dinge, von denen sie wenig bis nichts verstehen. Konzernbosse, die von ihren Stäben komplett von den Problemen des Tagesgeschäfts abgeschirmt werden, agieren teilweise wie absolutistische Herrscher. Umsatz, Gewinn und Börsenkurs – im Sozialismus war das die Tonnage – sind alles. Wogegen bei vielen wichtigen Entscheidungen Faktoren wie Mensch, Natur oder soziale Verantwortung in den Hintergrund rücken.

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