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2017 erleben Zinssparer ihr wirkliches Waterloo!

11.01.2017, 10:56  |  1884   |   |   

Hätte die EZB nur Verantwortung für Deutschland zu tragen, wären ihre Notenbankzinsen niemals so tief gesunken und hätten Aufkäufe von Anleihen vielleicht nie stattgefunden. Hätte, hätte, Fahrradkette! Die EZB ist nun aber einmal die geldpolitische Versicherung für alle Euro-Staaten und da es der großen Mehrheit von ihnen wirtschaftlich schlecht bis dreckig geht, sind Zinsen und Renditen eben überall in der Eurozone unten.

Vor allem deutsche Anleger zahlen diese Versicherungsprämie schon seit Jahren in Form einer Zins-Entreicherung. Denn sie sind fatalerweise zu durchschnittlich fast 80 Prozent in Sparbuch, Festgeld und Anleihen investiert.

Inflationsdruck voraus?

Preisdruck kann bei Zinssparern zukünftig noch mehr Schmerzen verursachen. So hat die deutsche Inflationsrate einen markanten Sprung von 0,8 im November auf 1,7 Prozent im Dezember gemacht. Seit 1993 war die Preissteigerung nicht mehr so dynamisch. Während damals die deutsche Wiedervereinigung die Inflationsbeschleunigung verursachte, sind es heute die stark gestiegenen Rohstoffpreise vor allem bei Öl und Gas. Und da Rohstoffe auf US-Dollar-Basis notieren, ist der schwache Euro so etwas wie der Turbo für die Inflations-Rallye.

Und mit Blick auf die Schnäppchenpreise bei Rohöl und Gas im letzten Jahr sind 2017 durchgängige inflationäre Basiseffekte möglich. Ebenso könnten sich weitere Ölförderkürzungen der Opec im zweiten Halbjahr – wenn auch nur auf dem Papier – und eine im Jahresverlauf erhöhte Rohstoffnachfrage durch die Trumponomics der Beihilfe zum energieseitigen Preisauftrieb schuldig machen.

Inflationsbekämpfung durch die EZB? Als Rechtsnachfolgerin der Deutschen Bundesbank theoretisch ja…

Und was wäre, wenn sich die Preissteigerung im gesamten Euroraum rapide dem Inflationsziel der EZB von zwei Prozent näherte? Gemäß ihrer obersten Direktive ist unsere Notenbank mindestens stabilitätsmoralisch verpflichtet, die Zinszügel schon aus Gründen der vorbeugenden Inflationsbekämpfung anzuziehen.

Als Rechtsnachfolgerin der tugendhaften Deutschen Bundesbank müssten deutsche Zinssparer theoretisch einen Inflationsausgleich durch eine restriktive Geldpolitik der EZB erwarten dürfen, der ihnen zumindest den Kapitalerhalt sichert. Inflation mögen wir ja ohnehin nicht, wir hassen sie. Sie ist unser Nationaltrauma, das uns schon mit der Muttermilch verabreicht wurde. Jeder hat von Oma und Opa Erzählungen von Geldentwertung oder Währungsschnitt im Kopf, die das Zinsvermögen ähnlich aufgefressen haben wie der hungrige Hund sein Futter im Napf.

Mario Draghi weiß um diese deutschen Empfindlichkeiten. Daher hat er sein Anleiheaufkaufprogramm vorbeugend bis Ende Dezember 2017 verlängert. Unmittelbar vor der Bundestagswahl will er deutschen Sparern nicht erneut mit gelockerter Geldpolitik vor Augen führen, dass Zinssparen nur etwas für hartgesottene Asketen ist.

Und tatsächlich will er ab April monatlich 20 Mrd. weniger Anleihen kaufen. Ein Einstieg in den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik ist dies definitiv nicht. Es ist lediglich Make Up, um die hässlichen Pickel und Mitesser einer stabilitätskranken EZB zu überschminken. Ein merklicher Renditeanstieg wird damit nicht verbunden sein. Denn auch mit zukünftig 60 statt 80 Mrd. Euro Aufkaufvolumen bleiben Anleihen eine aussterbende Spezies mit hohen Kursen und niedrigen Zinsen.

…aus Angst vor den sozialen Kosten praktisch nein!

Machen wir uns nichts vor: Selbst wenn die Inflation ansteigen sollte, wird sie von der EZB nicht nach alter Bundesbank-Väter Sitte bekämpft. Sie wird weder ihre Leitzinsen erhöhen noch ihre großzügig verabreichte Liquidität wieder einsammeln. Diesen Luxus kann sich die EZB nicht mehr leisten. Ansonsten stünde die Eurozone vor einer finalen Zerreißprobe. Um völlig überschuldete Euro-Staaten und mit notleidenden Krediten überhäufte Banken vor der Pleite zu bewahren sowie einer Wirtschaftsdepression vorzubeugen, wird die EZB auch noch morgen und übermorgen geldpolitisch kraftvoll zubeißen müssen.

Eine Flurbereinigung über geldpolitische Normalität, mit der man die planwirtschaftliche Euro-Volkswirtschaft wieder in ein stabilitätsgerechtes, marktwirtschaftliches Gleichgewicht brächte, würde zu hohen „Kosten“ führen. Lassen sich Sozialleistungen nicht mehr mühelos über die EZB finanzieren, würden die Wähler ihre Wahlkreuze womöglich bei linken und rechten Parteien machen, die dem europäischen Gemeinschaftswerk von Herzen den Untergang gönnen.

Das Beispiel Italien beschreibt die Einbahnstraße der EZB: Der Stiefel hat mittlerweile Staatsschulden von etwa 2.300 Milliarden Euro angesammelt. Der Schuldendienst ist nur deshalb zu tragen, weil die Schuldzinsen durch den Stiefelknecht EZB so günstig gedrückt wurden. Im Falle eines Renditeanstiegs von auch nur einem Prozent – was in historischer Betrachtung immer noch paradiesische italienische Zinszustände wären – erhöhte sich die Zinsrechnung für Italien um 23 Mrd. Euro. Das kann Italien nicht mehr stemmen, ohne finanziell zusammenzubrechen.

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